Seit die Stieffamilie Patchwork-Familie heißt, gilt sie vielen als modern und cool. Stefan Leuschner*, Patchwork-Vater aus Münster, spricht über die Herausforderungen, die das Patchwork-Leben mit sich bringt.
Die Begriffe Stief- oder Patchwork-Familie bezeichnen Familien, bei denen ein Elternteil oder auch beide ein oder mehrere Kinder aus vorhergehenden Ehen oder Lebenspartnerschaften in die neue Beziehung einbringen. Patchwork ist eine Technik, bei der unterschiedliche Stoffstücke - häufig nach künstlerischen Gesichtspunkten – zu einer größeren Fläche neu zusammengesetzt werden. Das sprachliche Bild macht deutlich, worin die Aufgabe für die Beteiligten in Patchwork-Familien häufig besteht: Es geht darum, die Komplexität des Beziehungsgeflechts zu bewältigen und - wie ein Patchwork-Muster - in Harmonie zu bringen. "Dafür müssen die Beteiligten Rollen, Regeln und Verhaltensmuster oft erst entwickeln, da es aufgrund der Komplexität des Systems und der Vielzahl von Stieffamilienformen an Leitbildern und Normen mangelt", schreibt Martin Textor im Online-Familienhandbuch. „Patchwork klingt 'cool' und modern. Die enorme Arbeit und Anstrengung, die diese Familienform mit sich bringt, sehen viele gar nicht“, sagt Stefan Leuschner, dessen zehnjähriger Sohn aus einer vorherigen Beziehung, bald zu ihm, seiner Frau und ihrem gemeinsamen zweieinhalbjährigen Sohn nach Münster ziehen soll.
Stieffamilien haben Tradition
Trotzdem gefällt Stefan Leuschner "Patchwork-Familie" besser als der offizielle Ausdruck "Stieffamilie". "Das klingt antiquiert und ist - auch durch die vielen bösen Stiefmütter in Märchen - negativ besetzt", meint er. In der Tat haben Stieffamilien eine sehr lange Tradition. "Stief" leitet sich vom althochdeutschen "stiof" ab und bedeutet "verwaist", denn Stiefeltern kamen früher quasi ausschließlich nach dem Tod eines Elternteils in die Familie. Da viele Mütter im Kindbett oder Väter im Krieg starben, war es nichts Außergewöhnliches, mit einem Stiefelternteil aufzuwachsen. Heute wird Stieffamilie umfassender definiert und "dann als gegeben angesehen, wenn ein Kind (unter 18 Jahren) bei einem leiblichen Elternteil lebt und mindestens einer der leiblichen Elternteile eine neue Partnerschaft eingegangen ist", heißt es in der Studie "Stieffamilien in Deutschland", die das Deutsche Jugendinstitut im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend durchführte. Nach dieser Studie lebten 1999 rund sechs Prozent der Kinder in Stieffamilien. Nimmt man die Kinder, deren Stiefelternteil nicht im gleichen Haushalt wohnt, dazu, sind es 7,6 Prozent. Dieser Prozentsatz mag nicht sehr hoch erscheinen. Zu bedenken ist jedoch, dass eine große Anzahl weiterer Haushalte in diese Patchwork-Konstellationen eingebunden ist. Das betrifft nicht nur die leiblichen und sozialen Eltern und Geschwister, sondern zum Beispiel auch Großeltern und andere Verwandte.
Die Kunst des Patchworkens
"Ich bin immer wieder erstaunt, wer alles ebenfalls in einer Patchwork-Familie lebt", sagt Stefan Leuschner. Gespräche darüber kämen meist eher zufällig zu Stande. Dabei ist der Gesprächsbedarf hoch, denn sich zu einer echten Patchwork-Familie zu entwickeln, für die sich alle Beteiligten als Lebensform entscheiden, ist oft ein langer Prozess. Auch Stefan Leuschner steckt mittendrin. Im Moment ist er ein Pendler zwischen den Familien. Da sein älterer Sohn im vier Autostunden entfernten Stuttgart lebt, verbringt er viel Zeit auf der Autobahn. Daher freut er sich, dass der Umzug des Sohnes nach Münster geplant ist. Die Freude ist aber nicht ganz ungetrübt: "Mein Sohn hat in Stuttgart sehr viele Freunde und fühlt sich auch in der Schule wohl. Es fällt schwer, ihn aus diesen Zusammenhängen zu reißen", berichtet der Vater. Doch seiner ehemaligen Partnerin, die alleinerziehend sei, noch zwei weitere ältere Kinder aus einer vorherigen Partnerschaft habe, gehe es gesundheitlich nicht gut. Das brachte die Umzugspläne ins Rollen. "Die Entscheidungsfindung hat lange gedauert, denn sie betrifft ja nicht nur mich, meinen Sohn und seine Mutter. Meine Frau war sich zuerst nicht sicher, ob sie diese Veränderung mittragen wollte. Wir haben uns dann bei der Familienberatung der Diakonie Unterstützung geholt. Das hat sehr geholfen", erzählt Stefan Leuschner. Das Beispiel zeigt, wie vielfältig die Herausforderungen in neu zusammengesetzten Familien sind und dass es lange dauern kann, bis die Mitglieder ein Patchwork-Muster erarbeitet haben, mit dem alle Beteiligten einverstanden sind. "Nach meiner Definition ist Patchwork der zeitgemäße Weg aus einer erweiterten Familiensituation nach einer Trennung oder Scheidung das beste zu machen", sagt Stefan Leuschner.
* Namens- und Ortsangaben von der Redaktion geändert
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