Interview mit Holger Seibert, leiblicher Vater zweier Töchter und selbst Stiefvater in einer Patchwork-Familie, über seine Erfahrungen als Sozialpädagoge, Berater und Supervisor zu den vielen Fragen, die sich für Männer im Kontext ihres Zusammenlebens mit nicht leiblichen Kindern ergeben.
Herr Seibert, was ist Ihr beruflicher Hintergrund und in welcher Weise spielten oder spielen Patchwork-Familien dabei eine Rolle? Aber vorab zunächst: Wo liegen für Sie zentrale Unterschiede zwischen Eltern in sog. Kernfamilien und Eltern in Patchwork-Familien?
Seit 1986 arbeite ich in unterschiedlichen Kontexten ambulanter und stationärer Hilfen zur Erziehung und in der Beratung von Familien, Paaren und Männern. Mittlerweile begleite und supervidiere ich Teams verschiedener Jugendhilfeeinrichtungen und arbeite in der Männerberatungsstelle Flensburg. Dabei habe ich immer wieder Patchwork-Familien unterschiedlichster Struktur kennen gelernt. In der überwiegenden Zahl der Fälle ging es jedoch um Stiefvaterfamilien bzw. um Stiefväter mit und ohne eigene Kinder innerhalb oder außerhalb der aktuellen Stieffamilie.
Definiert sich eine sog. Kernfamilie dadurch, dass ein erwachsener Mann und eine erwachsene Frau mit ihren gemeinsamen Kindern zusammen leben, so unterscheidet sich eine Patchwork- oder Stieffamilie in mindestens sechs Aspekten von dieser "Normalfamilie": Mindestens ein leiblicher Elternteil lebt außerhalb der Familie, meist der Vater mindestens eines der Kinder. Bis auf den Stiefelternteil haben alle Familienmitglieder schon die Trennung der ursprünglichen Kernfamilie erlebt und meist auch eine mehr oder weniger lange Zeit in sog. Ein-Eltern-Familien gelebt. Das bedeutet auch, dass zumindest eine Eltern-Kind-Beziehung älter ist als die neue Partnerschaft und die Erwachsenen keine gemeinsame kinderlose Zeit hatten. Bedeutungsvoll ist ebenfalls, dass die Stiefkinder Mitglieder einer weiteren Familie, nämlich der des außerhalb lebenden leiblichen Vaters mit seinen Eltern, Geschwistern etc. sind. Bindet dieser sich ebenfalls neu mit einer Frau mit Kindern, wird es langsam unübersichtlich. Als letzten weiteren Aspekt möchte ich noch nennen, dass der Stiefelternteil in der Regel keine Rechte in Bezug auf seine Stiefkinder hat.
Insbesondere diese eben genannten Aspekte haben zur Folge, dass Stieffamilien noch häufiger und noch schneller auseinander brechen, wie wir es von den Kernfamilien schon erleben.
In welchem Rahmen haben Sie mit Vätern bzw. Männern ohne eigene Kinder zu der angesprochen Thematik gearbeitet? Und auf welche Weise?
Im Rahmen Sozialpädagogischer Familienhilfe habe ich in meiner Arbeit immer wieder Stiefväter auch ohne eigene Kinder kennen gelernt. Eine Familie habe ich fast zweieinhalb Jahre speziell zu dieser Thematik begleitet. Oft begegnet mir das Thema verdeckt in der Männerberatung. Die in Bezug auf ihre Partnerschaft Rat und Unterstützung suchenden Männer, die in einer Stieffamilie leben, haben meist keine Vorstellung davon, dass ihre Schwierigkeiten oft insbesondere mit der Stieffamiliendynamik zu haben. Kommt das Paar dann gemeinsam in die Beratung, ist manchmal schnell eine spürbare Verbesserung zu erreichen.
