"Familienfreundlichkeit trotz Wirtschaftskrise": So lautete der Tenor auf dem Unternehmenstag des Netzwerks "Erfolgsfaktor Familie", einer Initiative des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und des DIHK, Anfang Mai in Berlin. Unternehmen profitieren von flexiblen Arbeitszeitmodellen sowie Elternzeiten, die auch Väter verstärkt in Anspruch nehmen. vaeter-nrw sprach mit Sofie Geisel, Projektleiterin des Netzwerks "Erfolgsfaktor Familie".
vaeter-nrw: Frau Geisel, Sie sind Projektleiterin des Unternehmensnetzwerk "Erfolgsfaktor Familie" und führten Anfang Mai den Unternehmenstag "Erfolgsfaktor Familie" durch. Was war Ziel dieser Veranstaltung?
Sofie Geisel: Der Unternehmenstag ist der jährliche Netzwerktag für unsere Mitglieder. Es geht darum, sich persönlich kennen zu lernen und gute Praxisbeispiele auszutauschen. Der Hauptzweck des Netzwerks besteht darin, eine bundesweite Plattform zu schaffen, auf der man erfahren kann, wie in anderen Unternehmen Familienfreundlichkeit im betrieblichen Alltag gelebt wird. Weil uns eine aktuelle Themenauswahl wichtig ist, gab es drei Praxisforen unter folgenden Überschriften: "Nicht nur Frauensache - Väter als neue Zielgruppe einer familienbewussten Personalpolitik", "Nicht nur Kindersache - Beschäftigte bei der Pflege älterer Angehöriger unterstützen" und "Nicht nur in guten Zeiten - Flexibilität für Unternehmen und Beschäftigte als Chance in der Krise". Außerdem hat Renate Köcher vom Allensbach-Institut eine aktuelle Studie zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie aus Sicht deutscher Unternehmen präsentiert und es wurde eine Expertise von Roland Berger Strategy Consultants mit dem Titel "Mit Familienbewusstsein besser durch die Krise" vorgestellt.
vaeter-nrw: Das ist ja eine interessante These. Wie kann denn Familienbewusstsein Unternehmen in Krisenzeiten helfen?
Sofie Geisel: In der Tat, eine spannende These. Es ist bemerkenswert, dass ein bekanntes Beratungsunternehmen für Restrukturierung wie Roland Berger gerade in der Krise Unternehmen zu Mitarbeiterbindung rät. Das war vor einigen Jahren noch anders. Damals lautete das gängige Restrukturierungskonzept: Kosten runter, Köpfe weg. Inzwischen hat man erkannt, dass Erfolg von guten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern abhängt, die nicht selten eben auch Kinder haben, und dass man die nach dem Personalabbau eben nicht so leicht wieder findet. Hinzu kommt, dass viele Maßnahmen der Arbeitszeitflexibilisierung, die unter der Maßgabe der Familienfreundlichkeit geschaffen wurden, den Unternehmen nun in der Krise sehr zu Gute kommen. So berichtete zum Beispiel Harald Klein, Diversity Manager bei Daimler Trucks in Wörth, dass die Lebensarbeitszeitkonten an seinem Standort dem Unternehmen in den vergangenen Monaten sehr gut über die rasanten Auftragseinbrüche hinweggeholfen haben. Und auch die Elternzeit wird von manchen Unternehmen nun als echtes Kriseninstrument erkannt, weil sie zusätzlich Flexibilität schaffen kann.
vaeter-nrw: Wie sehen das denn die Verantwortlichen in den Unternehmen? Stehen sie noch zu ihren familienfreundlichen Maßnahmen?
Sofie Geisel: Die Befragung, die Allensbach im Auftrag des Bundesfamilienministeriums durchführte, zeigt, dass das Thema keinesfalls von der Tagesordnung verschwunden ist. 68 Prozent der Befragten gaben an, dass die "Vereinbarkeit von Beruf und Familie" ihre Bedeutung behalten werde. 16 Prozent glauben, dass das Thema angesichts der Krise sogar noch an Bedeutung gewinnt. Immerhin haben nach wie vor fast ein Drittel der Unternehmen Schwierigkeiten, qualifiziertes Personal zu gewinnen.
vaeter-nrw: Und die Väter? Werden sie denn mit den Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie auch angesprochen?
