Interview mit Volker Baisch, Dipl.-Sozialwirt und Vater zweier Töchter, der bundesweit eines der ersten Väterzentren mitgründete und seitdem als Berater, Coach, Projektentwickler und Geschäftsführer des Vaeter e.V. in Hamburg arbeitet. Einer seiner Arbeitschwerpunkte ist die väterfreundliche Unternehmeskultur. Und vor kurzem erhielt er eine wichtige Auszeichnung für sein langjähriges Engagement in Väterfragen.
Foto: Volker Baisch (links) im Gespräch mit Peter Lohmeyer, Schauspieler (u.a. "Das Wunder von Bern") und Schirmherr des Vaeter e.V.
Herr Baisch, zunächst herzlichen Glückwunsch zur vor kurzem erfolgten Auswahl als "Social Intrepreneur 2007" durch die Stiftung "Ashoka Deutschland"! Mit dieser Entscheidung sind Sie nun in der Lage, einige Jahre lang Ihr Thema "Väter in Unternehmen" noch nachhaltiger verfolgen und etablieren zu können. Damit sind wir mittendrin im Thema: Warum sind Ihnen gerade die Väter in Unternehmen so wichtig und wie beurteilen Sie die Entwicklungen zu väterfreundlicher Firmenpolitik?
Väter sind deshalb so wichtig, da in den vergangenen Jahren in den Unternehmen das Thema der Vereinbarkeit von Familie und Beruf oft nur von Seiten der Frauen diskutiert wurde. Für Männer gab es zwar auf dem Papier auch die Möglichkeit, die familienfreundlichen Maßnahmen der Unternehmen zu nutzen, doch es gab in den meisten Unternehmen nicht die Absicht bzw. die Kultur, dass auch Männer Elternzeit nehmen konnten oder Telearbeit nutzen. Erst in den letzten 5 Jahren haben Unternehmen - natürlich auch durch die Diskussion um das neue Elterngeld - erkannt, dass sich die Bedürfnisse der Männer hinsichtlich der Wahrnehmung ihrer aktiven Vaterschaft stark verändert haben. 77% aller Männer möchten heute nach aktuellen Umfragen weniger arbeiten und mehr Zeit für die Familie haben. Das Vaterbild hat sich in den letzten Jahren stark gewandelt, weg vom Mann als "Ernährer" hin zu dem des "Erziehers" der Kinder. Väter verbringen heute acht Mal so viel Zeit mit ihnen wie Väter vor 10 Jahren.
Als Geschäftsführer des Vaeter e.V. in Hamburg, der den Verein und seine Aktivitäten von Anfang an maßgeblich mitbestimmt hat, haben Sie bereits viele Kooperationen mit lokalen Betrieben begonnen. Was sind Ihre Erfahrungen? Welche Kooperationen sind Ihnen dabei besonders wichtig und warum?
Im Rahmen des Modellprojektes "Innovative Personalpolitik für Väter", finanziert von der Stadt Hamburg und durchgeführt von uns und zwei weiteren KollegInnen von der Organisationsentwicklungs-GbR "Dads - Väter in Balance", haben wir die Möglichkeit, erstmals in einem großen Unternehmen wie Airbus Deutschland konkrete Daten zu erheben, was Männer brauchen, um Familie und Beruf gut zu vereinbaren. Wir begleiten Airbus nicht nur in der Befragung, sondern entwickeln auch eine neue Kommunikationskampagne, bieten Führungskräfte-Training im Bereich Work-Life-Balance für Männer an und schulen die Personalentwicklung mit unseren neuen Konzepten, damit Väterfreundlichkeit auch langfristig bei Airbus implementiert wird.
Welche wiederkehrenden Erfahrungen machen Sie bei der Beratung von Firmen hinsichtlich des Themas "Väterfreundlichkeit"?
Die Personalentwicklungsabteilungen der Unternehmen sind neugierig und können sich unter dem Label "Väterfreundliche Maßnahmen" oft nichts vorstellen. Aber schon in den ersten Gesprächen wird ihnen deutlich, was es heißen könnte, nicht nur Mütter, sondern auch Väter mit konkreten Angeboten zu unterstützen. Bis jetzt fehlten die Experten und Fachleute, die solche Konzepte entwickelt haben und auch umsetzen konnten. Mit dem Modellprojekt konnten wir uns viel Know How erarbeiten, um nun auch anderen Unternehmen Angebote zu machen. Viele Unternehmen sind noch zögerlich, das Konzept "Väterfreundlichkeit" als Personalentwicklungsinstrument zu sehen, doch wir machen die Erfahrung, dass gerade durch den Facharbeitermangel viele Personaler nach neuen Anreizmodellen für Mitarbeiter Ausschau halten.
