Befragung: Väter mit Zuwanderungsgeschichte sprechen über ihre Vaterrolle

Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen

Befragung: Väter mit Zuwanderungsgeschichte sprechen über ihre Vaterrolle

Vaeter_Uschi_Hering-Fotolia_comIn Gesprächen mit elf Vätern mit Zuwanderungsgeschichte ging vaeter.nrw.de der Frage nach, ob es konfliktreich ist, die Erziehungskulturen aus unterschiedlichen Ländern zu vereinbaren.

Wie entwickeln Väter mit Zuwanderungsgeschichte einen eigenen Erziehungsstil „zwischen den Kulturen“? Gibt es auch Gemeinsamkeiten, die Erziehungstraditionen in allen Kulturen durchziehen? Diesen Fragen wollte das vaeter.nrw.de-Redaktionsteam auf den Grund gehen und holte die Meinungen von elf Vätern mit unterschiedlichen kulturellen Wurzeln ein. Die Ergebnisse der – nicht repräsentativen - Befragung zeigen: Pauschale Aussagen lassen sich kaum treffen. Vermutungen, dass die Väter sich als „zwischen den Kulturen stehend“ erleben, bestätigten sich nicht. „Die Väter fühlen sich in ihrer familiären Herkunftskultur ebenso Zuhause, wie in der deutschen“, berichtet Väterexperte Antonio Diaz aus Dortmund (Academia Española de Formación – Spanische Weiterbildungsakademie e.V. (AEF) / Projekt „Elternbrücke“), der Vätergruppen leitet und mit den meisten der Väter sprach. „Einige integrieren sogar weitere kulturelle Einflüsse aus den Herkunftsländern ihrer Partnerinnen.“ Dabei träfen sie jedoch auch eine Auswahl, was sie übernehmen wollten und was nicht, sagt er.

Peter und Orhan: religiöse Erziehung oder nicht?

Peter, der aus Polen nach Deutschland kam, wurde zum Beispiel selbst streng katholisch erzogen. Er distanziert sich aber von dieser Tradition. „Mir ist das nicht wichtig und ich gebe dies dementsprechend auch nicht an meine drei Kinder weiter“, berichtet er. Der türkeistämmige Orhan hält bewusst an Erziehungsgrundsätzen fest, die in seinem Herkunftsland einen hohen Stellenwert besitzen. Er zählt auf: „Familienzusammenhalt, respektvoller Umgang in der Familie und in der Gesellschaft, Tradition und die muslimische Religion.“

Mohammed: Kulturelle Erfahrungen fließen automatisch ein

Der Dortmunder Mohammed, Sohn einer deutschen Mutter und eines türkischen Vaters, ist mit einer Tunesierin verheiratet und hat zwei Kinder. Er sagt: „Sicherlich fließen, wie in allen Lebensbereichen, so auch in die Erziehung meiner Kinder, viele unterschiedliche kulturelle Erfahrungen mit ein. Da ist die türkische, die deutsche und die arabische Familie, die Umwelt, Kultur, Sprache, Religion etc., doch letztlich möchte ich nur, dass meine Kinder gesund und glücklich aufwachsen und dass ich bei diesem Prozess dabei sein kann.“

Aktiver Vater sein

Wie ein roter Faden zieht sich der Wunsch, die Kinder beim Aufwachsen zu begleiten, durch die Aussagen der Väter. Sie wollen es oft anders machen, als sie es bei den eigenen Vätern erlebt haben.

Fransisco: Entscheidung für Elternzeit

Der selbstständige Grafiker Francisco, dessen Eltern vor über 50 Jahren aus Spanien nach Ostwestfalen einwanderten, versorgt Zuhause die Tochter, während seine Frau arbeiten geht. Er sagt: „Ich habe mich bewusst entschieden, die Zeit mit meiner Tochter zu verbringen, denn ich sehe, wie es Vätern ergeht, die dies nicht machen. Sie sind verbittert, einsam und im Alter haben sie keine tiefe Vertrauensbeziehung zu ihren Kindern.“

Yusuf: mehr als „Versorger“ sein

Yusuf, der als Dreijähriger aus Anatolien nach Deutschland kam, ist Vater von vier Kindern. Seine Frau ist Amerikanerin. Er lernte sie während des Studiums kennen, das er der Unterstützung der Frau seines ältesten Bruders verdankt. Sie half seiner Mutter und den Geschwistern, seinen sehr strengen Vater, der sich nur als Ernährer der Familie sah, davon zu überzeugen, dass aus den Kindern auch schulisch etwas werden kann und dass „Urteile von Lehrern nicht Gottesurteile sind“. Yusuf will seine Vaterrolle bewusst anders leben als er es bei seinem Vater erlebt hat: „Ich versuche für meine Kinder da zu sein, trotz der Arbeit, denn ich habe festgestellt bei allen meinen Freunden, in der Familie und bei Kollegen – deutschen, amerikanischen, türkischen, italienischen usw. - dass deren Vätergeneration nie da war, sie haben die Familie zwar versorgt, waren aber nicht bei ihr. Wir versuchen bei unseren Kinder zu sein, das ist anstrengend, aber schön“.

