Ulrich Dirks führt Väterkurse im Rahmen des Programms "Starke Eltern - starke Kinder" durch. Er berichtet von seinen Erfahrungen.
Ich führe seit etwa eineinhalb Jahren die Elternkurse "Starke Eltern - starke Kinder" beim Deutschen Kinderschutzbund (DKSB) in Dortmund durch. Das Programm wurde erstmalig 1985 vom Kinderschutzbund Aachen angeboten und erprobt. Im Jahr 2000 wurde das Programm durch die Unterstützung des Bundesfamilienministeriums und der Ausbildung von Multiplikatorinnen bundesweit bekannt gemacht. Ziele der Elternkurse sind die Erziehungsfähigkeit der Eltern zu stärken, sie zu stützen und den Eltern Raum zu geben, über ihren Erziehungsalltag zu reden.
Um einen Zugang für das Thema "Väterkurse" zu bekommen, ist es vielleicht hilfreich zu skizzieren, wie es mir selbst ergangen ist, als ich die Ausbildung zum Elternkursleiter absolviert habe.
Eigenes Erleben als Voraussetzung
Die Ausbildung dauert von Freitagvormittag bis Sonntagnachmittag. Am Freitagmittag saßen wir - 14 Frauen, 2 Männer und unsere Kursleiterin - im großen Gruppenraum der Tagungsstätte zusammen. Ich saß mit einem mulmigen Gefühl auf meinem Stuhl, weil ich wusste, dass ein Teil dieser Ausbildung die Selbstreflexion ist: Ich sollte über Situationen meines Erziehungsalltages sprechen und dadurch zeigen, wie ich mich bei der Erziehung meiner Kinder "anstelle". Sollte ich wirklich vor allen Leuten beschreiben,
Was mich aufhorchen ließ war, dass die Mütter in der Runde über eben solche Vorfälle erzählten. Ich weiß nicht, wie sie sich fühlten, als sie es erzählten, aber sie hatten den Mut es zu veröffentlichen. Meine Scham wurde kleiner und als ich mich der Runde vorstellte, konnte ich relaxter über meine verkorksten "Erziehungsmethoden" reden. Im Laufe dieses Wochenendes wurde ich freier, über mich als Vater und meinen Erziehungsstil zu sprechen. Auf dem Heimweg nach Dortmund wurde mir dann deutlicher, dass es in den Kursen gerade darum gehen könnte, miteinander zu reden, um aus der Isolation herauszukommen. Ich sollte vielleicht nur nicht sofort sagen, was bei uns in der Familie manchmal alles so quer läuft.
Ich denke, wir Eltern sind oft davon getrieben, den Anschein aufrecht zu erhalten, was für eine "perfekte" bzw. "richtige" Familie mit "lieben" Kindern wir sind - weil wir es nicht gelernt haben, uns darum zu kümmern, wie es uns in der Familie gut geht und wie wir dazu beitragen können, dass es auch anderen Familien gut geht. Mein Bild von einer Familie ist ein Dampfkochtopf: da brodeln Wünsche, Bedürfnisse, Erwartungen, emotionale Befindlichkeiten von unterschiedlichsten Menschen - und das alles zusammen sind wir nun einmal, als Familie auf engstem Raum. Dass dabei manchmal der Deckel fliegen geht, weil Erwartungen oder Wünsche nicht erfüllt werden oder die emotionale Befindlichkeit eines Familienmitglieds den Rest der Familie "auf die Palme jagt", ist mir bewusster geworden. Denn: Es geht darum, in der Familie eine eigenständige Kultur zu entwickeln, die ganz anders aussehen kann, als die der Nachbarn, wo es möglich ist, seine Wünsche und Bedürfnisse anzubringen und wo Konflikte und Streit, neben schmusen und herumtollen, ebenfalls ihren Platz haben.
Was denken wir uns eigentlich?