Können Sie die Grundzüge einiger väterfreundlicher Angebote - z.B. Arbeitszeitmodelle - darstellen und erläutern, worin genau die Väterfreundlichkeit besteht?
Bei Airbus zum Beispiel bieten wir im externen Weiterbildungsangebot verschiedene Vater-Kind-Aktionen, wie auch Vorträge oder Workshops an. Vom Vater-Kind-Abenteuercamp über den Vater-Kind-Flugtag können Airbus-Mitarbeiter auch Vorträge zum Thema "Väter erziehen anders", "Männer werden Väter", "Time-out statt Burn-out" oder "Das neue Elterngeld für Paare" besuchen. Neben diesen gut besuchten Veranstaltungen schulen wir Personaler und Führungskräfte zu Themen, wie man Väter berät, die in Elternzeit gehen möchten, entwickeln geeignete Kommunikationsformen, wie man vorhandene und neue Angebote "an den Mann" bringt und analysieren familienfreundlichen Maßnahmen auf die Väterfreundlichkeit hin.
Was sind aus Ihrer Sicht Haupthindernisse für väterfreundliche Angebote und wie ließen sich diese überwinden?
Die größten Hindernisse sind die immer noch vorherrschenden traditionellen Rollenvorstellungen der Führungskräfte, zum Beispiel dass ein Vater, der seine Arbeitszeit nicht voll und ganz seinem Arbeitgeber zur Verfügung stellt, kein richtiger Mann ist, der Karriere machen möchte. Dabei gibt es immer mehr junge Väter, die - neben der Erfüllung und der Karriere im Beruflichen - nicht die schönen und nahen Momente mit ihren Kindern missen möchten. Junge Väter möchten heute flexible Arbeitszeiten haben, möchten nicht danach beurteilt werden, wann sie das Büro verlassen, sondern wann das Projekt oder die Arbeit erledigt ist, um die wertvolle Zeit mit den Kindern und der Partnerin zu nutzen.
Deshalb ist unser wichtiges Anliegen, die Vorstände und Führungskräfte von Unternehmen davon zu überzeugen, in die Väter zu investieren, um sie stärker an das Unternehmen zu binden, die Fehlzeiten zu mindern und zufriedenere Mitarbeiter zu halten bzw. zu rekrutieren. Väterfreundlichkeit ist für Unternehmen und Väter - nach all unseren Erfahrungen - eine Win-Win-Lösung.
Wie beurteilen Sie die vielerorts stattfindenden Bemühungen um mehr Familienfreundlichkeit in Betrieben und wie viel innovative Väterpolitik ist darin enthalten?
Bundesfamilienministerin Frau von der Leyen ist zurzeit ganz klar der Motor für mehr Familienfreundlichkeit in Deutschland. Nicht nur, dass sie das neue Elterngeld angeschoben und durchgesetzt hat, sie wird sicherlich auch noch weitere Akzente setzen, um Unternehmen und die Gesellschaft familienfreundlicher zu machen. Innovative Väterkonzepte werden in den wenigsten Unternehmen umgesetzt und angeboten, auch deshalb, weil es noch zu wenig Fachleute in diesem Bereich gibt, die das Wissen und die Kontakte haben, um Personaler kompetent zu beraten. Nur 10 Prozent der Unternehmen in Deutschland bieten ihren männlichen Mitarbeitern familienfreundlichen Maßnahmen an und ermutigen sie auch, ihre Vaterrolle ernst zu nehmen. Viele Unternehmen zeigen sich aber offen und interessiert, und durch meine Wahl zum "Social Intrepreneur 2007" habe ich mit meinen Kollegen nun mehr Möglichkeiten, unsere neuen Konzepte nicht nur in Hamburg, sondern auch in Deutschland umzusetzen.
Wo - denken Sie - wird die betriebliche Väterpolitik in 10-12 Jahren angekommen sein?
In 10 Jahren werden Männer viel selbstverständlicher in Elternzeit gehen und Familie und Beruf vereinbaren. Nicht nur, weil viele Fachkräfte fehlen werden, sondern auch, weil mittlerweile mehr junge Väter (die jetzt in Elternzeit gehen werden) in den Entscheiderpositionen der Unternehmen sitzen, die über eine väterfreundliche Unternehmenspolitik bestimmen werden. Zudem haben wir dann mehr Krippenplätze, die entscheidend für eine familien - und damit auch väterfreundliche Politik in Deutschland sein werden.
Vielen Dank für das Gespräch!