Erziehung: Sexuelle Aufklärung ist ein Grundsatzthema

Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen

Erziehung: Sexuelle Aufklärung ist ein Grundsatzthema

1107_Sexualkunde_Kaarsten-Fotolia_com_mod_100Kinder profitieren von Vätern, die sie auf dem Weg zu einer selbstbestimmten Sexualität begleiten und ihnen als Ansprechpartner zur Verfügung stehen. Vaeter.nrw.de fasst die wichtigsten Inhalte aus einem Gespräch mit Ralf Specht, Geschäftsführer von Väter e.V. und Dozent am Institut für Sexualpädagogik (isp) in Dortmund zusammen.

Wie andere Experten bezeichnet Ralf Specht Sexualität als „eine Lebensenergie, ein Motor für Lebensfreude und Entwicklung, der uns durch die gesamte Lebensspanne begleitet und Teil der Gesamtpersönlichkeit ist.“ Sexualität wird in diesem Sinne nicht mit Geschlechtsverkehr gleichgesetzt, sondern als „lebenslanger menschlicher Entwicklungs- und Identitätsbereich verstanden, der unterschiedliche Aspekte von Körperlichkeit, Lust, Fortpflanzung, Gefühlen und Bedürfnissen umfasst.“

Trotz der grundlegenden Bedeutung von Sexualität reduziert sich das Thema für viele Väter jedoch auf zwei sogenannte Aufklärungsgespräche mit ihren Kindern. Beim ersten Gespräch geht es um die Frage "Wo kommen die kleinen Kinder her?". Das zweite "ernste Gespräch" soll über Verhütung aufklären. "Diese althergebrachte Methode funktioniert nicht gut. Die Gespräche sind für Väter und Kinder oft eher peinlich“, berichtet Ralf Specht.

Eigene Bedürfnisse wahrnehmen und Grenzen beachten

"Sexualaufklärung sollte Kindern und Jugendlichen ermöglichen, die eigenen Gefühle bewusst wahrzunehmen und ihnen helfen, sie einzuordnen“, sagt Ralf Specht. „Außerdem müssen die Kinder die gesellschaftlichen Spielregeln kennen lernen. Das bedeutet zu wissen, wo die eigenen Grenzen und die anderer sind. Das zu vermitteln, geht nicht in einem einmaligen Aufklärungsgespräch.“

Väter übersehen dabei auch, dass Kinder von Geburt an körperliche und sexuelle Wesen sind und das Thema daher dauernd präsent ist. Babys als sexuelle Wesen? Das klingt für viele zunächst unverständlich. „Erwachsene setzen Sexualität zumeist mit Geschlechtsverkehr gleich. Wenn wir aber Sexualität als Lebensenergie sehen, die Beziehungsaspekte, Körperwahrnehmung und die Entwicklung einer Identität ebenso beinhaltet wie Vitalität, Fruchtbarkeit und Fortpflanzung, wird die Aussage verständlich. Sexualität in diesem Sinne ist Motor für die körperliche und geistige Entwicklung der Kinder. Kinder experimentieren zum Beispiel durch die berühmt-berüchtigten ‚Doktorspiele‘ mit ihrem Körper und denen anderer Kinder. Sie verfolgen damit längst nicht immer ein klares Ziel, sondern probieren aus. Sie können so viel über sich und über andere sowie ihre Gefühle und Bedürfnisse lernen.“ (Weitere Informationen für Eltern: "Liebevoll begleiten... Körperwahrnehmung und körperliche Neugier kleiner Kinder", Broschüre der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA))

Typische Fragen in unterschiedlichen Lebensaltern

Kinder wollen übrigens früh wissen, wo die Babys herkommen und fragen meist schon im Kindergartenalter danach. Ralf Specht rät, die Frage offen, einfach und ehrlich zu beantworten: "Kinder suchen sich die Informationen raus, die sie einordnen können.“ Hilfreich kann es dabei sein, zusammen Aufklärungsbücher anzuschauen, die es inzwischen sehr vielfältig für alle Altersstufen gibt." (Zum Beispiel "Das kleine 9 x 2 - Die Geschichte von Mutter und Kind in den 9 Monaten der Schwangerschaft bis zur Geburt", das es kostenfrei bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung gibt.) Im Grundschulalter würden für viele Kinder Gefühle und Verliebtsein zum Thema. Sie blickten voraus und fragten sich, was sie in der Pubertät erwartet. (Weitere Informationen für Eltern: "Über Sexualität reden... Zwischen Einschulung und Pubertät", Broschüre der BZgA)

