Dr. Thomas Letz möchte Betriebe für die Zielgruppe "Väter" sensibilisieren. Er ist bei der Industrie- und Handelskammer in Berlin unter anderem für den Bereich "Vereinbarkeit von Beruf und Familie" zuständig. "Die Zeiten sind vorbei, in denen Personalverantwortliche in Unternehmen den Blick davor verschließen konnten, dass ihre Mitarbeiter auch Väter sind", sagt er im vaeter-nrw-Interview.
Vaeter-nrw: Herr Dr. Letz, die IHK in Berlin veranstaltete kürzlich einen Vortrags- und Diskussionsabend "Die neuen Väter - Herausforderungen und Chancen für Unternehmen". Wer sind die "neuen Väter"?
Dr. Thomas Letz: Heute ist es den Vätern ein Bedürfnis, Zeit mit ihren Kindern zu verbringen und eine intensive Beziehung zu ihnen aufzubauen und zu pflegen. Sie bringen sich stärker bei der Kinderbetreuung und im Haushalt ein, als das früher der Fall war. Sie tun das nicht nur, weil ihre Partnerinnen das einfordern. Berlin ist bundesweit Spitzenreiter, wenn wir die Zahl der Elterngeldanträge, die von Vätern gestellt werden, zugrunde legen. Warum das so ist, ist schwer zu sagen. Sicher trägt die tolerante Atmosphäre hier dazu bei und eine große Bereitschaft, ungewohnte Wege zu gehen.
Vaeter-nrw: Warum kümmert sich die IHK um das Thema "Neue Väter"? Ist es nicht Privatsache der Männer, wie sie ihre Vaterschaft gestalten?
Dr. Thomas Letz: Väter tragen das Thema Vaterschaft ja in die Unternehmen hinein. Wer heute ein Einstellungsgespräch mit einem Mann zwischen 20 und 30 führt, wird schon fast zwangsläufig auf familienfreundliche Maßnahmen angesprochen. Personalverantwortliche brauchen inzwischen auf diese Fragen eine Antwort. Nichts sagen und das Thema aussitzen, geht nicht mehr. Väter fordern Familienfreundlichkeit zunehmend ein. Umfragen ergaben, dass das für ganz viele sogar ein wichtigerer Punkt ist als die Gehaltshöhe. Familienfreundlichkeit gibt dann letztlich den Ausschlag, für welches Unternehmen sich ein Bewerber entscheidet. Da hat sich in den letzten Jahren extrem viel verändert. Vereinbarkeit ist von einem Mütter- zu einem Eltern-Thema geworden. Das Elterngeld hat dazu viel beigetragen. Der Anspruch auf Elterngeld macht es den Vätern leichter, dem Personalverantwortlichen zu sagen, dass sie Zeit für ihr Kind brauchen. Ein Bekannter zum Beispiel ging 2006 in Elternzeit. Das wurde ihm damals direkt übel genommen. Jetzt beim zweiten Kind beantragte er wieder Elternzeit - da war das gar kein Thema mehr!
Vaeter-nrw: Ist das nur ein Trend oder ein gesellschaftlicher Wandel?
Dr. Thomas Letz: Die "neuen" Väter sind sicher nicht nur eine Modeerscheinung. Wir erleben einen Wertewandel hin zu einer stärkeren Familienorientierung. Männer merken, dass sie die Erlebnisse und Erfahrungen mit den Kindern bereichern. Das werden sie nicht mehr aufgeben wollen. Ich bin mir sicher: Der Wandel geht weiter.
Vaeter-nrw: Wie stellen sich Väter ein familienfreundliches Unternehmen vor?
Dr. Thomas Letz: Die Ansprüche, die Väter an die Rahmenbedingungen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie haben, unterscheiden sich wenig von denen der Mütter. Oben an stehen eine Flexibilisierung der Arbeitszeiten und -orte. Zeitweise von zu Hause arbeiten zu können und nicht immer zu festen Zeiten im Unternehmen sein zu müssen, erleichtert die Organisation in der Familie sehr. Besonders wenn beide Partner berufstätig sind. Außerdem ist das Thema Kinderbetreuung sehr wichtig. Auch da können Unternehmen viel tun, um ihre Mitarbeiter zu unterstützen. Unterschiedliche Lösungen werden je nach Betriebsgröße angeboten.
Vaeter-nrw: Was unterscheidet denn dann Väterfreundlichkeit von Familienfreundlichkeit?
Dr. Thomas Letz: Da gibt es im Prinzip keinen Unterschied. Ich halte daher auch nichts von einem eigenen Väterfreundlichkeits-Etikett. Das konstruiert einen Gegensatz zwischen Väter- und Mütterbedürfnissen, den es so nicht gibt. Es muss klar sein: Familie betrifft beide! Bei den Personalverantwortlichen ist das aber großteils noch nicht angekommen, da sind die Väter weiter. Es war uns daher mit unserer Veranstaltung wichtig, Personalverantwortliche auf die Zielgruppe "Väter" hinzuweisen und ihnen Instrumente an die Hand zu geben, um mit familienfreundlichen Maßnahmen auch Väter gezielt anzusprechen.
Vaeter-nrw: Ganz herzlichen Dank für das Gespräch, Herr Dr. Letz.
Weitere Informationen zur Veranstaltung "Die neuen Väter - Herausforderungen und Chancen für Unternehmen" gibt es auf der Homepage der IHK Berlin.