Bülent: ein Vorbild fehlt

Yusufs älterer Bruder Bülent, ist Mitte 50, in zweiter Ehe verheiratet und Vater von acht Kindern. Auch er vermisst ein gutes Vorbild für die Vaterrolle. „Es ist schwer Papa zu sein, wenn der eigene Papa nie da war. Je älter ich werde, desto öfter stelle ich fest, dass ich mich dabei ertappe, wie mein Vater zu klingen. Das erschreckt mich manchmal, denn ich möchte nicht so werden wie er, einsam und verbittert“, sagt er.

Frank: Gefühle zeigen ist schwierig

Frank kam als junger Erwachsener aus Kasachstan ins Bergische Land. Er hat vier Kinder und kam ins Grübeln als seine beiden Söhne in der Schule „Stress bekamen“: „Bei aller Liebe habe ich die Nähe meines Vater nie gespürt, er hat mich nicht umarmt oder getröstet, wenn ich geweint habe“, erinnert er sich, „mit Erschrecken stellte ich fest, dass ich auf dem Weg dahin war, auch so zu werden und meine Gefühle nicht zuzulassen. Ich konnte auch mit keinem darüber reden, weder über meine Beziehung zu meinem Vater, noch über meine Gefühle. Ich habe nach Vätern bzw. Männern gesucht, mit denen ich mich austauschen konnte, aber es war aus vielen Gründen nicht möglich. Ich wäre froh gewesen, hätte ich so etwas gefunden! Jetzt kann ich langsam mit der Familie und den Jungs offen umgehen, den Jungs geht es nun besser in der Schule, dank meiner Familie und meines Therapeuten.“

Josef: geschützte Orte für den Austausch unter Vätern

Auch Josef aus Nigeria, der für ein Zusatzstudium nach Deutschland kam, zweimal verheiratet war und vier Kinder hat, findet es wichtig, dass Väter, die sich aktiv und bewusst in die Kindererziehung einbringen wollen, über ihre Probleme oder Gefühle austauschen können. „Es gibt zwar viele Orte, wo sich Männer bzw. Väter unterhalten können, doch es ist fast unmöglich, geschützte Orte zu finden, wo wir unsere Seelen öffnen können und uns austauschen können, ohne Angst zu haben, verletzt zu werden, uns lächerlich zu machen oder befürchten zu müssen, dass etwas nach außen dringt“.

Francesco: darüber sprechen können

Wie hilfreich ein solcher Austausch sein kann, macht Francescos Aussage deutlich. Er kam mit 16 aus Sizilien zu seinen Eltern ins Rheinland. Dort sollte er in der elterlichen Pizzaria arbeiten. Ein Sozialarbeiter setzte sich dafür ein, dass Francesco eine Ausbildung machen konnte. „Heute arbeite ich in einer Firma in Dortmund und habe einen 17-jährigen Sohn, Luigi“, berichtet er. Vor drei Jahren gab es einen Bruch in seinem Leben. Der Sohn bekam sehr große Schwierigkeiten  in der Gesamtschule, musste zur Hauptschule und drohte diese ohne Abschluss zu verlassen. Das war bei Francesco der Auslöser, darüber nachzudenken, wie es für ihn in dem Alter war. „Ich fing an, meinen Vater zu hassen“, sagt er und macht eine lange Pause. „Ich habe dann lange geweint. Ich und meine Schwester hatten immer schöne Geschenke, die anderen waren neidisch, aber Papa und Mama waren nie da. Er hat uns nie umarmt und dann starb er. Auch ich habe nie mit Luigi geredet oder ihn umarmt... Gott sei Dank erfuhr ich von einer Männergruppe, in der ich mich austauschen konnte. Jetzt geht es besser, ich rede darüber mit der Familie und Luigi. Es geht meinem Sohn jetzt besser. Er macht eine Lehre als Energieanlagenelektroniker. In der Gruppe habe ich festgestellt, dass es viele Papas wie mich gibt. Mit meinem Vater kann ich nicht mehr darüber sprechen, das ist traurig, aber das Leben geht weiter“.

