Interview: Pilotprojekt "Familienfreundliche Männerkarrieren" in der IT-Branche

Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen

Interview: Pilotprojekt "Familienfreundliche Männerkarrieren" in der IT-Branche

Nacke-Trapp_2_100Gemeinsam mit zwei anderen IT-Anbietern führt das Ahauser Unternehmen amexus Informationstechnik das Projekt "Familienfreundliche Männerkarrieren" durch, das 2008 im Rahmen des Wettbewerbs familie@unternehmen.NRW ausgezeichnet wurde und über drei Jahre Fördergelder erhält. amexus-Geschäftsführer Stefan Nacke (links im Bild) und Projektleiter Simon Trapp berichten im vaeter-nrw.de-Interview über Erkenntnisse und Erfahrungen, die sie an andere Unternehmen weitergeben wollen.

vaeter-nrw.de: Sie haben das Projekt "Familienfreundliche Männerkarrieren" mit dem Unter­titel "Betriebliche Lösungsansätze zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf in der 'männerdominierten' IT-Branche" ins Leben gerufen. Wie kam es dazu?

Stefan Nacke: Wie die meisten IT-Unternehmen haben wir im Moment eine junge Belegschaft. Bislang stand bei den meisten Beschäftigten die Karriere im Vordergrund. Inzwischen kommt bei vielen das Thema Familie hinzu. Mit unserem Projekt wollen wir die Grundlage dafür schaffen, dass bei uns beschäftigte Väter ihre Karriere fortführen und trotzdem Familie und Beruf in Balance halten können. Das wird uns helfen, unsere Beschäftigten - über 90 Prozent von ihnen sind Männer - zu halten und künftig neue zu gewinnen. Wir führen das Projekt übrigens gemeinsam mit den beiden IT-Unternehmen acertus Datentechnik und media:Beam durch und erhalten dafür Mittel aus dem Operationellen Programm Regionale Wettbewerbsfähigkeit und Beschäftigung für Nordrhein-Westfalen 2007-2013 (EFRE Ziel-2).

vaeter-nrw.de: Ihr Projekt ist auf die IT-Branche zugeschnitten. Gibt es dort besondere Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie?

Stefan Nacke: Ja, das kann man sagen. In der Branche gibt es sehr viele kleine und mittlere Unternehmen. Amexus beispielsweise hat 35 Beschäftigte, acertus Datentechnik 15 und media:Beam 10. Die Kultur im IT-Bereich wurde lange Zeit geprägt von jungen, engagierten Menschen ohne Familie. Lange Arbeitszeiten bürgerten sich ein. Bei uns waren es laut einer Umfrage im letzten Jahr 44 Stunden in der Woche. Damit liegen wir am unteren Ende der Skala. 46, 48 oder 50 Wochenstunden sind im IT-Bereich keine Seltenheit. Hinzu kommen oft ungewöhnliche Arbeitszeiten am Abend oder Wochenende. Wir können nämlich bei unseren Kunden häufig nur tätig werden, wenn die ihre Computersysteme gerade nicht nutzen.

vaeter-nrw.de: Wie ist denn das Projekt aufgebaut, mit dem sie die Männerkarrieren familienfreundlicher machen wollen?

Simon Trapp: Zunächst führten wir eine Befragung der Beschäftigten in den drei Unternehmen durch. Wir wollten feststellen, wie sie ihre Situation einschätzen. Die Umfrage ergab, dass das größte Problem für die Befragten in den langen Arbeitszeiten liegt. Nur 26 Prozent fanden, sie hätten genug Zeit für die Familie. 80 Prozent der Befragten nahmen Beruf und Familie als Doppelbelastung wahr und gaben an, dass sich das negativ auf ihre Gesundheit auswirke.

vaeter-nrw.de: Und was wünschten sich die Beschäftigten, um die Situation zu verbessern?

Simon Trapp: An erster Stellen standen eine familienfreundliche Urlaubszeitplanung und flexibel zu vereinbarende, aber dann verlässliche Arbeitszeiten. Auch die Möglichkeit vom Home-Office aus zu arbeiten ist den Beschäftigten sehr wichtig.

