Menschen lernen mehr „vom Leben“ als in der Schule. Familie ist ein besonders intensiver Lernort. „Reinstes Management-Know-how“, sagen Expertinnen und Experten, tankten zum Beispiel Väter in Elternzeit. Eine sogenannte Kompetenzbilanz kann diese neu erworbenen oder vertieften Fähigkeiten sichtbar machen. Das Deutsche Jugendinstitut und die katholische Arbeitnehmerbewegung Süddeutschlands entwickelten ein Instrument, das dabei hilft.
Sind Familienphasen "Lücken“ im beruflichen Lebenslauf? - Viele Bewerber und Personalverantwortliche sehen das so. Kompetenzen, für die es kein Zeugnis und kein Diplom gibt, bleiben unsichtbar und unberücksichtigt. Das gilt besonders für Familien-Kompetenzen, die Väter zum Beispiel während der Elternzeit erwerben und ausbauen. Während Job-Bewerber für ehrenamtliches Engagement noch auf einen "Bonus" hoffen dürfen, verschweigen sie Elternzeiten lieber. Denn in der Mehrzahl der Unternehmen begreifen Personalerinnen und Personaler Elternzeiten als eine familienfreundliche Maßnahme, die zwar die Zufriedenheit der Mitarbeiter erhöht, als eine Zeit der Weiterbildung sehen sie das intensive Familienengagement jedoch oft nicht. Das ist erstaunlich, denn angesichts der Herausforderungen, die die Erziehung und Betreuung von Kindern mit sich bringen, sind Trainings, die Teams vieler Unternehmen besuchen, um ihre sozialen Kompetenzen zu schulen, weit weniger lehrreich.
Familie als Lernort für Väter
Über 70 Prozent der Kompetenzen, die Menschen im Laufe ihres Lebens erwerben, erlangen sie in informellen Zusammenhängen - unter Freunden, im Ehrenamt und vor allem in der Familie. „Das Zusammenleben in der Familie ist unmittelbar, verbindlich, emotional und fordert die Übernahme von Verantwortung ein. Dadurch hat der Lernort Familie eine stärkere und oft auch nachhaltigere Wirkung auf die Kompetenzentwicklung als viele formale Lernprozesse“, sagt Christine Nußhart, Geschäftsführerin der Frau und Beruf GmbH in München, die sich seit über zehn Jahren mit dem Thema befasst. Im Rahmen eines Projekts des Deutschen Jugendinstituts (DJI) und der Katholischen Arbeitnehmer Bewegung (KAB) Süddeutschlands e.V. war sie an der Entwicklung einer Kompetenzbilanz, einem Instrument zur Selbsteinschätzung und beruflichen Entwicklung für berufstätige Mütter und Väter, an Weiterbildung Interessierte und Berufsrückkehrerinnen und -rückkehrer, beteiligt. Das Instrument, das im Internet zum Download zu Verfügung steht, soll es ermöglichen, in der Familie erworbenes Handlungswissen zu erkennen und zu bewerten. Die Aufgabe war komplex, denn in familiären Lernzusammenhängen gibt es keine festliegenden Lerninhalte, die sich abprüfen lassen. „Jeder lernt was anderes, weil er andere Rahmenbedingungen hat. Wer fünf Kinder betreut, trifft auf andere Herausforderungen als der, der eines hat. Auch Stadt- oder Landleben machen zum Beispiel einen Unterschied beim Organisieren des Familienlebens“, berichtet Christine Nußhart.
Management-Fähigkeiten: planen, organisieren, kooperieren
„Den meisten ist gar nicht bewusst, dass sie durch Familienarbeit viel lernen und welche Fähigkeiten sie dabei entwickeln. Dabei tanken sie reinstes Management-Know-How“, sagt die Expertin und zählt beispielhaft Planen, Organisieren, Kooperieren, interkulturelles Handeln und Finanzmanagement auf. „Dass Menschen in der Familie ihre Konflikt- und Kommunikationsfähigkeit schulen, ist ja sowieso klar.“ Besonders in großen Unternehmen erkennen Personalverantwortliche inzwischen, dass intensives Familienengagement von Vätern zum Beispiel in der Elternzeit auch viele beruflich wichtige Fähigkeiten schult. Christine Nußhart führt das auf die seit Jahren geführte Kompetenz-Diskussion zurück und auch darauf, dass im Audit beruf und familie, dem sich viele Unternehmen unterziehen, um ihre Familienfreundlichkeit nachzuweisen und weiter zu entwickeln, die Berücksichtigung von Familienkompetenzen ein Thema ist. Personalverantwortliche, die sich für die Sichtbarmachung und bessere Nutzung von Familienkompetenzen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter interessieren, finden die kurze Broschüre „Die Kompetenzbilanz: Ein Instrument zur Optimierung betrieblicher Personalarbeit“ zum Herunterladen im Internet. Die Kompetenzbilanz ist nicht das einzige Instrument, das es derzeit gibt, um informell erworbene Fähigkeiten zu ermitteln. Es existieren zum Beispiel der (kostenpflichtige) Profilpass, der über Familienkompetenzen hinausgeht, und der FamCompass, den das Deutschen Jugendinstitut (DJI) speziell für soziale und pädagogische Berufe entwickelte.
Was haben Väter gelernt?
In der Erprobungsphase der hier vorgestellten Kompetenzbilanz befragten die Autorinnen und Autoren 180 Frauen und Männer, die das Instrument genutzt hatten. Alle an der Befragung teilnehmenden Männer gaben an, dass sie durch Familientätigkeit folgende Kompetenzen erworben bzw. weiter entwickelt hätten: Unterschiedliche Interessen anerkennen, sich in eine anderen Person versetzen können, auf Wirtschaftlichkeit und Qualität achten, schwierige Situationen erfassen und mit verschiedenen Anforderungen gleichzeitig umgehen können. Mehr als 40 Prozent der berufstätigen Befragten wollten die Ergebnisse der Kompetenzbilanz in nächster Zeit bei ihrer Karriereplanung einsetzen, bei ihrer Weiterbildungsplanung oder zur Vorbereitung eines Mitarbeiter- oder Personalgesprächs.
(vaeter.nrw.de, 05.05.2011)
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