Männer- und Väterarbeit: "Leben ist mehr als berufliche Leistung", sagt Jürgen Rams

Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen

Männer- und Väterarbeit: "Leben ist mehr als berufliche Leistung", sagt Jürgen Rams

Foto Jürgen Rams"Mann, was braucht du?", dieser Frage gingen die Teilnehmer des 2. Rheinischen Männertags nach. Vaeter-nrw sprach darüber sowie über die geplante Tagung "Starke Väter!" am 29. Oktober mit Jürgen Rams, Referent im Zentrum für Männerarbeit der Evangelischen Kirche im Rheinland.

vaeter-nrw: Sie führten jetzt zum zweiten Mal einen Männertag durch. Wie war die Resonanz?

Jürgen Rams:  Zu unserem 2. Rheinischen Männertag im September kamen rund 90 Teilnehmer. Viel mehr als wir erwartet hatten. Der Buchautor Björn Süfke führte sehr gut in das Thema "Mann, was brauchst du?" ein und referierte über den Umgang von Männern mit ihren Gefühlen, die ja häufig von der Umwelt und auch von ihnen selbst wenig wahrgenommen werden.

vaeter-nrw: Sie haben die Frage "Mann, was brauchst du?" im Verlauf des Tages noch etwas konkretisiert und gefragt, wie viel Arbeit, wie viel Familie und wie viel Spiritualität der Mann braucht. Wie lauteten denn die Antworten?

Jürgen Rams: Eine einfache und schnelle Antwort gibt es wohl auf keine der Fragen. Wir haben in den Workshops diskutiert, wie wir einen Zugang zu den einzelnen Themenbereichen finden.

Die berufliche Leistung ist ja das, worüber sich viele Männer klassischerweise definieren. Zu viel Arbeit kann verhindern, dass man noch wahr nimmt, dass es auch andere Dinge gibt, die Freude machen.

Arbeit hat sich verändert. Sich heute darüber zu definieren, ist schwieriger geworden. Das Klima ist häufig belastend und der Leistungsdruck hoch. Ein aktuelles, extremes Beispiel ist das Unternehmen France Télécom, bei dem sich offenbar wegen des schlechten Betriebsklimas innerhalb kurzer Zeit viele Beschäftigte das Leben genommen haben. Das ist eine fatale Entwicklung. Männer müssen stark sein, um unter solchen Bedingungen Grenzen setzen zu können. Angebote wie der Männertag können dazu beitragen, sie zu stärken.

Die Diskussion in der Gruppe, die über Familie sprach, zeigte, dass Männer sehr viel von der Familie erwarten. Deutlich wurde aber auch, dass Männer sich in der Familie engagieren müssen, damit sie die Erwartungen erfüllen kann. Um es auf eine kurze Formel zu bringen: Nur wer sich intensiv eingibt, bekommt auch viel "raus".

Ich selbst habe an dem Workshop zum Thema Spiritualität teilgenommen. Das war übrigens die größte Gruppe. Wir fragten uns, was Spiritualität eigentlich ist und merkten, dass Stille dabei ein zentrales Element ist. Wir brauchen Auszeiten, um unsere Bedürfnisse wahrzunehmen. Das hat nichts mit Egoismus zu tun. Es geht darum zu erkennen, wer ich selbst bin und wie ich mich aufgehoben fühlen kann in meiner Form der Spiritualität.

vaeter-nrw: Die Evangelische Kirche im Rheinland ist auch Kooperationspartner der Fachtagung "Starke Väter!" am 29. Oktober in Bochum. Welche Zielsetzung hat die Tagung für Sie?

Jürgen Rams: Mit unserem Männertag sprachen wir die Zielgruppe "Männer" direkt an. Die Fachtagung richtet sich dagegen an Multiplikatoren und Multiplikatorinnen. Wir möchten das Thema in Unternehmen, Verwaltungen und Institutionen, wie Kindertageseinrichtungen, Familienbildung usw. tragen. Wir wollen, dass sich Menschen in allen Bereichen klar darüber werden, dass Männer bzw. Väter zum System Familie dazugehören. Wie wichtig sie dort sind, merken wir, wenn wir mit Kindern reden. Sie berichten häufig begeistert über ihre Väter. Noch aber bleiben Väter mit ihren Wünschen und Bedürfnissen in Unternehmen und Bildungseinrichtungen - zum Beispiel in Kindertages- oder Familienbildungsstätten - oft außen vor. Das wollen wir ändern, indem wir das Thema öffentlich machen, eine Diskussion auslösen und Bewusstsein für diese Tatsache wecken. Die vielen Kooperationspartner der Fachtagung, die ja vom Ministerium für Generationen, Familie, Frauen und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen veranstaltet wird, geben uns die Möglichkeit, das Thema sehr gut sowohl Bildungsträgern als auch Unternehmen und Verwaltungen nahe zu bringen.

vaeter-nrw.de: Was wünschen Sie sich für Väter in Deutschland?

Jürgen Rams: Ich wünsche mir, dass Väter ihr Vatersein künftig mit viel Zeit und Engagement leben können. In dieser Richtung sind ja schon sehr Viele auf dem Weg. Ich stelle mir Familien vor, in denen beide Partner arbeiten, sagen wir 25 oder 30 Stunden in der Woche, so dass genug Zeit für Partnerschaft, Kinder und eigene Bedürfnisse bleibt.

vaeter-nrw.de: Was gibt es zu tun, um das Ziel zu erreichen?

Jürgen Rams: Zum einen sehe ich die unterschiedliche Anerkennung und in der Folge die unterschiedliche Bezahlung in bestimmten Berufsfeldern als ein Kernproblem. Es ist ja nicht einzusehen, dass es mehr "wert" sein soll, ein Auto zu reparieren, als Haare zu schneiden. Es steht einer partnerschaftlichen Aufgabenverteilung in der Familie entgegen, wenn in den traditionell weiblich geprägten Berufen weniger gezahlt wird. Außerdem müssten wir unsere Arbeitswelt flexibilisieren. Und das können wir, denn "die Wirtschaft" ist ja nicht etwas Gegebenes, in Stein gemeißeltes. Wir alle bestimmen, wie und was das ist. Wir können unsere Arbeitswelt so einrichten, dass sie nicht zu Lasten der Familie geht. Um das zu erreichen, gilt es, Barrieren im eigenen Kopf zu überwinden und alte Rollenbilder zu hinterfragen. Ich glaube, ein zentraler Punkt dabei ist, dass wir aufhören uns im Wesentlichen über die (Erwerbs)-Arbeit zu definieren. Der Sinn liegt tiefer, davon bin ich überzeugt. Wenn ich meine Würde als Mensch jenseits dessen, was ich arbeite und leiste, erkannt habe, kann ich mich auf den Weg machen.

Links:

Männerarbeit der Evangelischen Kirche im Rheinland

Fachtagung Starke Väter!

 

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