Interview mit Dr. Thomas Gesterkamp, Journalist und Buchautor sowie langjähriger Chronist für Väterfragen.
Herr Gesterkamp, als Journalist und Buchautor, als Referent und immer wieder gefragter Moderator für viele Veranstaltungen, aber nicht zuletzt auch persönlich als Vater, kennen Sie das Väterthema seit vielen Jahren aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Wie nehmen Sie die aktuellen Diskussionen um Elternzeit, "Papamonate" und weitere Themen, die Väter beschäftigen, wahr?
Die so genannten, aber gar nicht mehr so "neuen" Väter bewegen sich heute vielfach zwischen Laptop und Wickeltisch - was nach Problem und Entscheidungsdruck klingt, aber auch nach Entdeckung und Herausforderung. Mit Fragen nach den Lebensverhältnissen von Vätern heute setzen sich aber nicht nur Experten auseinander, sondern auch ganz normale junge Eltern im Schwarzwald oder in der westdeutschen Provinz. Bei meinen Vortragsreisen habe ich die Erfahrung gemacht, dass Diskussionen über Männer, Frauen und das Geschlechterverhältnis in Großstädten nur anders geführt werden als in Kleinstädten oder auf dem Land. In Köln oder Frankfurt etwa wird ein Austausch darüber geführt, wie man als Vater in Elternzeit die mobbenden Kollegen in Schach hält, dagegen streitet man in Gronau oder Deggendorf noch über die Frage, ob Mütter überhaupt arbeiten gehen sollen - aber immerhin. Es bestehen zeitliche Ungleichheiten, und in diesem Sinne ist es für viele sicher noch neu, dass auch Väter zwischen Kind und Karriere balancieren.
Skizzieren Sie doch einmal eine Entwicklung, denn Sie haben sich ja schon 1996 in "Hauptsache Arbeit?" über Männer zwischen Beruf und Familie Gedanken gemacht...
Der Stand der Väter-Debatte ist heute ein anderer als Mitte der neunziger Jahre. Männer zwischen Beruf und Familie waren damals noch kein öffentlich diskutiertes Thema, das hat sich langsam entwickelt. Ich kann mich an eine Tagung der damaligen Familienministerin Claudia Nolte erinnern, in der ganz selbstverständlich davon ausgegangen wurde, dass nur Frauen Vereinbarkeitsprobleme haben. Etwas absurd daran war, dass Frau Nolte als junge Mutter ihre politische Rolle in Bonn nur spielen konnte, weil sich ihr Partner zu Hause in Thüringen um die Kinder kümmerte.
Die politischen Rahmenbedingungen von Vaterschaft haben sich seither wenigstens teilweise verändert...
Ja, aber das passiert schleichend. Der in vielen Bereichen noch patriarchale Sozialstaat fördert mit Ehegattensplitting, Krankenmitversicherung von Ehefrauen und Witwenversorgung weiterhin die alte Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern. Daran will auch Ursula von der Leyen nicht grundsätzlich rütteln. Elterngeld und "Papamonate" sind für aktive Väter sicher ein großer Fortschritt. Erstmals wird ihnen auch finanziell ein attraktives Angebot gemacht, das berücksichtigt, dass sie in vielen Familien weiterhin die Haupternährerrolle stemmen. Die Erwartungen ihrer Partnerinnen sind für viele Männer aber auch ein echtes Dilemma: Sie sollen oft die Versorger bleiben, sich aber auch privat engagieren und liebevoller Erzieher sein. Immerhin zeigen die vorläufigen Auswertungen zum neuen Elterngeld, dass der Prozentsatz der Männer unter den Antragstellern deutlich steigt und sich bereits verdoppelt hat. Das relativiert die Skepsis, die ich immer wieder auf Frauenveranstaltungen zu spüren bekomme, wenn es um die "neuen Väter" geht. Da bewegt sich doch wirklich etwas, es handelt sich also keineswegs um eine "Vater Morgana"! Das Klagelied über unsere "Alltagsvergessenheit" oder die angebliche "Scheu vor dem feuchten Textil" sollte allmählich etwas leiser angestimmt werden. Und das verstaubte, zwanzig Jahre alte Ulrich Beck-Zitat von der "verbalen Aufgeschlossenheit bei weitgehender Verhaltensstarre" hat doch langsam ausgedient. Es ist zwar auf jeder Tagung für einen Lacher gut, kann aber zu Unmut bei jenen Männern führen, die gegen alle Widerstände ihre Vaterrolle ernst nehmen.
Wie viele Männer betrifft das denn? Von einer echten Väterbewegung kann ja wohl nicht gesprochen werden?
