"Die Vision ist: Männliche und weibliche Fachkräfte kümmern sich gemeinsam und gleichberechtigt in Kindertageseinrichtungen um die Betreuung, Erziehung und Bildung der Jüngsten", sagt Dr. Tim Rohrmann von der Koordinationsstelle „Männer in Kitas“. Im Rahmen des Modellprogramms "Mehr Männer in Kitas" engagieren sich Träger dafür, mehr Männer für den Beruf des Erziehers zu gewinnen.
Zu Beginn des Jahres 2011 starteten 16 Träger mit zusammen rund 1.300 Kindertageseinrichtungen in 13 Bundesländern mit der Planung und Durchführung von Kampagnen, um Jungen und Männer für die Arbeit in Kindertageseinrichtungen zu interessieren und den Beruf für sie attraktiv zu machen. Das Großprojekt mit dem Namen „Mehr Männer in Kitas“, in das in den nächsten drei Jahren rund 13 Millionen Euro aus Mitteln des Bundesministeriums für Familien, Senioren, Frauen und Jugend sowie des Europäischen Sozialfonds der Europäischen Union fließen werden, gehe, so sagt Dr. Tim Rohrmann, Fachreferent bei der Koordinationsstelle „Männer in Kitas“ in Berlin, auf eine 2010 erschienene Studie zur Situation von Männern in Kindertagesstätten zurück, die Handlungsbedarfe aufzeige. Nur 2,4 Prozent der Fachkräfte in Kitas bundesweit seien derzeit Männer, heißt es in der Studie. Die regionalen Unterschiede sind groß. Den höchsten Männeranteil verzeichnen die Einrichtungen in den Stadtstaaten Bremen (9,6 Prozent) und Hamburg (8,5 Prozent). Ganz hinten im Länderranking liegen die ostdeutschen Länder, Baden-Württemberg und Bayern mit teilweise deutlich unter zwei Prozent. Die Untersuchung ergab gleichzeitig, dass es sowohl bei Trägern als auch bei Eltern ein großes Interesse gibt, die Zahl der Erzieher in Kindertagesstätten zu erhöhen.
Gesellschaftlicher Wandel
„Denn 50 Prozent der Bevölkerung bei der Erziehung, Betreuung und Bildung kleiner Kinder außen vor zu lassen, ist nicht mehr zeitgemäß“, erklärt Tim Rohrmann. Die Rollenvorstellungen von Vätern hätten sich deutlich gewandelt. Sie fühlten sich inzwischen häufig ebenso verantwortlich für die Erziehung und Betreuung ihrer (kleinen) Kinder wie die Mütter. „In den Kitas ist die Präsenz männlicher Fachkräfte dagegen noch relativ neu. Die vielfach nach wie vor reinen Frauen-Kita-Teams wirken in diesem veränderten Umfeld zunehmend unpassend.“
Männer gleich stellen
Eine Neuausrichtung ist auch aus gleichstellungspolitischer Sicht geboten: Weder Jungen noch Mädchen sollen durch ihr Geschlecht auf ein bestimmtes Berufsspektrum festgelegt sein. Es gilt, Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass jeder Mensch den Beruf wählen kann, der ihm oder ihr liegt. "Männer und Frauen sind zwar unterschiedlich", sagt Tim Rohrmann, "gesellschaftliche Konventionen machen sie aber unterschiedlicher als sie sein müssten. Das belegen nicht zuletzt aktuelle Erkenntnisse der Hirnforschung."
Klischees vermeiden
"Im Moment gibt es einen regelrechten Hype um das Thema 'Männer in Kitas'", beobachtet der Psychologe Tim Rohrmann. Zum Teil würden unrealistische Erwartungen damit verbunden und Herausforderungen ausgeblendet. "Es gibt zum Beispiel bislang keine eindeutigen wissenschaftlichen Nachweise dafür, dass Jungen sich besser entwickeln, wenn sie von Männern betreut werden." Ebenso kritisch bewertet der Fachmann pauschale Äußerungen, Männer gingen anders mit Kindern um, setzten mehr auf Bewegung und Handwerkliches oder trauten Kindern mehr zu. "Männern wird dann so ein Pfadfinder-Image aufgedrängt, das zu vielen aber gar nicht passt. Damit wiederholen wir die Klischees, die wir eigentlich überwinden wollen und die Menschen in Geschlechterstereotype pressen."
Eine Wertefrage
"Letztlich läuft es darauf hinaus: Wir haben die gemeinsame Vision einer Gesellschaft, in der Männer und Frauen partnerschaftlich miteinander umgehen und in der beide Geschlechter gleiche Entfaltungsmöglichkeiten vorfinden", sagt Tim Rohrmann. "Das ist der Grund, warum Frauen und Männer sich in Kitas gemeinsam und gleichberechtigt um Kinder kümmern sollen. Sie leben dieses gesellschaftliche Ideal dann gleichzeitig der nächsten Generation vor."
Bewusstseinsveränderung als Herausforderung
Leicht ist eine solche Umstellung in den Kitas nicht unbedingt. Es treffen nämlich zum Beispiel unterschiedliche Rollenvorstellungen von Erzieherinnen und Erziehern aufeinander: "Erzieherinnen haben einen typischen Frauenberuf. Nicht selten ist das auch Ausdruck eines eher traditionellen Rollenverständnisses. Männer, die diesen Beruf ergreifen, sind aber im Gegenteil solche, die sich von althergebrachten Vorstellungen lösen," beschreibt Tim Rohrmann die Konstellation. Ein weiterer ebenfalls kaum thematisierter Aspekt ist, dass sich durch die Kampagnen für "Mehr Männer in Kitas" Erzieher künftig vermehrt als Männer bei den Trägern bewerben mit dem Bewusstsein, nicht nur als Fachkraft, sondern als männliche Fachkraft besonders gefragt zu sein. "Es werden sich andere Männertypen für den Beruf interessieren. Die Vielfalt wird größer. Das ist eine große Chance aber vielfach auch Zündstoff fürs Team", meint Tim Rohrmann. Der Experte plädiert daher dafür, das Thema mit Bedacht anzugehen und die Teams in diesem Veränderungsprozess gut zu begleiten und zu unterstützen: "Sonst ist die Euphorie schnell wieder verflogen."
(vaeter.nrw.de, 07.04.2011)
Foto: Koordinationsstelle "Männer in Kitas" / Tim Deussen, Fotoscout Berlin
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