Volker Baisch, Unternehmensberater und Geschäftsführer des VÄTER e.V. aus Hamburg diskutierte während des Unternehmenstag des Netzwerks "Erfolgsfaktor Familie" am 21. April 2010 in Berlin in einem Themenforum über das Thema "Väter - Wie väterfreundlich ist die deutsche Wirtschaft schon und welche Anliegen haben Väter an ihre Arbeitgeber?". Im Gespräch mit vaeter-nrw.de berichtet er im Anschluss über das dort vorgestellte Projekt "Väter in Familienunternehmen" und gibt Hinweise zur Umsetzung einer väterfreundlichen Unternehmenskultur.
vaeter-nrw.de: Während des Unternehmenstags des Netzwerks "Erfolgsfaktor Familie" stand auch das Thema Väter in Unternehmen in einem eigenen Themenforum wieder im Fokus. Sie diskutierten mit - unter anderem zu der Frage: Wie väterfreundlich sind Unternehmen in Deutschland? Wie lautet Ihre Antwort darauf?
Volker Baisch: Im Rahmen des Projektes "Väter in Familienunternehmen", an dem VÄTER e.V. beteiligt ist, wurden Anfang 2010 in der Region Osnabrück-Emsland 400 Inhaber sowie Geschäftsführerinnen und Geschäftsführer aus Unternehmen mit 50 bis 250 Beschäftigten befragt. Die gerade veröffentlichen Ergebnisse der Befragung zeigen: Der Wandel in der Vaterrolle ist in den Unternehmen durchaus angekommen. 78 Prozent der Befragten sagten, die Rolle von Vätern in der Familie habe sich deutlich verändert. Zu Maßnahmen in den Unternehmen führte diese Einsicht jedoch in der Regel - noch - nicht. Es gebe keinen Handlungsbedarf, hieß es von Seiten der Betriebe. Gleichzeitig belegen die Ergebnisse des aktuellen Unternehmensmonitors "Familienfreundlichkeit 2010", dass der Anteil der Betriebe, die Väter ermuntern, Elternzeit in Anspruch zu nehmen oder ihre Tätigkeit in Teilzeit auszuüben, in den letzten sechs Jahren signifikant von 3,5 Prozent auf 16,2 Prozent stieg.
vaeter-nrw.de: Worauf führen Sie die Einschätzung der kleinen und mittleren Unternehmen zurück, dass es keinen Handlungsbedarf gäbe?
Volker Baisch: Meine Erfahrung legt die Vermutung nahe, dass die Wünsche der Väter oft im Verborgenen bleiben. Die Befürchtung, dass ihre Anliegen abgelehnt werden könnten, hält immer noch etwa 60 Prozent der Väter davon ab, mit ihrem Arbeitgeber über diese Themen zu sprechen. Dabei gibt es in den meisten Betrieben eine positive Haltung zum Beispiel zu Elternzeit, Teilzeit oder - wo das möglich ist - auch zu Home-Office-Tagen. Väter, die den Vorstoß wagten, berichten uns, dass sehr schnell nur noch darüber diskutiert worden sei, wie ihre Wünsche zum Beispiel nach einer Reduzierung von Arbeitszeiten im Betrieb am besten umzusetzen sind. Oft müssen keine Grundsatzfragen mehr diskutiert werden.
vaeter-nrw.de: Was können Unternehmerinnen und Unternehmer tun, um ihre Unternehmenskultur so zu verändern, dass es Vätern leichter fällt, ihre Anliegen in Sachen Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu äußern?
Volker Baisch: Ich rate dazu, zunächst einen diagnostischen Workshop mit einer repräsentativen Gruppe aus Beschäftigten und Führungskräften durchzuführen, der aufzeigt, wo in Sachen Väterfreundlichkeit Handlungsbedarf besteht. Ergibt der Workshop, dass die Unternehmenskultur Vätern keine Signale gibt, die ihnen zeigen, dass sie ihre Vereinbarkeitsanliegen äußern können, ist es wichtig, dass sich die Geschäftsführung klar zu mehr Väterfreundlichkeit bekennt und das auch kommuniziert. So ist es unter anderem sehr wirkungsvoll gute Beispiele etwa von Vätern in Eltern- oder Teilzeit in Unternehmensmedien wie Mitarbeiterzeitschriften oder dem Intranet zu publizieren. Für eine väterfreundliche Kultur gibt es auch im Mittelstand gute Beispiele, wie die OKE Group aus Hörstel bei Osnabrück. OKE-Marketingleiter Frank Giesker berichtete während des Unternehmenstags Erfolgsfaktor Familie: Neben handfesten familienfreundlichen Maßnahmen wie Kinderbetreuung, Sport- oder Serviceangeboten, sei vor allem die offene Kommunikationskultur das Erfolgsgeheimnis. Sie macht es Vätern leicht, ihre Wünsche zu artikulieren.
vaeter-nrw.de: Ist das Thema denn bereits in der Unternehmenskultur angekommen, wenn es von der Geschäftsführung klar kommuniziert wird?