Stimmt, das Wort "Bewegung" klingt nach Massenprotest, nach Aufmärschen Hunderttausender und passt deshalb nicht. Lange Zeit hatten Vereinigungen von "entrechteten" Trennungsvätern einen großen Zulauf. Durch die veränderte Rechtslage beim Umgangs- und Sorgerecht hat sich dieses Problem seit Ende der neunziger Jahre entschärft, ist aber keineswegs vom Tisch. Auf jeden Fall gilt weiter, dass die meisten Männer erst in persönlichen Krisen anfangen, über sich und ihr Leben nachzudenken - das war ein Ergebnis des verstorbenen Dieter Schnack und mir bei unseren Recherchen zu "Hauptsache Arbeit?". Die Veränderung der Geschlechterrollen ist ein zäher Prozess, und auf die Väter bezogen handelt es sich dabei um junge Pflänzchen, die Dünger und Pflege brauchen. Es gibt einen Wertewandel bei Teilen der jungen und mittleren Generation: Immer mehr Männer sind es leid, zu Hause nur Zaungast zu sein, sie interessieren sich für ihr Privatleben und für ihre Kinder - ein Bedürfnis, das auch den Personalchefs auffällt und mit der Work-Life-Balance-Debatte zu einem Dauerbrenner der Managementpresse geworden ist. In den Unternehmen werden Väter bisher aber noch zu wenig als solche wahrgenommen. Männer artikulieren sich eher in privaten Zirkeln, in kirchlichen Kreisen oder auf Bildungsveranstaltungen. Auf regionaler Ebene haben sich in den letzten Jahren Netzwerke von Fachkräften und politischen Aktivisten entwickelt, die sich austauschen und Beratung anbieten. Das "Väter-Experten-Netz Deutschland" (VEND; www.vend-ev.de), das ich mitbegründet habe, versteht sich als eine Art Dachverband dieser Initiativen und als bundesweite Lobby.
Zur historischen Einschätzung eine Frage an den langjährigen Beobachter und Chronisten des Themas "Väter": Der Frauenbewegung ist es wenigstens teilweise gelungen, das Private zu politisieren - mit vielen erfreulichen Impulsen für die Geschlechterdebatte insgesamt. Nun wird zunehmend über Väter gesprochen, aber mein Eindruck ist hier ein umgekehrter: Mehrheitlich wird das Männerpolitische eher privatisiert, um nicht allzu sehr aufzufallen, anzuecken, sich unbeliebt zu machen. Teilen Sie diesen Eindruck?
Beim Väterthema fällt mir auf, dass man es auch völlig unpolitisch diskutieren kann - was zu einem größeren Teil auch geschieht. Ich kann mich an einen großen Aufmacher in einer Wirtschaftszeitung vor ein paar Jahren erinnern, sinngemäß "Väter zwischen Familie und Beruf", mit schönen Fallgeschichten, zum Teil sogar von Führungskräften, die ihre Work-Life-Balance beschrieben. Dort war ich als Experte befragt worden. Später habe ich dann noch einmal mit der Redakteurin gesprochen und gesagt, dass über das Thema "Verlängerung der Arbeitszeiten", was damals aktuell diskutiert wurde, kein Wort vorgekommen sei. Da meinte sie nur, das hätte doch überhaupt nichts mit dem Väterthema zu tun! Das war typisch und zeigte einmal mehr, wie das Väterthema von der Politik abgekoppelt werden kann. Es wird eher als psychologischer Diskurs unter dem Titel "Kinder brauchen Väter" geführt - was ja auch stimmt und dagegen bin ich auch gar nicht. Aber es gibt eben beide Seiten und mein Konzept war immer, Politik und Privates zusammenzubringen und zu diskutieren. Ich nehme manchen Betrieben oder Vorgesetzten durchaus ab, dass sie väterfreundlich sein wollen. Das wird dann mit sachlichen Argumenten begründet: Demografie, Fachkräftemangel, Arbeitnehmer im Betrieb halten, Loyalität. Es ist auch eine Hoffnung, die da mitformuliert wird, und diese Hoffnung bestimmt ein bisschen die Sachdiskussion, die geführt wird. Ich würde deshalb zustimmen, dass viele Männer und Väter in den Betrieben versuchen, Arbeitszeitreduzierung eher privat zu regeln, denn im politischen Raum und in den Betrieben taucht das Thema eher nicht oder noch viel zu wenig auf. Dennoch bewegt sich auch väterpolitisch etwas. Ich will die Situation nicht optimistischer beschreiben als sie empirisch belegt werden kann, und ich bestreite auch nicht die nach wie vor existente Minderheitenkultur der aktiven Väter. Aber wir sind heute doch weiter als vor 10 Jahren.
Noch einmal 10 Jahre weiter, 2017: Wie sind Ihre Prognosen zu Entwicklungen, Themen, Baustellen, die für Väter dann von Bedeutung sein werden?
In zehn Jahren werden andere Themen im Vordergrund stehen. Ich denke, dass bis dahin die politischen Rahmenbedingungen völlig verändert sein werden. Die patriarchalen Regularien des Sozialstaats - Ehegattensplitting, kostenlose Mitversicherung von Hausfrauen, Witwenrente, lebenslanger Unterhalt - werden abgeschafft oder zumindest sehr umstritten sein. Es wird eine selbstverständliche Väterlichkeit geben, im privaten Alltag und im öffentlichen Raum, wie sie etwa in der Dresdner Neustadt oder am Berliner Prenzlauer Berg bereits sichtbar ist. Und es wird selbstverständlich sein, dass Mütter einen wesentlichen Teil zum Familieneinkommen beitragen. Häufig werden Frauen wegen ihrer besseren Bildungsabschlüsse sogar mehr verdienen, was die Veränderung der Männerrolle zusätzlich befördert. Die heutige Dominanz des Ernährermodells wird abgelöst durch eine bunte Vielfalt, Elternschaft zu leben - auf der Basis von gegenseitiger Anerkennung und Respekt. Was wir aber stets brauchen werden, sind positive Beispiele für ausbalancierte Partnerschaften, die ermutigen und zum Nachahmen anregen.
Vielen Dank für das Gespräch!