Ahmet: bei der Geburt der Kinder dabei

Der Marokkaner Ahmet ist zum Studium nach Westfalen eingewandert. Er arbeitet jetzt als Angestellter, ist mit einer deutsch-türkischen Muslima verheiratet und hat zwei Kinder. Von seiner Mutter übernahm er den muslimischen Glauben und das Lebensmotto „Tue alles, was du tust, mit Liebe“. Da er seine beiden Kinder bewusst erziehen und von Anfang an jeden Moment genießen wollte, entschied er sich, bei der Entbindung seiner Kinder dabei zu sein. Für den eigenen Vater war das unbegreiflich. Doch Ahmet hat die Entscheidung nicht bereut: „Das war der schönste und bewegendste Moment in meinem Leben. Ich habe geweint vor Freude und Dankbarkeit“. Auch er bedauert, dass es „wenige Möglichkeiten gibt, sich mit anderen Männern und Vätern darüber auszutauschen“.

Erziehungsziel: respektvoller Umgang miteinander

Einige der Väter formulieren Werte, die sie ihren Kindern weitergeben wollen. Ahmet sagt: „Ich erziehe meine Kinder so, dass sie mit anderen Menschen vor Ort friedlich zusammenleben.“ Dominique, der mit 17 allein aus Frankreich nach Deutschland kam, ist es wichtig, „Respekt vor den Menschen zu vermitteln, egal aus welchem Herkunftsland sie kommen, welche Hautfarbe oder welchen Glauben sie haben.“

Wichtig: eine gute Bildung für die Kinder

Viele Väter thematisieren auch die Bedeutung von Bildung. Sie wollen, wie Dominique, dafür sorgen, dass die Kinder eine gute Ausbildung bekommen und dass sie fleißig sind. Peter ist aus Polen nach Deutschland eingewandert und hat hier deutsch gelernt. Bei seinen drei Kindern achtet er besonders auf eine gute schulische Bildung. „Am Anfang war es mir wichtig, dass die Kinder die polnische Sprache erlernen. Da es mir aber eher unangenehm war, in der Öffentlichkeit polnisch mit den Kindern zu sprechen, hat sich irgendwann zum größten Teil die deutsche Sprache durchgesetzt. Jetzt rede ich nur sehr selten polnisch.“ Der in Ankara geborene Orhan, der seit 1995 in Köln lebt und zwei Kinder hat, sagt: „Bei der Erziehung meiner Kinder lege ich sehr großen Wert auf eine gute Bildung. Meine Kinder wachsen mehrsprachig auf. Außerdem finde ich es wichtig, dass meine Kinder in ihrer Freizeit an kulturellen und sportlichen Aktivitäten teil nehmen und ihre soziale Umgebung wahr nehmen. Mein Ziel ist es, dass die Kinder ein Niveau erreichen, mit dem sie sich innerhalb unserer Gesellschaft sozial ausdrücken und definieren können.“

Wie entwickeln sich die Kinder?

Das bedeutet, dass die Kinder viele unterschiedliche Einflüsse aus der Gesellschaft aufgreifen und für sich „verwerten“. Daher fragt sich der Marokkaner Ahmet: „Was wird an meinem Sohn und meiner Tochter noch marokkanisch sein, was deutsch oder türkisch und werden meine Enkel noch muslimisch sein?“

Fazit

Väter mit Zuwanderungsgeschichte, so legt die kleine vaeter.nrw.de-Befragung nahe, stehen vor den gleichen Fragen und Herausforderungen wie nicht zugewanderte Väter. Sie möchten aktive Väter sein und suchen für die Gestaltung dieser Vaterrolle Vorbilder und Hinweise. Dabei setzen sie sich mit der Beziehung zum eigenen Vater auseinander und stellen oft fest, dass sie sich von der Art, wie ihre Väter die Rolle gelebt haben, abgrenzen wollen. Väter sind daher oft auf der Suche nach positiven Rollenvorbildern und dem Austausch mit anderen Vätern. Viele der Väter  möchten ihre Kinder zu friedlichen und respektvollen Menschen erziehen und ihnen eine gute Bildung ermöglichen. Sie fragen sich aber auch, welche vielfältigen Einflüsse ihre Kinder prägen werden und ob die von ihnen selbst vermittelten Werte und Traditionen nicht teilweise verloren gehen.

(vaeter.nrw.de, 10.11.2011)

Foto: Uschi Hering / Fotolia.com

 

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