Warum haben wir Männer so oft Vorstellungen von einer "perfekten" oder "richtigen" Familie mit "lieben" Kindern? Ich denke, dass gerade wir Männer, was die Veröffentlichung des familiären Lebens anbetrifft, große Probleme haben und den Schein wahren wollen. Ich vermute mehrere Ursachen:
Mein erster Väterkurs
Zurück zum Väterkurs. Mein erster Abend als eigenständiger Elternkursleiter - und dann auch noch für eine reine Männer-/Vätergruppe - war schon sehr aufregend. Gerade als Mann hatte ich das Gefühl, ich stehe auf einem Prüfstand: "Was kann der uns denn wohl erzählen?".Dass Eltern im Elternkurs darauf warten, dass es nun Tipps und Handlungsanleitungen vom Elternkursleiter zu bekommen, war mir aus der Schulung bekannt und wurde in der Vorstellungsrunde auch gleich bestätigt. Also suchte ich die Offensive, stellte das Konzept des Kurses vor und sprach meine Rolle an. Ich sagte den Vätern, dass ich sie durch das Seminar führe, dass wir an Hand von Arbeitsblättern immer wieder Modelle in der Erziehung besprechen und ich ihnen auch theoretisches Wissen weitergeben würde. Ich sagte ihnen aber auch, dass ich meine Unzulänglichkeiten als Vater immer wieder einfließen lassen würde. Und ich würde ihnen aus meinem Familienalltag erzählen, damit sie sähen, dass ich nicht perfekt sei und es darum auch nicht gehe. Dass sie weiterhin nach 10 Abenden nicht vollkommen neue Väter seien, sondern der Kurs ein Einstieg sei, um sich auf einen anderen Weg in der Beziehung zu den Kindern zu machen - denn für die Erziehung gibt es kein statisches "So wird das jetzt gemacht und dann geht es besser". Unsere Kinder werden älter und selbstständiger und wenn wir wollen, wachsen wir mit, da wir vor immer neuen Herausforderungen stehen werden. Weiterhin würde der Kurs anregen, sich über den Erziehungsalltag Gedanken zu machen und in den Gesprächen mit uns Vätern könne sich jeder Vater dann auch Unterstützung holen. Schließlich, dass mit dem Elternkurs ein neues Lernen beginnt und vielleicht eine Experimentierfreude, die Beziehungen anders zu gestalten.
Durch diese Eröffnung habe ich, so glaube ich, das Eis gebrochen.
Mit zunehmender Dauer des Elternkurses wurden die Väter offener und erzählten aus ihrem Alltag. Dass dieser Kurs ganz gut gelang, liegt an verschieden subjektiv wahrgenommenen Aspekten und Interpretationen, die ich kurz nennen möchte.
Väter unter sich
Ein erster Aspekt ist, dass wir Männer/Väter unter uns waren. Bereits Dieser Aspekt beinhaltet schon verschiedene Dimensionen.
Meine Erfahrung in Bezug auf Männer in anderen Elternkursen ist: Wenn Männer in Elternkurse kommen, sind sie meist in Begleitung der Partnerin. Diese hat meistens die Initiative übernommen und beide für den Kurs angemeldet. In den Kursen bin ich dann auf das Phänomen gestoßen: die Frauen möchten gerne, dass ich als männlicher Elternkursleiter den Männern sage, was sie in der Erziehung tun könnten, damit es nicht soviel Stress gibt. Es gibt dann einiges Erstaunen darüber, dass ich diesem Wunsch nicht nachkomme. Die Kunst in diesen Kursen ist, sich weder zum "Komplizen" von den Männern noch von den Frauen zu machen. Denn wichtig ist, dass beide Elternteile ihren sehr eigenen Erziehungsstil haben, über diesen ebenso wie über die Erziehungsziele aber gesprochen werden muss - besonders dann, wenn einem der Partner etwas sehr stark stört. Ein Beispiel ist immer wieder, das die Väter abends noch immer mit ihren Kindern rumtoben, und dadurch die Zu-Bett-geh-Phase nach Ansicht der Mütter zu lange dauert.
Wenn ich den Männern nun sagen würde, wo es längs geht, würden sie sich in die defensive Rolle gedrängt fühlen. Mit entsprechenden Aufforderungen der Frauen mir gegenüber klingt bei den Vätern unterbewusst an: "Was ich mache, ist nicht richtig". Im Verlauf der Elternkurse ist es überdies so, dass die Redeanteile der Frauen wesentlich höher sind. Dies liegt auch daran, dass den Müttern - und zwar von beiden Seiten - eher die Rolle der Erziehungsexpertin zugedacht wird, da sie ja sowieso mehr Zeit mit den Kindern verbringt. Damit birgt das häusliche Umfeld und wie der Kontakt in der Familie aussehen soll, für manche Väter allerlei Unsicherheiten.
Entlastung
In dem reinen Väterkurs nun gab es diese Reibungspunkte zwischen den Geschlechtern nicht. Ich denke, das hat die Väter entlastet und - bezogen auf zukünftige Väterkurse - ist dies ein wichtiger Bestandteil, damit Väter sich öffnen können.
Der Väterkurs bietet überhaupt die Möglichkeit zur Entlastung, d. h. es gibt Raum, um auch darüber reden zu können, wie belastet Väter durch ihre Arbeit sind - ohne das ihnen gleich nachgesagt wird, sie wollten nur rumjammern. Ich bin immer wieder erstaunt, wie weit Väter zu ihrem Arbeitsplatz fahren. Wege von 1-1,5 Stunden sind keine Seltenheit, d.h., manche Väter sind schon um 5 Uhr morgens aus dem Haus. Auch diese Zeit fehlt in der Familie. Viele Väter haben aber den Wunsch, mehr Zeit für ihre Kinder aufbringen zu können.
Die Arbeit im Kurs geht also über den eigentlichen Inhalt hinaus, wie z.B. einfühlsames Zuhören oder Verhandlungskunst. Es geht mir auch darum, mit den Vätern zu besprechen, wie die Zeit nach der Arbeit gestaltet werden kann. Was ist das Bedürfnis des Vaters, wenn er zur Tür hereinkommt? Wie kann ein Einstieg in den schon laufenden Familienbetrieb aussehen? Z. B. 30 Minuten Ruhepause oder mit der Partnerin gemeinsam eine Tasse Tee trinken?
