Interview mit Hans-Georg Nelles, Vater dreier Kinder, der sich als Sozialwissenschaftler und Organisationsberater seit mehr als 10 Jahren beruflich in unternehmensbezogenen Väterfragen engagiert.
Herr Nelles, bereits seit 1997 befassen Sie sich beruflich mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Sie können daher auf viele Erfahrungen zum Thema Väter und Arbeitswelt zurückblicken. Was hat Sie überhaupt motiviert, sich dieses Themas anzunehmen und welche sind Ihre wichtigsten Erfahrungen?
Das Thema beschäftigt mich seit dem Zeitpunkt, an dem ich vor über 23 Jahren mit meiner ersten Tochter auf dem Spielplatz gesessen habe, allein unter Frauen. 1997 ergab sich dann die Möglichkeit, mich in diesem Feld auch (haupt-) beruflich zu engagieren. Meine Aufgabe war es, als Mann in den Unternehmen ein Thema zu kommunizieren, das dort fast ausschließlich mit 'Mutter' und 'Frau' verbunden wurde. Eine meine wichtigsten Erfahrungen ist, dass ein 'Nein' nicht 'nein' heißt, sondern dass mein Gesprächspartner sich im Moment bestimmte Dinge einfach nicht vorstellen kann und er bzw. sie noch etwas Zeit braucht. Wenn sich jemand aber etwas nicht vorstellen kann, wird er es auch nicht umsetzen. Es sind immer noch dicke Bretter zu bohren und Mann braucht einen langen Atem. Es gelingt aber in vielen Fällen, mit einem "passenden Sachzwang" Türen zu öffnen.
Sie haben in verschiedenen Projekten gearbeitet, u.a. in einem zum Thema "Berufliche Qualifizierung während der Elternzeit". Was waren zentrale Ergebnisse dieser Projekte?
Die Erkenntnis, dass die Beschäftigten in der Elternzeit von sich aus ein Interesse haben, gut qualifiziert an den alten Arbeitsplatz zurückzukehren oder die Zeit für eine berufliche Neuorientierung zu nutzen. Die Bereitschaft zu räumlicher Mobilität und zeitlicher Flexibilität ist in der Regel vorhanden, dazu müssen aber auch die Rahmenbedingungen wie zum Beispiel Kinderbetreuung für unter Dreijährige stimmen. Insbesondere in den ländlich strukturierten Räumen scheitert daran der Wunsch vieler Beschäftigter, schon während der Elternzeit in Teilzeit zu arbeiten. Da Arbeitgeber aber angesichts des sich abzeichnenden Fachkräftemangels ein Interesse haben, das gut ausgebildete Kräfte nicht erst nach drei Jahren zurückkehren, werden sie an dieser Stelle verstärkt Druck auf die Politik ausüben - dergestalt, dass es nicht nur zu guten Worten, sondern auch zu Taten, also einer ausreichenden Zahl an Betreuungsplätzen, kommt. Das war vor 10 Jahren, als in vielen Bereichen Arbeitskräfte 'freigesetzt' worden sind, noch anders.
Aktuell leiten Sie das auf drei Jahre angelegte Projekt "Väter & Karriere". Dabei beraten und unterstützen Sie Unternehmen in Sachen Väter sensibler Personalarbeit. Welche Unternehmen (Branchen, Betriebsgrößen) sind das? Welche Veränderungen sind bisher erreicht worden?
Ich werde immer wieder gefragt, ob Unternehmen aus bestimmten Branchen für das Thema besser ansprechbar sind als andere. Meine Erfahrung ist, dass dies nicht der Fall ist. An dem Projekt nehmen bislang 10 Unternehmen aus den verschiedensten Branchen mit unterschiedlichen Beschäftigtenzahlen teil. Es kommt vielmehr darauf an, dass der oder die verantwortlichen Entscheidungsträger im Betrieb das Thema auf die Tagesordnung setzen. Allein dieser Umstand macht einen wichtigen Unterschied aus. Er ist ein Signal an die Väter, dass sie nicht nur als Arbeitskräfte angesehen werden, sondern auch als verantwortungsvolle Väter. Dieser Perspektivenwechsel und die damit verbundene Wertschätzung aktiver Vaterschaft eröffnet den Vätern die Chance, ihre Vorstellungen von Vaterschaft umzusetzen und den Betrieben die Möglichkeit, die Potenziale aktiver Vaterschaft zu nutzen. Diese Prozesse sind in den beteiligten Unternehmen eingeleitet worden und werden Veränderungen im Hinblick auf eine väterbewusste Personalpolitik bewirken.
Nach unseren Erfahrungen gibt es einige Widerstände hinsichtlich einer väterfreundlichen Unternehmenskultur. Welche Widerstände oder ambivalenten Einstellungen sind Ihnen bisher begegnet? Wie werden diese Widerstände in den Unternehmen überwunden?
