Trennung & Scheidung: Wie gehen Väter damit um?

Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen

Trennung & Scheidung: Wie gehen Väter damit um?

Geschieden_Fotolia_Kalle_Kolodziej_mod_100Was bedeutet eine Trennung von der Partnerin für Väter? Welche Folgen hat sie für die Beziehung zum Kind oder den Kindern? Was sollten Väter in der Trennungsphase im Umgang mit ihren Kindern beachten? Zu diesen und weiteren Fragen holte vaeter.nrw.de die Expertise der Psychologin und Mediatorin Ursula Kodjoe und dem Psychologen und Väter-Experten Dr. Herbert Pagels ein.

Wie es Vätern nach einer Trennung bzw. Scheidung geht, hängt wesentlich damit zusammen, ob sie die Trennung wollten oder nicht. Werden Väter verlassen, so ist der Prozentsatz derer, die unter psychosomatischen Beschwerden leiden hoch. "Etwa 70 Prozent der verlassenen Väter klagen über Schlaf- und Essstörungen, hohe Gewichtsverluste, massive Magenprobleme sowie Herz- und Kreislauferkrankungen. Viele sind dadurch phasenweise arbeitsunfähig", berichtet Dr. Herbert Pagels, Leiter der paritätischen Erziehungsberatungsstelle in Cuxhaven und Väter-Experte.

"Total frustriert!"

Für seine Dissertation über verlassene Väter und deren Strategien, mit der Situation fertig zu werden, wertete Herbert Pagels 104 von betroffenen Vätern ausgefüllte Fragebögen aus und führte mit zehn weiteren Betroffenen ausführliche Gespräche. Ihre erste Reaktion im Moment der Trennung schildern die Väter in ähnlicher Weise. Einer sagt: "Ich empfand ein hohes Maß von Depression und auch Wut und Aggressionen... ja, total frustriert... total frustriert..." Ein anderer berichtet: "Für mich war das ein Gefühl, als ob die Welt zusammenbricht: Weil praktisch das, wofür ich gearbeitet habe und überhaupt was ich gemacht habe, das ist ja weg. Von einem Tag auf den anderen. Und so was …. gönne ich nicht dem schlimmsten Feind, dass er da so was durchmacht. …. ... Ich habe in sechs Wochen 17 Kilogramm abgenommen." Im weiteren Verlauf kann sich die Belastung für die Väter entweder verringern oder weiter hoch bleiben. Das hängt davon ab, wie sich die Beziehung zur Ex-Partnerin gestalten lässt, ob und in welchem Ausmaß es Konflikte um Unterhalt oder Umgang mit dem Kind bzw. den Kindern gibt. Entscheidend ist auch, inwieweit die Betroffenen in der Lage sind, die Beziehung als ein abgeschlossenes Kapitel zu betrachten und für sich neue Lebensperspektiven zu entwickeln.

"Viel über die Situation sprechen"

Die Väter berichten von unterschiedlichen Strategien, die sie nutzten, um die Situation für sich zu verbessern. Nicht alle davon empfehlen sie zur Nachahmung. Einer rät: "Man muss sich da durcharbeiten. … Auf keinen Fall Alkohol trinken, das ist ganz wichtig. Weiter zur Arbeit gehen, das ist ganz wichtig... das dauert so ein halbes Jahr, dann fällt man wieder auf die Füße." Sich mit Freunden, Verwandten oder anderen von Trennung betroffenen Männern bzw. Vätern auszutauschen oder professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen, bezeichnen viele der Väter als besonders hilfreich. Auch Sport zu treiben gehört zu den Maßnahmen, zu denen viele von ihnen raten. Ein getrennt lebender Vater formuliert es so: "Wichtig ist, mit vielen über die Situation zu sprechen und sich Hilfe zu holen... Also für mich ist wichtig, dass man sein Selbstwertgefühl irgendwie wieder aufbaut. Und dass man vielleicht unterbewusst sagt: 'O.K.! Also jetzt muss ich wieder attraktiver werden.' Und sich durch Sport und viel Bewegung auch diesen Frust irgendwie abarbeitet." Im Online-Familienhandbuch des Staatsinstituts für Frühpädagogik finden Betroffene ebenfalls Hinweise, wie sie wieder zu einem neuen Gleichgewicht finden können Längerfristig betrachtet konnten immerhin 54 Prozent der mittels Fragebogen befragten 104 Väter die Trennung als Chance für eine eigene positive Weiterentwicklung sehen.

Trennung von den Kindern!?

