Interview mit Prof. Dr. Cornelia Behnke: Was Paare unter aktiver Vaterschaft verstehen

Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen

Themenschwerpunkt: Ungeplante Vaterschaft

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Interview mit Prof. Dr. Cornelia Behnke: Was Paare unter aktiver Vaterschaft verstehen

Behnke_100„Väter kümmern sich gerne um ihre Kinder. Eine gleichberechtigte Arbeitsteilung in der Familie realisieren aber nur die wenigsten“, sagte Professorin Dr. Cornelia Behnke von der Katholischen Stiftungsfachhochschule München während der Väterfachtagung „Aktive Vaterschaft – erforscht, erwünscht erledigt?“ am 10. Februar 2012 in Essen. Sie referierte über ein noch bis April 2012 laufendes Forschungsprojekt unter Leitung von Professor Michael Meuser am Institut für Soziologie der TU Dortmund. Vaeter.nrw.de sprach mit ihr.

vaeter.nrw.de: Um welche Fragestellungen geht es in der vorgestellten Studie?

Prof. Cornelia Behnke: Wir wollten herausfinden, was aktive Vaterschaft für die Väter konkret bedeutet. Das Thema wird ja stark diskutiert. Es gibt bereits viele Studien, die Einstellungen abfragen und Väter dann zum Beispiel als „modern“, „traditionell“ usw. einstufen. Was Paare jedoch selbst unter aktiver Vaterschaft verstehen, wird nicht deutlich. Für unsere Untersuchung interviewten wir 36 Paare aus verschiedenen gesellschaftlichen Schichten, mit unterschiedlichen Arbeitsteilungsarrangements. Die Paare stammten teils aus West-, teils aus Ostdeutschland. Wir ließen jedes Paar in einer Stehgreiferzählung seine Geschichte rekonstruieren. Der zugegebenermaßen etwas sperrige Titel des Forschungsprojekts lautet: „Gewinne und Verluste. Ambivalenzen einer stärkeren Involvierung des Vaters im familialen Binnenraum.“ Er gibt unsere Forschungshypothese wieder, die sich im Verlauf der Untersuchung bestätigte: Wenn sich Väter in der Familie stärker engagieren, was alle befragten Väter als Gewinn für sich beschreiben, bedeutet das für viele Frauen einen Machtverlust in diesem Bereich. Es war interessant zu sehen, wie die Paare damit umgingen.

vaeter.nrw.de: Wie stellten die Väter ihr Engagement in der Familie und den Gewinn, den sie daraus ziehen, dar?

Prof. Cornelia Behnke: Das Zusammensein mit den Kindern macht den Vätern Freude und ist sinnstiftend. Einer sagte: „Seit ich Kinder habe, komm ich nicht mehr so zum Grübeln.“ Ein anderer: „Mit den Kindern bin ich von null auf 100 auf einer andere Ebene, einer schöneren Ebene.“ Das Leben mit ihren Söhnen und Töchtern ist für viele Väter eine positive Gegenwelt zum beruflichen Alltag, der vielfach als „Tretmühle“ empfunden wird. Väter beziehen ihre Kinder oft auch in ihre Tätigkeiten zu Hause mit ein. Einer beschrieb, wie er am Haus baut und sein Kind mitmacht. Zwar liegt die Hauptzuständigkeit für Kinder und Haushalt in der Mehrzahl der Familien bei der Frau, doch die Väter sind präsent: Sie sind bei der Geburt dabei, nehmen sich die erste Zeit frei, können Windeln wechseln und alle pflegerischen Aufgaben übernehmen. Sie sind dicht am Kind und entwickeln eine enge, liebevolle Beziehung zu ihrer Tochter oder ihrem Sohn. Die Frauen betonen diese Kompetenz der Männer in den Gesprächen häufig und loben sie dafür. Viele Männer reagieren darauf mit Bemerkungen wie: „Aber dir kann ich das Wasser in dieser Beziehung nicht reichen.“ Die Gespräche verdeutlichen eine Hierarchie: Der häusliche Bereich ist nach wie vor in erster Linie Sphäre der Mütter. Väter übernehmen trotz ihrer nachgewiesenen Kompetenz zumeist eine Unterstützer- und Helferrolle. Nur in Familien, in denen sich die Eltern Erwerbs- und Familienarbeit gleichmäßig aufgeteilt haben, konnten wir beobachten, dass es keine „Hoheitsbereiche“ gibt. Ist der Vater langfristig überwiegend für die Familienaufgaben zuständig, kehrt sich das oben beschriebene Verhältnis um. Die Kinder kommen dann zu Papa, wenn sie sich das Knie aufgeschlagen haben. Stark involvierte Väter genießen es oft, verantwortlich zu sein. „Es ist schön, nicht nur so ein 'Deko-Elternteil' zu sein“, sagte einer.

vaeter.nrw.de: Was motiviert Paare, ein wirklich egalitäres Arrangement zu leben?

Prof. Cornelia Behnke: Die Gründe sind häufig pragmatisch: Zum Beispiel arbeiten beide Eltern in Vollzeit und es erscheint ganz natürlich, sich dann auch die häuslichen Aufgaben gleichmäßig aufzuteilen. Wir haben mit Paaren im Osten gesprochen, die sehr erstaunt waren, nach dem Engagement des Vaters in der Familie überhaupt gefragt zu werden. Für andere Paare, bei denen beide mit reduzierter Stundenzahl arbeiteten, waren Zeit mit der Familie, Muße und Freiräume für Kunst oder Sport für beide Elternteile wichtige Werte. Dafür verzichteten sie auf ein großes Auto oder ein eigenes Haus.

Interessant war auch, dass geschlechterpolitische Gründe für egalitär lebende Paare bei der Wahl ihres Lebensmodells gar keine Rolle spielten. Die aktuelle Debatte zum Thema aktive Vaterschaft verfolgten sie nicht. Umgekehrt zeigte sich bei Paaren, die im Gespräch auf diese gesellschaftliche Diskussion Bezug nahmen und eine egalitäre Aufteilung von Erwerbs- und Familienarbeit in der Partnerschaft theoretisch befürworteten, dass sie in der Praxis langfristig ein eher traditionelles Arrangement wählten. Bei den Paaren mit egalitären Arrangements sind die Frauen meist nicht so darauf bedacht, den Haushalt als ihren Bereich zu verteidigen. Dafür entwickeln sie einen stärkeren beruflichen Ehrgeiz.

Dass starkes väterliches Engagement in der Familie von den meisten nicht als selbstverständlich empfunden wird, lässt sich daran ablesen, dass es von den Paaren begründet wird. In der bürgerlichen Mittelschicht ist man sich der fürsorglichen Kompetenz des Vaters nicht so sicher und muss diese deshalb hervorheben. Im Arbeitermilieu ist es den Paaren wichtig zu erklären, dass der Mann, der als „weiblich“ geltende Fürsorgeaufgaben übernimmt, trotzdem ein „ganzer Kerl“ ist.

vaeter.nrw.de: Herzlichen Dank für die spannenden Einblicke, Frau Professorin Behnke.

(vaeter.nrw.de, 23.02.2012)

 

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