„Wir dürfen nicht die Kinder mit bestrafen, wenn der Vater ins Gefängnis muss“, fordern die Verantwortlichen der Anlaufstelle Freiräume des Evangelischen Gemeindedienstes e.V. in Bielefeld. Mit „Freiräume“ startete er 2007 eine Initiative, die es Kindern ermöglichen soll, die Beziehung zu ihrem straffällig gewordenen Elternteil aufzubauen und zu behalten und so mit der Situation besser klar zu kommen. Ein Evaluationsbericht mit den Ergebnissen der Anfangszeit der Anlaufstelle Freiräume, liegt jetzt vor.
Wenn der Vater ins Gefängnis muss leidet die ganze Familie – vor allem die Kinder. „Gerade in einer Ausnahmesituation, wie sie die Inhaftierung eines Elternteils darstellt, benötigen Kinder eine stabile Eltern-Kind-Beziehung zu beiden Elternteilen, um die Krise verarbeiten zu können“, heißt es beim Evangelischen Gemeindedienst e.V. in Bielefeld. Die Besuchsstrukturen und Rahmenbedingungen in der Vollzugseinrichtung seien jedoch sehr unzureichend auf Kinder- und Familienbedürfnisse ausgerichtet. Daher rief der Verein die Anlaufstelle „Freiräume“ ins Leben, die unter anderem das Ziel verfolgt, die Beziehung zwischen inhaftierten Vätern und ihren Kindern aufrecht zu erhalten.
Im November 2007 startete als erste „Freiräume“-Maßnahme die Vater-Kind-Gruppe in der geschlossenen Justizvollzugsanstalt (JVA) Bielefeld. Einmal im Monat treffen sich dort Kinder zwischen fünf und 18 Jahren mit ihren Vätern. Gemeinsames Spielen, Basteln und Kochen oder Geburtstagsfeiern sind Aktivitäten in der Gruppe.
Um zu bewerten, ob die Anlaufstelle ihren Zweck und die gesetzten Ziele erfüllt, gab es unter anderem eine Fragebogenaktion, in der sich die Eltern und Kindern zur Vater-Kind-Gruppe äußerten. Die Ergebnisse liegen jetzt vor: „Alle Kinder geben an, dass sie durch die Vater-Kind-Gruppe mit der Inhaftierung ihres Vaters besser bzw. viel besser klar kommen. Diese Einschätzung teilen auch die Mütter, die zu 91,7 Prozent bestätigen, dass ihre Kinder mit der Inhaftierung ihrer Vater besser zu Recht kämen, seit sie an der Gruppe teilnehmen“, heißt es im Evaluationsbericht. Auch die Väter geben an, dass ihnen die Vater-Kind-Gruppe und die weiteren Angebote von Freiräume beim Umgang mit dieser schwierigen Situation sehr geholfen habe. Sie verstünden nun besser, was die Inhaftierung für die Kinder bedeute. Die Kinder leben im Durchschnitt 96 Kilometer von der JVA Bielefeld entfernt. Dass die Familien diese langen Anfahrtswege regelmäßig bewältigen und auch die Kosten dafür in Kauf nehmen, zeigt, wie wichtig ihnen die Teilnahme an dem Angebot ist.
Oftmals verlieren Väter durch die Haftsituation und deren Strukturen den Blick für die Not und die Bedürfnisse ihrer Kinder. Dabei könnte gerade der Blick auf die Entwicklung und die Zukunft der Kinder eine große Motivation sein, neue Lebensperspektiven zu entwickeln und sich in die Gesellschaft zu integrieren ohne wieder straffällig zu werden. Vater-Kind-Gruppen können dazu beitragen, dass Väter diese Motivation entwickeln.
(veater.nrw.de, 19.05.2011)
Foto: Ev. Gemeindedienstes e.V. in Bielefeld
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