Väter haben es in der ersten Zeit oft doppelt schwer, denn die Trennung bedeutet für viele Väter, deren Kind bzw. Kinder bei der Mutter bleiben, auch, dass sie eine neue Form des Umgangs mit ihm bzw. ihnen finden müssen. "Die Angst der Väter, dass ihre Kinder dadurch die Bindung zu ihnen verlieren, ist groß", berichtet Herbert Pagels. "Vertrauen Sie auf die Bindung, die Sie zu Ihren Kindern aufgebaut haben. Sie ist kaum auflösbar, auch wenn Sie Ihre Kinder nicht mehr so häufig sehen", versichert der Fachmann den Vätern dann. Und: "Auch wenn die Umstände noch so widrig sind, ziehen Sie sich nicht zurück, bleiben Sie um der Kinder willen am Ball."

Zu einer Trennung gehören immer zwei

Aufgabe der Eltern ist es, Konflikte mit Ex-Partnerin bzw. Ex-Partner nicht über die Kinder auszutragen. "Schuldzuweisungen sind sinnlos", betont die Diplom-Psychologin und Mediatorin Ursula Kodjoe. "Jeder wurde in der Beziehung verletzt und hat verletzt. Diese Verletzungen sollte jeder für sich bearbeiten. Sich zu trennen bzw. verlassen zu werden gehört zu den schmerzlichsten Erfahrungen, die Menschen machen können. Holen Sie sich Beratung und Hilfe!", ist der eindringliche Rat der Expertin. Dann kann es Vätern und Muttern auch gelingen, nicht mehr gegen die Ex-Partnerin oder den Ex-Partner zu kämpfen, sondern für die Kinder.

Familiengerichte steuern um: Cochemer Modell

Um dem Kampf der Eltern untereinander den Boden zu entziehen und sie wieder zu befähigen, gemeinsam ihre Elternschaft wahrzunehmen, gehen inzwischen auch Familiengerichte neue Wege. Viele Nachahmer gefunden hat das im Landkreis Cochem-Zell praktizierte sogenannte Cochemer Modell (auch: Cochemer Praxis). Dort arbeiten Rechtsanwaltschaft, Lebensberatungsstelle, Familiengericht, Jugendamt, Gutachter und andere Stellen in engem Dialog zusammen. "Die üblichen langen Schriftsätze von Anwältinnen und Anwälten gibt es zum Beispiel gar nicht mehr", berichtet Ursula Kodjoe, die am Cochemer Modell beteiligt ist. "Die Inhalte der Schriftsätze verschlimmerten in der Vergangenheit häufig den Streit. Es ging dann darum, den anderen bzw. die andere völlig abzuwerten und ihm oder ihr die Elternkompetenz abzusprechen. So erreichen wir das Ziel, Eltern die eigenständige Elternverantwortung zu ermöglichen, nicht." Stattdessen hat Beratung Vorrang, die es Eltern erleichtert, aufeinander zuzugehen und für ihre Kinder trotz der Belastung durch die Trennung positive Rahmenbedingungen zu schaffen.

Kinder brauchen klare Botschaften von beiden Elternteilen

Idealerweise lassen sich die Eltern bereits vor der Trennung beraten, wie sie diese sehr belastende Phase für ihr Kind bzw. ihre Kinder am besten gestalten. "Kinder haben in der Regel ein sehr feines Gespür und erkennen schon früh, dass in der Beziehung ihrer Eltern etwas nicht stimmt", sagt Ursula Kodjoe. "Aber oft spricht niemand mit ihnen darüber." Eltern sollten daher offen und ehrlich mit ihren Kindern sein, ohne allerdings "Erwachsenengründe" für die Trennung vor ihnen auszubreiten. In der Trennungsphase und darüber hinaus brauchten Kinder klare Botschaften von beiden Elternteilen. Jüngeren Kindern, die noch in einer "magischen Welt" lebten, in der sie alles auf sich bezögen, gälte es zu erklären, dass sie nicht am Streit der Eltern Schuld seien. Ältere Kinder fühlten sich häufig dafür verantwortlich, die Eltern wieder zu versöhnen. Wenn ihnen das nicht gelänge, fühlten sie sich als Versager. "Sagen Sie Ihrem Kind, dass es Sie und Ihre Partnerin nicht wieder zusammenbringen kann", rät Ursula Kodjoe.

