Interview: Jan-Uwe Rogge spricht über Pubertät

Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen

Interview: Jan-Uwe Rogge spricht über Pubertät

presse_rogge_mod_100Pubertät: Der Autor, Familien- und Kommunikationsberater Dr. Jan-Uwe Rogge erklärt im vaeter.nrw.de-Interview wie Väter diese herausfordernde Zeit gestalten können.

vaeter.nrw.de: Welche Fakten über Pubertät sollten sich Väter ins Gedächtnis rufen, wenn die eigenen Kinder in diese Phase kommen?

Jan-Uwe Rogge: Pubertät haben wir alle erlebt. Trotzdem ist es noch einmal etwas ganz Neues, wenn wir diese Phase bei unseren Kindern "von außen" miterleben. In der Pubertät verändert sich der Körper stark – die geschlechtsspezifischen Merkmale prägen sich aus. Die damit einhergehende hormonelle Umstellung bringt zum Teil extreme Stimmungsschwankungen mit sich. Forschungen belegen, dass sich in dieser Zeit auch das Gehirn regelrecht neu „organisiert“. Es ist eine Zeit der Auseinandersetzung mit sich selbst, in der die Jugendlichen eine eigene Position suchen. Ihr Verhalten ändert sich und jede Möglichkeit, sich von Erwachsenen abzugrenzen scheint ihnen Recht. Das äußert sich zum Beispiel in Rückzug oder Widerspruch gegen alles was Eltern oder andere Autoritätspersonen sagen und verkörpern. Das ist für die Jugendlichen sehr kräftezehrend, so dass Pubertierende oft andere Bereiche – zum Beispiel die Schule – vernachlässigen. Alles in allem gilt: Es ist Zeit, die Kindheit zu verlassen und erwachsen zu werden.

vaeter.nrw.de: Wie können Väter ihre Kinder in dieser Phase unterstützen?

Jan-Uwe Rogge: Jugendliche brauchen Begleitung in dieser Zeit – auch wenn die Wogen bisweilen hochschlagen. Pubertierende Kinder brauchen Väter - und natürlich Mütter - ,die sie loslassen können und die ihnen gleichzeitig Halt geben. Was sie nicht brauchen, sind Kumpel-Typen, die sich betont jugendlich geben, Wischi-waschi-Väter, die sich nicht festlegen und so jedem Konflikt aus dem Weg gehen, oder autoritäre Typen, die sich als Generäle aufspielen. Vor allem brauchen sie eins nicht: Väter die „pädagogisch wertvoll“ sind. Jugendliche möchten authentische Eltern und sorgen dafür, dass die Eltern das auch sind.

vaeter.nrw.de: Können sich Eltern auf die Pubertät ihrer Kinder vorbereiten?

Jan-Uwe Rogge: Darauf kann man sich als Vater oder Mutter nicht „einstellen“. Der Ansatz geht daneben. Es kommt, wie es kommt. Die Pubertät ist eine normale Phase der Entwicklung. Sich vorab mit vermeintlichen Problemen zu beschäftigten, die es noch gar nicht gibt und die vielleicht nie auftauchen, bringt nichts. Was Eltern helfen kann, mit Pubertierenden umzugehen? Viele Väter und Mütter neigen dazu, extremes Verhalten der Kinder in die Zukunft hinein fortzuschreiben, nach dem Motto: „Wo soll das enden?“. Das ist aber völlig unrealistisch. Harmonische und turbulente Phasen wechseln sich ab. Es hilft, das wahrzunehmen und angenehme Tage zu schätzen. Am besten die Vokalen „immer“ und „nie“ gleich mal aus dem Wortschatz streichen. Denn Eindrücke wie „Immer gibt es hier nur Streit“ und „Nie nimmst du Rücksicht“ geben nicht die Realität wieder. Hilfreich kann es auch sein, sich als Eltern gegenseitig zu unterstützen und Aufgaben umzuverteilen, wenn zum Beispiel die Mutter mit der Tochter in bestimmten Situationen immer wieder aneinander gerät, könnte der Vater den Part übernehmen oder umgekehrt. Auch Väter, die nicht mit ihren Kindern zusammen leben, können in dieser schwierigen Phase für ihre Söhne und Töchter da sein. Unterstützung heißt nicht, dass man immer um die Kinder herumturnt, sondern den richtigen Weg dafür findet sie zu begleiten. Eltern neigen übrigens häufig dazu, sich selbst zu unterschätzen: Sie wissen und spüren zumeist sehr gut, wie sie ihre heranwachsenden Kinder unterstützen können.

vaeter.nrw.de: Was bedeutet die Pubertät der Kinder für das Leben der Eltern?

Jan-Uwe Rogge: Die Pubertät der Kinder geht mit einer Pubertät der Eltern einher, denn auch für sie beginnt eine Umbruchphase. Das Familiensystem verändert sich grundlegend. Wenn sich die Kinder auf den Weg machen, ist es für die Eltern wichtig, sich ebenfalls auf den Weg zu machen. Die Elternschaft nimmt für das Paar immer weniger Raum ein. Sie haben jetzt die Aufgabe, ihre Partnerschaft neu zu gestalten und gemeinsame Zukunftsperspektiven zu entwickeln.

vaeter.nrw.de: Wirkt sich diese „Pubertät“ der Eltern auf die jugendlichen Kinder aus?

Jan-Uwe Rogge: Ja, auf jeden Fall. Ich erlebe immer wieder, dass sich nicht erledigte Aufgaben in der Paarbeziehung als Erziehungskonflikte niederschlagen, die das Familienleben negativ dominieren. Vordergründig geht es dann um unterschiedliche Auffassungen zu kindbezogenen Themen wie Ausgehen, Schule oder Alkohol trinken, eigentlich steht aber ein ungelöster Paarkonflikt im Raum. Entwickeln Eltern ihre Paarbeziehung positiv weiter, ist das für die pubertierenden Kinder eine ungeheure Erleichterung. Die Kinder haben dann nicht das Gefühl, für die Eltern verantwortlich zu sein. Sie wissen: „Die nehmen ihr Leben selbst in die Hand und gestalten es, auch wenn ich aus dem Haus gehe.“

vaeter.nrw.de: Herr Dr. Rogge, herzlichen Dank für das spannende Gespräch.

 

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