Familienformen: Wohnen mit mehreren Generationen

Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen

Familienformen: Wohnen mit mehreren Generationen

grossvater_vater_sohn_yanik_chauvin_fotolia_com_100Große mehrere Generationen umfassende Haushalte gibt es heute kaum noch. Statt dessen schließen sich Menschen vermehrt in Mehrgenerationen-Wohnverbünden zusammen, bei denen jede "Partei" ihren eigenen Haushalt betreibt. Michael Klein aus Köln und seine Familie verwirklichten das mit seinen Verwandten. Viele andere suchen sich"fremde" Gleichgesinnte für ein solches Wohnprojekt.

Großeltern, Eltern, Kinder, vielleicht noch Tanten und Onkel, alle unter einem Dach vereint: Dieses oft idealisierte Bild prägt die Vorstellung von einer mehrere Generationen umfassenden Großfamilie. Sie geht auf die mittelalterliche Lebensform zurück, die als "Haus" oder "Ganzes Haus" bezeichnet wird. Neben der "Kernfamilie" umfasste das "Haus" auch Gesinde und bildete eine Rechts-, Sozial- und Wirtschaftseinheit. Heute wählen Menschen einen mehrere Generationen umfassenden Lebensverbund oft bewusst als eine von vielen möglichen Alternativen. Und es sind häufig vor allem soziale Gründe, die dafür sprechen.

Beispiel: Wohnen im großen Familienverbund

Michael Klein aus Köln berichtet, dass er mit seiner Frau und zwei Kindern, seiner Schwester und deren Familie sowie seinem Stiefvater in drei Häusern um einen gemeinsamen Innenhof lebt. "Das hat sich so ergeben, weil mein Stiefvater den Bauernhof besitzt, der diese Möglichkeiten bot", erklärt er. "Es hat uns sehr gereizt, als wir das Angebot erhielten, die ehemalige Scheune - einen alten Backsteinbau - zum Wohnhaus umzubauen. Dass unsere neue Nachbarschaft aus meiner Familie besteht, war für uns ein zusätzlicher Pluspunkt." Als Michael Klein und seine Frau mit ihren inzwischen 17 und 19 Jahre alten Kindern einzogen, wohnte auch seine Mutter noch im Haupthaus. Sie trennte sich jedoch kurze Zeit später von ihrem Partner und zog aus. "Das veranlasste meinen Stiefvater, den Anbau des nun zu groß gewordenen Hauses zu vermieten. Da meine Schwester sowieso gerade auf Wohnungs­suche war, zog sie mit ihrem Mann und drei Kindern ein."

Balance zwischen Nähe und Distanz

Das Zusammenleben in diesem Familienverbund empfindet Michael Klein als stressfrei und positiv. "Das liegt auch daran, dass wir Distanz wahren und unsere sehr unterschiedlichen Lebensstile gegenseitig respektieren und tolerieren." Und wenn es Austausch- oder Unterstützungsbedarf - zum Beispiel bei der Kinderbetreuung - gäbe, seien die Wege kurz. "Oder als mein Stiefvater mal ins Krankenhaus musste: Da gab es einiges zu managen und Fahrdienste zu übernehmen. Das konnten meine Schwester und ich uns gut aufteilen," berichtet er. "Ich kann mir auch vorstellen, dass wir, wenn das nötig sei sollte, einen Pflegefall gemeinsam gut bewältigen könnten." Im Freundes- und Bekanntenkreis habe es zunächst auch kritische Stimmen gegeben, die zur Vorsicht mahnten, als das Bau-Projekt spruchreif wurde. Inzwischen sähen sie, wie gut das Zusammenleben klappte und dass alle davon profitierten.

Mehrgenerationen-Wohnprojekte

Ein solches "Mehrgenerationenwohnen" erscheint immer mehr Menschen positiv und wünschenswert. Das zeigt die zunehmende Anzahl von sogenannten Mehrgenerationen-Wohnprojekten. Was Michael Klein gemeinsam mit seiner Familien realisierte, setzen dort einander zunächst fremde Menschen um. Denn es gibt zwar durch die gestiegene Lebenswartung in annähernd 30 Prozent der Familien sogar vier lebende Generationen, doch zumeist wohnen die Familienmitglieder weit von einander entfernt und ein enges Zusammenleben im verwandtschaftlichen Verbund kommt für sie nicht in Frage. Die positiven Effekte eines solchen Zusammenschlusses, wie sie auch Michael Klein beschreibt, möchten sie dennoch genießen und initiieren entsprechende Wohnprojekte für mehrere Generationen - unabhängig von verwandtschaftlichen Beziehungen. Beispiele dafür sind die Projekte "buntStift" in Bochum-Langendreher, "WIG-Wohnen in Gemeinschaft für Jung und Alt" in Herne-Süd und "Wohnen auf dem Hangeney" in Dortmund-Kirchlinde.

Herausforderung: neue Form des Zusammenlebens entwickeln

Wie das Beispiel von Michael Klein und seiner Familie zeigt, funktioniert das Zusammenleben der Generationen manchmal von vorne herein recht reibungslos. Das ist jedoch nicht immer der Fall. Menschen, die sich entschließen zusammen in ein Wohnprojekt zu gehen, sich vorher aber nicht kannten, benötigen zunächst eine Phase, in der sie sich in ihren verschiedenen Facetten kennenlernen. "Jeder geht mit bestimmten Erwartungshaltungen in eine solche Gemeinschaft", sagt der Münchner Erziehungswissenschaftler Wolfgang Fänderl, der unter anderem mit dem Verein Netzwerk Gemeinsinn neue Methoden erarbeitet und umsetzt, die freiwilliges gesellschaftliches Engagement fördern und strukturieren. "Wenn jedoch nicht geklärt ist, ob die anderen diese Erwartungen erfüllen wollen und wie der eigene Beitrag aussieht, ist das Sprengstoff für die Gemeinschaft."

Externe Unterstützung ist hilfreich

Die Schwierigkeit liege darin, dass viele Erwartungen unbewusst seien und bei den Einzelnen nicht selten Irritationen aufträten, von denen sie nicht wüssten, wo sie herkämen. "Es kann zum Beispiel sein, dass sich jemand in einer Vater-Sohn-Konstellation wiederfindet, die es ihm schwer macht, als Erwachsener zu agieren", erklärt der Fachmann. "Das zu erkennen, ist ohne fremde Hilfe zumeist schwer." Sein Rat lautet daher: "Holen Sie sich Unterstützung von außen. In fast allen Kooperationszusammenhängen machen wir die Erfahrung, dass eine klare Rollentrennung zwischen Leuten, die ein Projekt vorantreiben, und solchen, die es als externe Unterstützerinnen oder Unterstützer begleiten, sehr hilfreich ist." Schließlich gehen Menschen, die alternative Formen des Zusammenlebens erkunden, neue, ungewohnte Wege. "Das ist vielfach hindernis- und konfliktreich aber auch spannend, denn der Mensch entwickelt sich in der positiven Auseinandersetzung mit anderen."

 

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