Interview: Martin Verlinden berichtet über „Männer in Kitas“

Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen

Interview: Martin Verlinden berichtet über „Männer in Kitas“

Martin_Verlinden_korr_100Die dritte Fachtagung „Männer in Kitas“ fand jetzt in Köln statt. Vaeter.nrw.de sprach mit Martin Verlinden, Psychologe am Sozialpädagogischen Institut in Köln, der die Tagung gemeinsam mit dem Erzieher und Supervisor Uwe Strauß organisierte. Martin Verlinden sagt: „Kinder profitieren von Kita-Teams, denen auch Männer angehören. Außerdem bringen wir damit den Geschlechterdialog voran.“

vaeter.nrw.de: Herr Verlinden, wen sprechen Sie mit Ihrer Tagung „Männer in Kitas“ an und welche Ziele verfolgen Sie damit?

Martin Verlinden: Erzieher sind immer noch eine Minderheit im Elementar-Bereich, also in der professionellen Erziehung, Bildung und Betreuung von Kindern unter sechs Jahren. Viele Erzieher haben einen enormen Orientierungs- und Austauschbedarf mit anderen Männern aus diesem Arbeitsfeld. Mit der Tagung bieten wir ihnen sowie Frauen, die Männer verstärkt in die Frühpädagogik integrieren möchten, eine Plattform für den Austausch. Wir nutzen die Tagung auch, um gemeinsame Positionen zu formulieren und in die Öffentlichkeit zu bringen. Damit konnten wir bereits Vieles anstoßen. Zum Beispiel gibt es jetzt die Koordinationsstelle „Männer in Kitas“ in Berlin und das bundesweite Modellprogramm „MEHR Männer in Kitas“.

vaeter.nrw.de: Was möchten Sie denn konkret erreichen?

Martin Verlinden: Wir möchten erreichen, dass Männer in frühpädagogischen Berufen ebenso selbstverständlich tätig sind wie Frauen. Dazu muss ihr Anteil in den Kindertageseinrichtung deutlich steigen. Derzeit liegt er im Bundesdurchschnitt noch unter drei Prozent. Wie wir Männer in Kitas hereinholen können, wie wir sie stärken und was wir tun können, um sie in diesem Beruf zu halten, haben wir während der Fachtagung diskutiert. Der vollständige Veranstaltungstitel lautete dieses Mal nämlich „Männer in Kitas – hereinholen, stärken, halten! Zum Wohle der Kinder und für den Geschlechterdialog“.

vaeter.nrw.de: Der Titel sagt ja auch schon etwas darüber aus, warum sie einen höheren Anteil männlicher Fachkräfte in Kitas wichtig finden. Können Sie das noch einmal genauer erläutern?

Martin Verlinden: Ja, gerne. Wir vertreten die Auffassung, dass die Kinder davon profitieren und sich auch das Verhältnis zwischen den Geschlechtern positiv verändert. Unsere Erfahrungen zeigen, dass Kindern häufig reale männliche Vorbilder fehlen. Nur wenn Männer im Leben kleiner Kinder auch präsent sind, erleben sie eine große „Spannbreite“ von Männlichkeit und können sich „ihren Reim“ darauf machen. Die Kinder lernen auch viel über den Geschlechterdialog, wenn Frauen und Männer in den Kitas gleichberechtigt zusammen arbeiten. Das erleben Kinder ja sonst oftmals nur in der Familie und auch da ja längst nicht immer. Ich meine, dass so lange noch nicht genügend Männer als Fachkräfte in den Kitas arbeiten, Erzieherinnen versuchen sollten, mehr geeignete Väter in die Alltagsarbeit einzubeziehen und durch eine insgesamt verstärkte "Väterarbeit" mehr Vielfalt an Männlichkeit in die Einrichtung zu bekommen - zum Wohl der Kinder, der Teams und Familien.

vaeter.nrw.de: Verändert sich mit mehr Männern in Kitas auch etwas für Väter?

Martin Verlinden: Ja, davon bin ich überzeugt. Väter können in der Kita leichter „andocken“, wenn es dort männliche Fachkräfte gibt. Wir machen die Erfahrung, dass Erzieher regelrecht zu „Magneten“ für Väter werden. Vom eigenen Geschlecht schaut man sich eher etwas ab. Es erscheint einem relevanter für die eigene Orientierung. Daher bewegen männliche Fachkräfte etwas. Wir entwickeln damit die Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau evolutionär weiter. Zunehmend erobern Mütter sich die Arbeitswelt. Gleichzeitig erschließen sich viele Männer mehr Spielraum in den Familien und entdecken ihre Fähigkeiten bei der Kindererziehung. Männliche Pädagoge in Kitas sind für sie dabei eine Unterstützung.

vaeter.nrw.de: Trotzdem ist das Interesse von Jungen am Erzieherberuf noch eher gering, warum?

