Working-Paper: "Vereinbarkeit von Vaterschaft und Beruf - Eine Analyse betrieblicher Hindernisse"

Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen

Working-Paper: "Vereinbarkeit von Vaterschaft und Beruf - Eine Analyse betrieblicher Hindernisse"

Cover_Vereinbarkeit_Vaeter_HindernisseWidersprüche zwischen verkündeter Familienfreundlichkeit und der informellen Kultur eines Unternehmens können Angebote zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu reinen "Sprechblasen" verkommen lassen. Im Rahmen ihrer wissenschaftlichen Arbeit untersuchte Johanna Possinger von der Berliner Humboldt-Universität solche Hindernisse speziell für Väterfreundlichkeit am Beispiel eines Konzerns.

Johanna Possinger, Doktorantin am Institut für Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin, deckte im Rahmen ihrer Forschungen zur Vereinbarkeit von Vaterschaft und Beruf in einem Konzern exemplarisch Widersprüche zwischen proklamierter Familienfreundlichkeit und tatsächlicher Unternehmens- und Arbeitskultur auf, die es Vätern schwer machen, entsprechende Angebote in Anspruch zu nehmen.

Väter zwischen Beruf & Familie

Die Wissenschaftlerin stellte anhand ihrer insgesamt 24 leitfadengestützten Interviews mit Vätern aus unterschiedlichen Unternehmensbereichen und Hierarchieebenen fest, dass sich die Männer mehr Zeit für die Familie wünschen. Sie sehen sich jedoch nach wie vor auch als Ernährer. In der Praxis überwiegen eher traditionelle Rollenaufteilungen in den Familien, die häufig ökonomisch begründet werden. Im Familienalltag sind die Väter zeitlich oft wenig präsent, was sie durch Aktivitäten am Wochenende zu kompensieren versuchen.

Unternehmen bietet Unterstützung

Väterfreundlichkeit im Unternehmen könnte dazu beitragen, den Konflikt in den die Rollen als Mitarbeiter und Vater für viele Männer treten, zu entschärfen. Das untersuchte Unternehmen ist daher zertifiziert mit dem "Audit Beruf und Familie" der Hertie Stiftung und verfügt über eine Konzernbetriebsvereinbarung zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Seinen Beschäftigten bietet es flexible Arbeitszeiten, die Möglichkeit, Zeitwert­guthaben für zusammenhängende Freistellungszeiträume anzusparen und bis zu fünf Jahren unbezahlten Sonderurlaub zu nehmen. Kinderbetreuung, Eldercare und psychosoziale Betreuung realisiert der Betrieb mit einem externen Dienstleister.

Angebote bleiben vielfach ungenutzt

Das Unternehmen sieht diese Maßnahmen vor allem als Instrument, um seine Attraktivität als Arbeitgeber für hoch qualifizierte Frauen zu steigern. Männer und Väter rückten bislang als Zielgruppe für Familienfreundlichkeit noch nicht in den Blick. "Das Unternehmen stellt seinen Beschäftigten zwar eine breite Palette an Maßnahmen zur Verfügung, die ihnen die Vereinbarkeit von Familien- und Erwerbsleben erleichtern soll. Viele der Angebote finden jedoch nur wenig Anwendung", schreibt Johanna Possinger.

Wenig Hilfe von Personalabteilung und Betriebsrat

Die Analyse der Interviews gibt auch Aufschluss darüber, welche betrieblichen Faktoren zu der geringen Nutzung der Angebote durch Väter beitragen. Väter fühlten sich zum Beispiel durch die Personalabteilung unzureichend beraten. Auch der Betriebsrat - monierten sie - setze sich kaum für eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie ein. Er lehne zum Beispiel Telearbeit mit der Begründung ab, dass sie oft in Selbstausbeutung münde, da sich Privates und Berufliches dann noch schlechter trennen ließen.

Klima: Überstunden, Anwesenheitskultur und Angst vor Stellenabbau

Außerdem offenbarten die Interviews eine verbreitete Angst der Väter vor einem Karriere-Knick oder negativen Reaktionen von Kolleginnen und Kollegen sowie Vorgesetzten, wenn sie für die Familie beruflich kürzer träten. Diese Ängste sind kaum auf die formalen Rahmenbedingungen im Unternehmen, sondern quasi ausschließlich auf informelle Faktoren zurückzuführen. Verunsichernde Umstrukturierungen und damit einhergehend die Angst vor Stellenabbau prägen das Betriebsklima, das viele der Befragte als schlecht bezeichnen. Termindruck und Stress haben zur Ausbildung einer Kultur überlanger Arbeitszeiten geführt. Es herrscht ein Anwesenheitskultur, die physische Präsenz mit Einsatzbereitschaft gleichsetzt und belohnt.

Traditionelle Vorstellung von Männlichkeit

Wie sich mit der Ausrichtung familienfreundlicher Angebote auf Mütter bereits abzeichnet, herrscht ein Leitbild traditioneller Männlich- bzw. Weiblichkeit. "Als männlich und 'normal' gilt der vollzeiterwerbstätige Vater, der seinen Kindern vor allem ein tagsüber weitgehend abwesender Ernährer, statt ein aktiver Erzieher ist. Männlichkeit wird also mit Vollzeiterwerbstätigkeit gleichgesetzt. Als weiblich und 'normal' gilt hingegen die Zuständigkeit der Mutter für die körperliche und emotionale Versorgung der Kinder", schreibt die Autorin.

Väter in Elternzeit: ein doppelter Normenbruch

In der Publikation heißt es: "Aus betrieblicher Sicht begeht ein Vater, der Elternzeit beantragt, somit einen doppelten Normenbruch: Zum einen weicht er vom geschlechtlichen Bild des Mannes als berufszentrierter Familienernährer ab, was in seinem Arbeitsumfeld Zweifel an seiner Männlichkeit aufkommen lassen kann. Zum anderen widersetzt er sich dem Leitbild des allzeit verfügbaren Mitarbeiters, was weiteren Zweifeln bezüglich seines beruflichen Engagements und Aufstiegswillens Vorschub leisten kann."

 

Link:

Johanna Possinger, Vereinbarkeit von Vaterschaft und Beruf. Eine Analyse betrieblicher Hindernisse. BGSS Working Paper No. 1, Institute of Social Sciences, Humboldt-Universität zu Berlin. Abstract und Downloadmöglichkeit der kompletten Publikation (37 Seiten) auf der Internetseite des Instituts für Sozialwissenschaft der HU-Berlin.

 

vaeter.nrw.de:

 

Veranstaltungen

05/2012 zurück vor
KW MoDiMiDoFrSaSo
18   01 02 03 04 05 06
19 07 08 09 10 11 12 13
20 14 15 16 17 18 19 20
21 21 22 23 24 25 26 27
22 28 29 30 31      

Suchen >>>

Thema des Monats

Studienergebnisse: Väterfreundlicher Arbeitsplatz