Neue Partnerin und neuer Partner

Besonderes Fingerspitzengefühl ist notwendig, wenn eine neue Partnerin oder ein neuer Partner im Spiel ist. "Viele Väter oder Mütter überfordern ihre Kinder, wenn sie ihnen zu schnell die neue Lebensgefährtin oder den neuen Lebensgefährten als Bezugsperson präsentieren", berichtet Herbert Pagels aus seinem Beratungsalltag. "Die Kinder geraten damit leicht in einen Loyalitätskonflikt." Ursula Kodjoe beobachtete bei Müttern häufig den Wunsch, mit einem neuen Partner und den Kindern aus der vorherigen Beziehung eine neue Kleinfamilie bilden zu wollen. "Das geht aber nicht. Der leibliche Vater der Kinder gehört dazu." Die Beziehung zum neuen Partner entwickele sich zudem umso besser, je besser der Kontakt zum leiblichen Vater sei. "Dann muss sich das Kind nicht als Verräter oder Verräterin fühlen", sagt Ursula Kodjoe. Wenn der Vater dann über den neuen Lebensgefährten der Mutter sage, "der neue Freund der Mama ist echt O.K.", dann sei das herrlich für die Kinder. Bringen der neue Partner oder die neue Partnerin ebenfalls Kinder mit, dann sei es wichtig, dass die leiblichen Kinder nicht das Gefühl  bekämen, jetzt "ersetzt" zu werden.

Herausforderung: Alltag gestalten

Neue Regelungen zu finden, wenn durch die Trennung der Vater nicht mehr am Alltag der Kinder teilhat, ist für getrennt lebende Eltern eine Herausforderung. "Die Erfahrung zeigt, dass es für die Kinder am besten ist, auch zum Vater einen quasi alltagsnormalen Kontakt zu haben", sagt Herbert Pagels. Das ist aber häufig schwierig zu realisieren. "Ich kenne Väter, die entfernt wohnen oder deren Beziehung zur Mutter gerade nicht so entspannt ist, die dann telefonisch einen regelmäßigen Kontakt zu ihren Kindern halten", berichtet der Psychologe. Ursula Kodjoe rät Vätern, die nicht mit ihren Kindern zusammen leben, Rituale einzuführen: "Bei kleineren Kindern, könnte das zum Beispiel so lauten: Immer wenn abends der erste Stern am Himmel steht, denke ich an dich, auch wenn gerade Wolken davor sind." Das schaffe Verbundenheit auch an Tagen, an denen man nicht persönlich in Kontakt ist.

Das Kind hat ein Recht auf beide Eltern

Ein Kind hat das Recht auf Kontakt zu beiden Elternteilen. Das müssen in Trennung lebende Eltern verinnerlichen. Viele wüssten nicht, wie wichtig das für das Gedeihen ihrer Söhne und Töchter sei. "Wer Kontakte unterbindet und gegenüber den Kindern schlecht über den Ex-Partner oder die Ex-Partnerin spricht, fügt seinen Kindern schweren Schaden zu", macht Ursula Kodjoe deutlich. "Er oder sie wertet den Anteil der Mutter oder des Vaters an der Persönlichkeit des Kindes ab. Diese Kinder haben ein sehr niedriges Selbstwertgefühl, sie zeigen mehr Verhaltensauffälligkeiten als Kinder, die die Beziehung zu beiden Eltern und der erweiterten Familien weiterleben können. Die Kinder verlieren ja oft nicht nur einen Elternteil, sie verlieren das ganze soziale Beziehungsnetz von Großeltern, Onkeln, Tanten, Cousins und Cousinen."

"Kinder sind die großzügigsten Menschen"

Vätern, die in der schwierigen Situation sind, keinen Kontakt mehr zu ihren Kindern zu bekommen, rät der Fachmann: "Bloß nicht aufgeben - auch wenn es viele Jahre dauert! Setzen Sie alle Hebel in Bewegung, holen Sie sich dort Hilfe, wo Sie sich wirklich unterstützt fühlen." Väter sollten dabei auch immer ihre eigene Handlungsweise überprüfen und schauen, wo sie sich konstruktiv verhielten und wo sie eventuell dazu beitrügen, Konflikte zu schüren. Doch nicht allen Väter gelingt es, sich diese konstruktive Haltung zu erarbeiten. Sie trauen sich ihre Elternrolle nicht mehr zu und melden sich aus Scham- und Schuldgefühlen nicht mehr bei ihren Kindern. "Ihre Kinder brauchen sie trotzdem", sagt Herbert Pagels aus Erfahrung. "Kinder sind die großzügigsten Menschen, wenn es gilt, elterliche Fehler zu verzeihen", meint auch Ursula Kodjoe. "Es ist nie zu spät, den ersten Schritt zu machen."

Foto: Fotolia.com / Kalle Kolodziej

Links:

 

vaeter-nrw.de:

 

Veranstaltungen

05/2012 zurück vor
KW MoDiMiDoFrSaSo
18   01 02 03 04 05 06
19 07 08 09 10 11 12 13
20 14 15 16 17 18 19 20
21 21 22 23 24 25 26 27
22 28 29 30 31      

Suchen >>>

Thema des Monats

Studienergebnisse: Väterfreundlicher Arbeitsplatz