Die Widerstände beruhen meiner Erfahrung nach vor allem auf den Zuschreibungen darüber, was Männer und Frauen zu tun haben bzw. was eine gute Mutter und einen guten Vater ausmacht. Das findet dann seine Fortsetzung in der Frage, wer seine Arbeitszeit reduzieren darf und wer nicht.
Die meisten Verantwortlichen in den Unternehmen haben sich für die Karriere aufgeopfert und dabei vielfach auch die Familie, im wahrsten Sinne des Wortes, geopfert.
In dem Maße in dem Väter und Mütter beide Bereiche für sich reklamieren, also Erfolg in Beruf und Familie haben wollen, werden diese Einstellungen in Frage gestellt. Gesellschaftliche Rahmenbedingungen und Entwicklungen wie die des demografischen Wandels werden diesen Wandlungsprozess in den Betrieben beschleunigen.
Auf welche konkreten Maßnahmen oder Vorhaben zu mehr Väterfreundlichkeit und bessere Möglichkeiten zur Vereinbarkeit für Väter in den Betrieben läuft es am Ende Ihrer Beratungstätigkeit hinaus?
Gute Instrumente und Maßnahmen sind in vielen Unternehmen bereits vorhanden. Sie sind aber vielfach nicht für Väter gemacht und gedacht und werden von ihnen auch kaum in Anspruch genommen. Das Thema "Wie kann ein Unternehmen das Marketing für väterbewusste Angebote gestalten, dass sich Väter auch angesprochen fühlen?", spielt selbstverständlich eine Rolle. Dazu haben wir auch ein "Väteraudit" entwickelt.
Viel wichtiger aber ist die Frage, welchen Stellenwert das Thema aktive Vaterschaft im Rahmen der Unternehmenskultur hat. Wie wird das Thema von der Führung kommuniziert? Gibt es gute Beispiele? Werden Väter zu einer aktiven Vaterschaft ermutigt oder macht Mann sich lächerlich, wenn er die Vätermonate nutzt?
Durch die Tätigkeit in den Unternehmen möchte ich einen Reflexionsprozess darüber in Gang setzen. Spezielle Workshops für Führungskräfte geben diesen die Möglichkeit, ihre Handlungsoptionen in diesem Themenfeld zu erweitern.
Wie ist Ihre Prognose zur Gesamtentwicklung von Väterfreundlichkeit in Unternehmensleitungen, aber auch hinsichtlich der Arbeitnehmervertretungen?
Meine Vision ist, dass die Männer, die in den verschiedenen Umfragen geäußert haben, mehr Zeit und Verantwortung für Familie und Kinder haben zu wollen, dies auch an ihrem Arbeitsplatz äußern und umsetzen. In dem gleichen Maße werden sich die Verantwortlichen in den Unternehmen damit auseinandersetzen und es wird so zu einer (neuen) Sichtweise auf aktive Vaterschaft kommen.
Meine Prognose ist, dass wir noch einen weiten und beschwerlichen Weg vor uns haben. Rollenmuster und Einstellungen lassen sich mit einem Gesetz alleine nicht verändern.
Wichtig ist aber auf jeden Fall, dass das Thema auf der "Tagesordnung" ist.
Der von Ihnen gegründete "VÄTERBlog", die online-Variante eines Tagebuches, ist eine wahre Fundgrube für Informationen rund um Väter und Vaterschaft. Was hat Sie zur Einrichtung dieses Blogs inspiriert und welche Resonanzen gibt es?
Die Möglichkeiten des Internets haben mich von Anfang an gereizt und ich nutze sie insbesondere auch, um aktive Väter zu erreichen. Da ich im Rahmen meiner Arbeit viele interessante Informationen zu den Themen "Arbeit", "Karriere" und der Navigation zwischen den Herausforderungen von Arbeit und Leben recherchiere bzw. erhalte, lag der Gedanke nahe, diese im Rahmen eines Blogs auch anderen zur Verfügung zu stellen. Die Zugriffszahlen auf "Väter & Karriere" steigen seitdem kontinuierlich an und aus den virtuellen Kontakten haben sich bereits eine Reihe realer Kooperationen ergeben.
Sie engagieren sich im Väter-Experten-Netz Deutschland (VEND e.V.). Für wie wichtig halten Sie eine aktive Vernetzungsarbeit und wie wirksam ist diese für die Anliegen der Väter?
Die Vernetzungsarbeit, insbesondere auch die im Rahmen von VEND, ist für mich das Salz in der Suppe. Da wir weit davon entfernt sind, von einer "Väterbewegung" sprechen zu können, ist der Austausch mit anderen Aktiven in Sachen Väterarbeit sowohl für die alltägliche Arbeit, aber auch für die Formulierung von gemeinsamen Zielen und Vorhaben, die alleine gar nicht zu stemmen sind, von größter Bedeutung.
Vielen Dank für das Gespräch!