Volker Baisch: Nein, das allein reicht nicht. Wir empfehlen außerdem, Führungskräfteworkshops durchzuführen. Viele Vorgesetzte haben selbst eine ganz andere Biografie und wenig Einblick in veränderte Rollenverteilungen in jungen Familien. Statistische Zahlen verdeutlichen ihnen einen Wandel, der auch vor ihrem Aufgabenbereich nicht Halt macht. Erfahrungsgemäß fällt es stark beanspruchten Führungskräften auch oft schwer, Väterfreundlichkeit als Investition zu sehen, die sich auch für das Unternehmen positiv auswirkt. Ihnen scheint das zunächst nur zeitintensiv zu sein und reines Entgegenkommen des Unternehmens. Auch hier setzen unsere Workshops an, indem sie zeigen, dass sich das Investment "Väterfreundlichkeit" lohnt - zum Beispiel weil die Mitarbeiterzufriedenheit und -motivation steigen und die Fluktuation deutlich sinkt. Um Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Väter in der Unternehmenskultur zu verankern, sollte das Thema außerdem fester Bestandteil von Mitarbeitergesprächen und Scorecards (ganzheitliches Kennzahlensystem zur Umsetzung der Unternehmensstrategie) sein sowie als Modul in regelmäßigen Führungskräfte-Fortbildungen integriert werden.
vaeter-nrw.de: Welche Hinweise und Anregungen haben Sie für Väter, um ihre Anliegen im Unternehmen zu positionieren?
Volker Baisch: Es ist sicher sinnvoll, sich zunächst an Betriebsrat oder Gleichstellungsbeauftragte zu wenden, die berichten, welche Erfahrungen andere Väter gemacht haben und Kontakte zu ihnen vermitteln können. In großen Unternehmen gibt es übrigens bereits vielfach interne Väternetzwerke, die den direkten Erfahrungsaustausch unkompliziert ermöglichen. Der Betriebsrat kann das Anliegen eines Vaters unter Umständen auch im Gespräch mit der Geschäftsleitung thematisieren, ohne dass der anfragende Mitarbeiter genannt wird. Auch die Personalabteilung bietet sich natürlich als Ansprechstelle an, um das Terrain zu sondieren. Wer in einem kleinen oder mittleren Unternehmen diese Möglichkeiten nicht hat, dem empfehle ich die Internetrecherche. Auf Väter-Seiten gibt es Kontaktadressen und vielfach auch Austauschmöglichkeiten mit anderen Betroffenen, die in ähnlichen Zusammenhängen arbeiten und deren Erfahrungen daher oft übertragbar sind. Wir bieten Vätern, die für eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie veränderte Arbeitsbedingungen benötigen, übrigens auch ein Coaching an, damit sie eine gute Strategie haben, um das Thema im Unternehmen zu positionieren.
vaeter-nrw.de: Wo könnten man Ihrer Erfahrung nach noch ansetzen, um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Väter zu verbessern?
Volker Baisch: Wir müssen das Thema im gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang sehen. Unternehmenskulturen verändern sich nämlich zum einen durch den demografischen Wandel und weil sich im privaten Zusammenleben neue Strukturen herausbilden. Im Privaten liegt der eigentliche Kern des Themas. Hier entwickelt sich eine neue Rollen- und Aufgabenverteilung und damit ein Veränderungsdruck, der sich in den Unternehmen dann niederschlägt. Wenn wir die Aushandlungsprozesse in den Partnerschaften stärker öffentlich und damit politisch machen, merken die Menschen, das sie nicht die Einzigen sind, deren Herausforderung es ist, sich in diesem Veränderungsprozess zu positionieren. Eine vermehrte öffentliche Diskussion wirkt als Katalysator für diesen Wandel.
vaeter-nrw.de: Herzlichen Dank für das spannende und ausführliche Gespräch, Herr Baisch.
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