Stefan Nacke: Ja, es ging um eine größere räumliche und zeitliche Flexibilisierung der Arbeit. Das setzten wir im nächsten Schritt auch um. Wir haben jetzt Beschäftigte, die ausschließlich oder teilweise vom Home-Office aus arbeiten. Erstaunlicherweise zeigt sich aber, dass die Beschäftigten dadurch eher mehr als weniger arbeiten. Außerdem gestaltet sich die Kommunikation untereinander schwieriger. Tür-und-Angel-Gespräche fallen weg.

vaeter-nrw.de: Heißt das, dass Sie die Flexibilisierung wieder rückgängig machen wollen?

Stefan Nacke: Nein, auf keinen Fall. Wir bemerken aber, dass sich die Unternehmensorganisation mit verändern muss. Wir haben unser Projekt- und Aufgabenmanagement angepasst und schulen unsere Beschäftigten in punkto Zeitmanagement. Um die Kommunikation zu verbessern haben wir jetzt ein Computersystem, dass jedem anzeigt, wer gerade arbeitet - auch wenn er nicht im Büro vor Ort ist. Mit diesen Personen kann ich mich dann über das System unkompliziert austauschen, also chatten, oder eine Videokonferenz aufbauen.

vaeter-nrw.de: Gibt es für Ihre Beschäftigten auch die Möglichkeit, in Teilzeit zu arbeiten?

Stefan Nacke: Teilzeitarbeit ist bei uns nur im Verwaltungsbereich drin. Im IT-Bereich stoßen wir an branchenspezifische Grenzen. 20 Prozent seiner Arbeitszeit verbringt ein Vollzeitmitarbeiter bei uns mit Schulungen, um fachlich auf dem Laufenden zu bleiben. Bei Teilzeitarbeit bliebe der Schulungsaufwand gleich hoch, der Nutzen daraus wäre aber deutlich geringer. Das ist einfach unwirtschaftlich. Wir kennen aber die Belastungen die Vollzeitstellen mit sich bringen, daher bieten wir künftig im Rahmen unser Familienfreundlichkeitsstrategie ein Online-Coaching-System, das wir im Moment im Zusammenhang mit dem Projekt entwickeln. Das ist ein multimediales und interaktives E-Learning-Portal auf dem unterschiedliche Schulungen für eine bessere Work-Life-Balance angeboten werden.

vaeter-nrw.de: Können andere Unternehmen aus Ihren Erfahrungen lernen?

Stefan Nacke: Ja, die Förderbedingungen für das Projektsehen ausdrücklich eine sogenannte Transferphase vor. Daher werden wir nach Abschluss des Projektes, das bis September 2010 läuft, zum Beispiel auf Veranstaltungen ausführlich über unsere Erfahrungen berichten. Eine zweite Mitarbeiterbefragung wird die Veränderungen, die das Projekt brachte, sichtbar machen. Auch das Online-Coaching-System, das wir entwickeln, wird übrigens anderen Unternehmen zur Verfügung stehen.

vaeter-nrw.de: Wie geht es bei Ihnen mit dem Thema weiter, wenn das Projekt beendet ist?

Stefan Nacke: Wir schreiben unsere Aktivitäten in diesem Bereich fort, denn wir haben "Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Väter und Mütter" als strategisches Thema erkannt. Außerdem fühlen wir uns durch die positive Resonanz der hier tätigen (werdenden) Väter bestärkt. Sie bringen viele eigene Vorschläge und Diskussionsbeiträge zum Thema in unsere "Ideenwerkstatt", ein Online-Diskussionsforum, ein.

vaeter-nrw.de: Herr Nacke, Herr Trapp, herzlichen Dank für das interessante Gespräch.

Interessierte erhalten Projekt-Informationen bei:

amexus Informationstechnik GmbH & Co. KG, Stefan Nacke, snacke@amexus.com

Links:

vaeter-nrw.de:

Veranstaltungen

02/2012 zurück vor
KW MoDiMiDoFrSaSo
05     01 02 03 04 05
06 06 07 08 09 10 11 12
07 13 14 15 16 17 18 19
08 20 21 22 23 24 25 26
09 27 28 29        

Suchen >>>

Thema des Monats

Interview mit Ministerin Ute Schäfer: „Aktive Vaterschaft – erforscht, erwünscht, erledigt?“