Wie wichtig ist es Vätern, die Individualität ihrer Kinder zu fördern? Möchten sie, dass sich ihre Söhne und Töchter in Kursen außerhalb der Schule weiterbilden und wie schätzen sie den Einfluss des Elternhauses auf die Entwicklung ihrer Kinder ein? Das fragte vaeter.nrw.de von Februar bis April 2011 seine Nutzer. Schulpädagogikprofessor Werner Sacher kommentiert die Ergebnisse.
Die Februar-Frage des Umfrage-Themenblocks „Erziehung und Bildung“ unter „Ihre Meinung“ auf vaeter.nrw.de lautete: „Fördern sie mit ihrer Erziehung die Individualität ihres Kindes?“. 50 Prozent der Umfrageteilnehmer beantworteten sie mit „ja“, 43,8 Prozent mit „eher ja“. Lediglich 6,3 Prozent sagten „eher nein“. Niemand votiert für „nein“. „Es ist ja klar, welche Antwort hier 'erwartet' wird und sozial korrekt ist“, sagt Walter Sacher, ehemals Professor für Schulpädagogik an der Universität Erlangen-Nürnberg und inzwischen im Ruhestand. „Ich halte das bestenfalls für eine Absichtserklärung. Spannend wäre jetzt zu erfahren, wie die Väter das denn konkret umsetzen wollen.“ Die Frage sei nämlich sehr komplex. „Was genau ist denn die Individualität eines Kindes?“ Ob ein Charakterzug sich durch die Rahmenbedingungen eher zufällig entwickelte oder wirklich der individuellen Wesensart des Kindes entspreche – wer könne das schon unterscheiden? Außerdem übertrügen Väter (und Mütter) oft eigene Charaktereigenschaften und Vorlieben auf das Kind. „Wer selbst musiziert, geht zum Beispiel davon aus, dass seine Kinder das auch mögen“, sagt der Experte. „Er macht ihnen dann viele musische Angebote. Andere Bereiche bleiben unberücksichtigt, weil sie im Leben des Vaters keine Rolle spielen.“ Es sei daher wichtig, Kindern viele Freiräume zu geben, in denen sie sich frei von elterlichen Vorgaben erproben und entwickeln könnten.
Sind Freizeitkurse wichtig?
Auf die zweite vaeter.nrw.de-Frage im März „Ist es ihnen wichtig, dass ihr Kind in Freizeitkursen neben Kindergarten und Schule zusätzlich lernt?“ antwortete die Mehrzahl der Umfrageteilnehmer, nämlich 59 Prozent, mit „ja“ (46,2 Prozent) und „eher ja“ (12,8 Prozent). 41 Prozent der Väter hielten mit „nein“ (25,6 Prozent) und „eher nein“ (15,4 Prozent) dagegen. Schulpädagoge Walter Sacher hält Freizeitkurse für verzichtbar. „Das ist kein zentraler Punkt für die Lernbiografie der Kinder“, sagt er. „Untersuchungen zeigen vielmehr, dass häusliche Unterstützung für das Lernen der Kinder wichtig ist.“ Es sei aber ein Missverständnis, wenn Eltern dächten, sie müssten Hausaufgabenhilfe leisten und mit dem Nachwuchs „büffeln“, meint Walter Sacher. Es komme vielmehr darauf an, dass Eltern sich für das Lernen ihrer Kinder interessierten und mit ihnen darüber redeten. „Wenn Väter ihren Kindern eine Mut machende Erwartungshaltung entgegen bringen und ihnen viel zutrauen, legen sie die beste Basis dafür, dass ihre Söhne und Töchter gut lernen können.“ Ein autoritativer Erziehungsstil, der eine liebevolle Umgebung mit Struktur und Anforderungen an Disziplin verbinde, habe sich als positiv für die Kinder erwiesen. Alle wichtigen Voraussetzungen für eine gelingende Lernbiografie der Kinder könnten Väter unabhängig von Einkommen, Bildung und kulturellem Hintergrund schaffen.
Prägend: das Elternhaus
Fast 84 Prozent der Umfrageteilnehmer antworteten „ja“ auf die vaeter.nrw.de-Frage: „Hat ihrer Einschätzung nach das Elternhaus bei der Erziehung ein größeres Gewicht als Institutionen wie Kindergarten oder Schule?“. 12,7 Prozent sagten „eher ja“ und nur 1,1 bzw. 2,3 Prozent votierten mit „eher nein“ und „nein“. „Ergebnisse der Pisa-Begleituntersuchung bestätigen das“, berichtet der Experte. „Das Elternhaus hat einen etwa doppelt so großen erzieherischen Einfluss auf die Kinder wie Lehrkräfte und Schule.“ Das könne sich ebenso positiv wie negativ bemerkbar machen. Den Lehrkräften zeigten die Ergebnisse, dass sie Mütter und Väter mit ins Boot holen müssten, den Müttern und Vätern, dass sie ihre Erziehungsverantwortung nicht auf eine Institution übertragen könnten – auch dann nicht, wenn ihre Kinder Ganztagskitas oder -schulen besuchten. Wie Eltern das Zusammenleben in der Familie gestalten und welche Möglichkeiten sie ihren Kindern geben, dabei mitzuwirken, habe nachhaltigen Einfluss auf deren Lebensweg. „Starke Väter“ seien gefragt.
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