Akzeptanz und Wertschätzung
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Akzeptanz für die Tätigkeiten und die Verfassung des jeweiligen anderen Elternteils. Wenn dies nicht gelingt, gerät so manches Gespräch in eine Schieflage. Dass ich die Belastungen eines Arbeitstages verstehe, habe ich den Vätern gegenüber schon angedeutet. Ich versuche aber auch - aus eigener Erfahrung und einem langen Lernprozess heraus -, ihnen mitzuteilen, was es (für ihre Partnerinnen) heißt, den Tag über zu Hause zu sein: Dass neben dem Haushalt mit Kochen, Bügeln oder Putzen die Kinder immer wieder ihre Bedürfnisse haben. Und dass der ständige Kontakt zu Menschen viel Aufmerksamkeit und damit Kraft benötigt. Mit dem Beispiel: "Stell dir vor, du siehst gerade die Sportschau und dein Kind hat ein schwieriges Problem: Wie gehst du damit um?" beginne ich, den Vätern das Problem näher zu bringen. Oft kommen dann Äußerungen wie "Ich schicke es raus", "Ich vertröste es auf die Zeit nach der Sportschau" oder "Es soll zur Mutter gehen". Ich treibe die Situation dann weiter: Sie sollen sich nun vorstellen, dies alles geschähe immer wieder über den Zeitraum eines Arbeitstages verteilt und es handele sich nicht um die Sportschau, sondern man sei dabei, alles zu machen, was im Haushalt gerade anfällt, und man habe kein Büro oder sonst einen Ort, wo man die Tür einfach zu machen könne. Selbst Vater, schildere ich ihnen Tagesabläufe im Haushalt und meine vielen Schwierigkeiten, die ich hatte, weil ich ab mittags für unseren Haushalt zuständig bin - und die Väter kommen ins Grübeln.
Als männlicher Kursleiter habe hier einen weiteren Vorteil. Ich kann das, was ich ab mittags mache, einfach beschreiben und brauche es nicht als Vorwurf in den Raum zu stellen, nach dem Motto: "Du weißt ja gar nicht, was ich den ganzen Tag alles so mache!". Die Dynamik, die sich aus einem solchen Vorwurf oft ergibt, ist vielen Vätern - auch mir selbst - bekannt. Ein solcher Vorwurf fördert eher den Trotz und Widerstand bei uns Männern als ein tieferes Verständnis.
Das Rumtoben der Kinder
Wie bereits oben beschrieben, ist ein Thema immer wieder das Rumtollen am Abend. Auch hier versuche ich den Vätern, ebenso wie den Müttern, nahe zu bringen, dass das Rumtoben für Kinder wichtig ist - und eine wichtige Ressource, die wir Männer nutzen sollten. Dieses Spielverhalten führt beim Kind zu neuen Herausforderungen, es lernt etwas über das Risikoverhalten und gefördert wird die Entwicklung des Selbstwertgefühls. Ich weise aber gleichzeitig darauf hin, dass nicht unmittelbar vor dem Schlafengehen getobt wird, da die Kinder vor dem Zu-Bett-gehen noch eine Phase brauchen, wo sie ruhig werden können, wo es Zeit gibt, noch einmal gemeinsam über den Tag zu sprechen und eine Gute-Nacht-Geschichte vorzulesen. Vielen Vätern ist dies überhaupt nicht bewusst und sie bekommen eine Erklärung dafür, warum es manchmal abends so lange dauert, bis die Kinder einschlafen.
Was bleibt?
Ich habe zu erklären versucht, warum ich es wichtig finde, Väterkurse im Rahmen von Starke Eltern - starke Kinder durchzuführen. Mir ist beim Schreiben - im Vergleich gemischte Gruppe / Vätergruppe - noch einmal deutlicher geworden (und dies meine ich nicht wertend, sondern verstehe es als Phänomen), dass die Dynamik zwischen den Eltern, was ihre Ziele, Einstellungen und Verhaltensweisen betrifft, doch sehr stark wirkt und den Alltag bestimmt. Dieses Phänomen kam in der reinen Vätergruppe so nicht zum Tragen und hat dazu beigetragen, dass die Gesprächsatmosphäre von allen als sehr angenehm empfunden wurde - vielleicht eine wichtige Voraussetzung, um die Aufmerksamkeit von Vätern für Haushalt und Kinderalltag zu wecken.
Trotz dieser positiven Erfahrungen ist es schwierig, Männer für die Kurse zu gewinnen. Vielleicht wird über diesen Beitrag deutlich, dass es spannend sein kann, sich mit anderen Vätern über Kinder und Erziehung auszutauschen. Wenn jemand weitere Ideen und Gedanken hierzu hat, bin ich sehr daran interessiert, sie zu erfahren.