Jugendliche suchen nach Informationen

Jugendliche suchen sich ihre Informationen zu sexuellen Themen zumeist in Gleichaltrigengruppen oder in den Medien – Jungen besonders im Internet. "Es ist recht zufällig, welche Seiten sie dort finden. Oft bekommen sie auf diese Weise viel zu viele oder auch falsche Informationen, die sie verunsichern", sagt Ralf Specht, der die typischen Fragestellungen aus seinen Besuchen in Schulklassen kennt. "Die Jugendlichen haben oft den Eindruck, das alle erfahren sind, nur sie nicht und es ist ihnen zunächst peinlich, ihre Fragen zu stellen." Väter sollten als Ansprechpartner zur Verfügung stehen und signalisieren, dass sich die Kinder mit Fragen an sie wenden können. "Oft ergibt sich die Situation, indem Väter mit ihren Kindern über einen gemeinsam gesehenen Film reden oder über etwas, das in einem Buch oder der Zeitung stand." (Weitere Informationen für Eltern: "Über Sexualität reden... Die Zeit der Pubertät" Broschüre der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA))

Väter besonders für Jungen wichtig

Eine Befragung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung unter Jugendlichen bestätigt, dass Eltern wichtige Ansprechpartner für Sexualaufklärung sind. Der Vater ist vor allem für die Jungen wichtig: 37 Prozent nennen ihn. Bei den Mädchen sind es zwölf Prozent. Die Mutter rangiert mit 44 Prozent auch bei den Jungen noch vor dem Vater. Bei den Mädchen ist sie mit 68 Prozent der Nennungen ganz eindeutig die wichtigste Informationsquelle für sexuelle Fragen. "Der Vater ist in vielen Familien nicht so oft greifbar, wie die Mutter", erklärt Ralf Specht und rät Vätern, sich ins Erziehungsgeschehen einzubringen und mehr "Fläche" zu bieten, dann kämen die Gespräche zu sexuellen Fragen ganz nebenbei, ohne dass Väter ihren Kindern etwas "aufdrängen" müssten. Kinder spüren übrigens sehr genau, welche Themen dem Vater oder der Mutter peinlich sind oder ob ein Gespräch sie unangenehm berührt. Dann „schützen“ sie ihre Eltern und besorgen sich die Informationen woanders.

Geschlechterrollen hinterfragen – Vielfalt anbieten

"Ich behaupte, wenn der Vater Zuhause den Abwasch macht, ist das auch Sexualaufklärung", sagt Ralf Specht. Er findet es wichtig, dass Kinder auf der Suche nach der eigenen Identität ein breites Spektrum von Verhaltensweisen bei Erwachsenen erleben. "Um sich frei zu entscheiden, brauchen sie eine Vielfalt von Möglichkeiten." Ralf Specht erlebt auch, dass Väter im Umgang mit ihren Kindern verunsichert sind und kaum wagen, sie anzufassen, weil sie befürchten, dass ihnen sexueller Missbrauch unterstellt werden könnte. „Eine natürliche Nähe und ein In-den-Arm-nehmen gehören aber dazu und sind für die Kinder wichtig. Der Körperkontakt gerade im Kindesalter gibt ihnen das notwendige Selbstbewusstsein und ein Gefühl für ihre Grenzen und Bedürfnisse. Kinder, die mit diesen positiven körperlichen Erfahrungen aufwachsen, sind auch besser geschützt vor sexuellem Missbrauch. Denn sie können Übergriffe besser einordnen und es fällt ihnen leichter, „nein“ zu sagen und sich mit ihrem Erlebnis an die Eltern oder andere Bezugspersonen zu wenden. 

Informationsangebote für Kinder und Eltern

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) und die Organisation ProFamilia stellen auf ihren Internetseiten umfassende Informationen und vielfältige Materialen zum Download und zum Bestellen für Jugendliche, Eltern und Fachleute bereit. Väter können ihre jugendlichen Kinder auf das Angebot verweisen und durch eigene Lektüre verstehen, welche Fragen ihre Kinder wahrscheinlich umtreiben. (Zum Beispiel interessant für Jugendliche: Die BZgA-Broschürenreihe "sex 'n tipps" mit Heften zu "Jugenfragen", "Mädchenfragen", "Körper und Gesundheit" sowie "Die erste Liebe" oder die Materialien, die ProFamilia speziell für diese Zielgruppe anbietet.)

Pubertät: Väter können "Leuchttürme" sein

Ralf Specht möchte Vätern Mut machen, mit ihren Kindern über sexuelle Fragen zu reden. "Formulieren sie ich-Botschaften", rät er. "Zum Beispiel: 'Ich habe das Bedürfnis darüber zu reden', oder 'Ich bin für solche Fragen offen, wenn du darüber sprechen willst'." Wenn ein Gespräch aus Sicht des Vaters "in die Hose gegangen" sei, mache das meist nichts. Der Vater könne ja daran anknüpfen und Dinge gerade rücken oder sie noch einmal anders erklären. "Es gibt ja nicht nur das eine Gespräch", meint der Experte, der es gerade für Kinder in der Pubertät wichtig findet, dass sich der Vater als Gesprächspartner anbietet. "In dieser für die Kinder schwierigen Zeit, die sie häufig in ein Wechselbad der Gefühle stürzt, kann der Vater ein 'Leuchtturm' sein."

Foto: Kaarsten / Fotolia.com

 

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