Martin Verlinden: Jungen orientieren sich noch immer an den Berufen, die sie als „typisch“ für ihr Geschlecht ansehen. Wir müssen ihnen Erfahrungsräume in sozialen Berufen eröffnen, damit sie erleben können, wie viel Freude es macht, mit Menschen zu arbeiten. Dafür gibt es ja inzwischen bundesweite Projekte wie den Boys' Day. Aber damit, Männer für diesen Beruf zu begeistern, ist es noch nicht getan. Sie sollen sich dann dort auch wohlfühlen und den Beruf langfristig ausüben.

vaeter.nrw.de: Was trägt dazu bei, dass Männer im Erzieherberuf bleiben?

Martin Verlinden: Besonders wichtig finde ich es, dass sie in den Teams nicht auf Stereotype von Männlichkeit reduziert werden. Männliche Fachkräfte berichten häufig, dass sie für scheinbar männliche Tätigkeiten zum Beispiel als Handwerker zuständig gemacht werden und zu anderen oft kaum Zugang bekommen. Um wirklich gleichberechtigt in einem gemischten Team arbeiten zu können, müssen sich alle Beteiligten mit ihren eigenen Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit auseinandersetzen. Für diesen Prozess brauchen die Teams in der Regel Unterstützung. Auch Patenschaften, die erfahrene Erzieher für neue Kollegen übernehmen, haben sich als hilfreich erwiesen, um Erzieher zu stärken. Außerdem müssen wir, um Männer wie Frauen in diesem Beruf zu halten, Aufstiegs- und Entwicklungsmöglichkeiten eröffnen. Wir plädieren zum Beispiel dafür die Erzieherinnen- und Erzieherausbildung so weiter zu entwickeln, dass sie auch die Tätigkeit als Lehrer oder Lehrerin in der Grundschule umfasst. Ein weiterer Hemmschuh für die Attraktivität des Erzieherberufes sind die vielen Teilzeitarbeitsplätze und befristeten Verträge. Es fehlt die Sicherheit, die Menschen anstreben, wenn sie eine eigene Familien gründen wollen. Wir brauchen mehr unbefristete Vollzeitarbeitsverhältnisse.

vaeter.nrw.de: Wenn es um männliche Fachkräfte in Kitas geht, wird teilweise die Befürchtung geäußert, es könne vermehrt zu sexuellen Übergriffen gegenüber den Kindern kommen. Hält das Männer aus diesem Beruf fern?

Martin Verlinden: Das ist gut möglich. Teilweise erleben wir, dass Männer in dieser Hinsicht unter Generalverdacht gestellt und regelrecht als „sexuell unbeherrschte Tiere“ angesehen werden. Ich halte diesen Generalverdacht aber für unbegründet und wenig hilfreich. Das Thema ist jedoch sehr wichtig. Wir müssen es daher differenzierter betrachten – jeder Einzelne für sich und auf institutioneller Ebene. Erzieher und Erzieherinnen sollten sich selbst gut kennen, um mit ihren eigenen Gefühlen und Impulsen umgehen zu können. Aufgabe der Träger ist es meines Erachtens, mit ihren Teams einen Kodex zu diesem Thema zu erarbeiten, der die Sensibilität der Beteiligten für das Thema erhöht und Verhaltensregeln festlegt. Es muss klar sein, dass niemand nur aufgrund seines Geschlechts unter dem Verdacht stehen darf, sich an Kindern zu vergehen. Der Kodex muss jedoch auch festlegen, was zu tun ist, wenn Verdachtsmomente auftauchen. Das Thema „Erotik“ kommt in gemischten Teams aber nicht nur in Bezug auf die Kinder, sondern auch unter den Fachkräften und im Umgang mit Eltern fast zwangsläufig auf die Tagesordnung. Ich halte es für wichtig festzuhalten, dass die Kita ein auch für Erotik begrenzter Raum bleiben muss. Das sollten Erzieherinnen und Erzieher auch in der Kommunikation beachten. Ich plädiere zum Beispiel dafür, es im Umgang mit den Eltern möglichst beim „Sie“ zu belassen. Das schafft eine wichtige professionelle Distanz. Bislang gibt es solche Handlungsanweisungen zum Thema „Umgang mit Sexualität und Erotik in der Kita“ kaum.

vaeter.nrw.de: Es gibt also vielfältigen Handlungsbedarf, wenn es darum geht, männliche Fachkräfte für Kitas zu gewinnen und sie zu halten. Wie geht es weiter?

Martin Verlinden: Wir sehen im Moment eine sehr positive Entwicklung und freuen uns über breites öffentliches Interesse für das Thema. Ein „Selbstläufer“ ist es aber nicht. Unsere Fachtagung „Männer in Kitas“ gibt dem Prozess weiterhin alle zwei Jahre wichtige Impulse und markiert auch Themen, die wissenschaftlicher Untersuchung bedürfen. 2013 wird unsere Fachtagung übrigens in Frankfurt am Main statt finden.

vaeter.nrw.de: Herzlichen Dank für das Gespräch, Herr Verlinden.

(vaeter.nrw.de, 14.04.2011)

Foto: Martin Verlinden

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