Sofie Geisel: Ja, zunehmend. Noch 2007 waren die Unternehmen eher skeptisch, wenn Väter in Elternzeit gingen, weil Vereinbarkeit von Beruf und Familie doch überwiegend als Frauenthema gesehen wurde. Da hat sich inzwischen aber Einiges getan. Die Allensbach-Studie zeigt, dass Personalverantwortliche es heute mehrheitlich begrüßen, wenn Väter Elternzeit nehmen. Die Zustimmung zu den sogenannten Vätermonaten stieg von 2006 bis 2009 von 48 auf 66 Prozent. 71 Prozent der befragten Unternehmensvertreter finden es mittlerweile gut, wenn Väter ihre Arbeitszeit zur Kinderbetreuung vorübergehend reduzieren. 50 Prozent stimmten außerdem der Aussage zu, dass es bei Kollegen und Vorgesetzten mehr Verständnis als früher für Väter in Elternzeit gibt.
vaeter-nrw: Das hört sich fast zu gut an, um wahr zu sein. Spiegeln denn diese Ergebnisse aus Ihrer Sicht den tatsächlichen Alltag in den Unternehmen?
Sofie Geisel: Sicherlich gibt es da Unterschiede, aber insgesamt hat sich sehr viel bewegt. Gut qualifizierte Fachkräfte sind immer knapp und haben damit eine gute Verhandlungsposition. Und: Hoch qualifizierte Männer sind nicht selten das, was wir als "neue Männer" bezeichnen können. Sie sprechen potenzielle Arbeitgeber aktiv auf das Thema Väterfreundlichkeit an. Hinzukommt, dass es in einigen Unternehmen mittlerweile schon zum guten Ton gehört, zumindest einen Vorzeigevater zu haben. Das schlägt dann Schneisen und macht den Weg für (werdende) Väter frei - oder zumindest einfacher. Sicher ist das noch kein Massenphänomen, aber trendsetzende Avantgarde ist es allemal!
vaeter-nrw: Sie haben ja Einblick in viele Unternehmen: Wie reagieren denn Frauen, wenn "ihr" Thema "Vereinbarkeit von Beruf und Familie" auf einmal auch zum Männerthema wird?
Sofie Geisel: Aus den Unternehmen habe ich dazu noch nie etwas Negatives gehört. Mein Eindruck ist, dass Frauen das begrüßen. Es sind meiner Einschätzung nach auch eher die Männer, die Väter in Elternzeit unter "Weichei"-Verdacht stellen und ihnen die Karriereorientierung absprechen. Ich finde es bitter nötig, dass Vereinbarkeit aus der Frauenecke raus kommt. Nur so lässt sich wirklich was erreichen. Es ist doch im Interesse von Männern und Frauen, dass wir Erwerbs- und Familienarbeit künftig gleich verteilen. Außerdem ist es ökonomisch sinnvoll, denn wenn zwei Einkommen eine Familie finanzieren, ist nicht nur mehr Sicherheit da. Es gibt auch mehr Möglichkeiten, lebenslanges Lernen für Kinder und Eltern zu finanzieren. Allerdings geht's natürlich oft nicht ganz reibungslos mit der neuen Arbeitsteilung: Manchmal sind es aber gerade die Frauen, die ihren Männern die Hausarbeit oder die Arbeit mit den Kindern nicht zutrauen. Und Hand aufs Herz: Als mein Mann in Elternzeit war, musste ich mich auch beherrschen, um nicht zu sagen, dass er doch bitteschön etwas mehr staubsaugen möge. In diesem Bereich müssen Frauen lernen, Verantwortung abzugeben und die Dinge dann auch so zu akzeptieren, wie sie der Partner macht.
vaeter-nrw: Gibt es durch die Krise in der Wirtschaft am Ende mehr Väterfreundlichkeit in Unternehmen?
Sofie Geisel: Das ist nicht abwegig. Die Krise ist eine Chance, weiter an dem Elternzeit-Tabu für Väter, das es zweifellos in vielen Firmen noch immer gibt, zu kratzen. Es gibt auch Unternehmen, die das Thema Familienfreundlichkeit gerade jetzt für sich entdecken. Wenn dann das Motto "Elternzeit statt Kurzarbeit" lautet, rücken Väter ganz von selbst auf einmal in den Fokus familienfreundlicher Maßnahmen. Clevere Chefs nutzen übrigens die Gelegenheit in der Krise, wenn Zeit plötzlich nicht mehr das knappste Gut ist, ihre Teams einzuschwören und gemeinsam an Konzepten zu arbeiten, die das Unternehmen für den bevorstehenden Aufschwung gut positionieren. Konzepte für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Männer und Frauen gehören dazu.
vaeter-nrw: Herzlichen Dank für das aufschlussreiche Gespräch, Frau Geisel.
Information zum Unternehmenstag des Netzwerks "Erfolgsfaktor Familie", die Ergebnisse der Allensbach-Umfrage und die Expertise von Roland Berger sind auf der Homepage "Erfolgsfaktor Familie" abrufbar.