Gute Erfahrungen in der Arbeit mit Stieffamilien habe ich mit dem Einsatz des System- oder Familienbrettes (Holzbrett mit diversen Figuren, entwickelt in der systemischen Familientherapie, zur Veranschaulichung sozialer Strukturen) gemacht. Je älter die Stiefkinder bzw. Kinder der Familie sind, umso eher beteilige ich sie in der Anfangsphase der Beratung. Dabei geht es mir vor allem um eine Visualisierung dieser zum Teil komplexen und komplizierten Beziehungen und Rollen der verschiedenen Familienmitglieder untereinander - unter dem Aspekt: Was glauben die einzelnen Familienmitglieder, wie es den jeweils anderen in dieser Konstellation ergeht? Schnell werden dann die in Stieffamilien mehr oder weniger unterschwelligen Gefühle von Ambivalenz und Schuld sichtbar. Loyalitätskonflikte, die es in diesem System immer verstärkt gibt, müssen angesehen werden. Doch zu allererst: die Verleugnung des Stieffamiliendaseins aufzuheben ist unverzichtbar zu Beginn einer Beratung. So zu tun, als sei man eine "ganz normale Familie", wird niemandem gerecht und führt auf unterschiedlichste Weisen zu einer enormen Überforderung aller Mitglieder.
Sie haben sicher sehr unterschiedliche Erfahrungen mit Männern in Patchwork-Familien gemacht. Welche Themen und Probleme sind Ihnen dabei begegnet? Gibt es auch wiederkehrende Grundmuster oder ist jede Familienkonstellation einzigartig?
Betrachtet man die Zeitebene, das "so geworden sein" des Gegenwärtigen und den größeren strukturellen Zusammenhang - wie etwa die Herkunftsfamilien der Eltern und Stiefelternteile mit ihren Bindungen, Loyalitäten und Delegationen, ebenso die individuellen Aspekte wie Temperament, Kompetenzen und Erfahrungen des Individuums - so ist sicher jede Familie und auch Stieffamilie einzigartig.
Gleichzeitig konstelliert jede Stieffamiliendynamik jedoch auch Stolpersteine, die erheblich zum erneuten Scheitern beitragen können. So bemühen sich insbesondere Männer ohne eigene Kinder sehr oft, besonders schnell die Rolle eines "richtigen Vaters" einzunehmen - was auch immer das bedeutet. Das trifft auf den Widerstand der Stiefkinder, da diese die Bedeutung des eigenen leiblichen Vaters bedroht sehen. Spannungen und Streit zwischen Kindern und Stiefvater können die Folge sein und sind es auch oft. Damit gerät die Mutter in einen Loyalitätskonflikt zwischen Kinder und Partner.
Manchmal gerät der Mann auch durch den Wunsch der Mutter, nach einer Zeit der Alleinverantwortung entlastet zu werden, in die eben beschriebene Situation. Die Mutter zieht sich vielleicht etwas zurück und, nachdem die Kinder schon den Verlust des Vaters erleben mussten, fürchten sie nun auch den Verlust der Mutter. Immerhin engagiert sie sich ja auch in der Beziehung zu ihrem neuen Partner. Und da bleibt beim Verteilungskampf in punkto Zeit und Aufmerksamkeit definitiv weniger für den Nachwuchs übrig. Keine idealen Bedingungen also für den frisch gebackenen Stiefvater, um eine tragfähige Beziehung zu den Kindern herzustellen.
Solidarisiert sich die Mutter - wie in den meisten Fällen - mit ihren Kindern, statt sich nach seinen Wünschen mit ihm zu verbünden, gerät der Mann an den Rand der Familie bzw. in eine isolierte, in eine Art "Gast"-Rolle. Geduldig sein ist hier der Schlüssel zum Erfolg. Kinder brauchen einfach Zeit, um emotional Platz zu schaffen für den Mann neben dem Vater, der in den Kindern, und manchmal auch unsichtbar am Küchentisch, immer präsent ist. Bleibt die Mutter dann noch hauptverantwortlich für die Kinder und ist der Kontakt zwischen Kindern und leiblichem Vater von Mutter und Stiefvater erlaubt oder sogar erwünscht, sind das schon gute Voraussetzungen für ein Gelingen der "Zweitfamilie".
Ab wann wird eine Thematik in solchen familiären Konstellationen ggf. zu einer Problematik, wodurch ist sie dann gekennzeichnet?
Wie bei allen Formen familiären Zusammenlebens sind die Zeiten des Übergangs von einer Entwicklungsphase in die nächste immer die krisenanfälligen Zeiten. Nach solchen Übergängen, wie etwa nach Geburt eines Kindes, nach Trennung und Scheidung oder auch später Auszug der Kinder, aber eben auch bei Neubildung einer Stieffamilienkonstellation braucht das System neue Regeln, die der neuen Komplexität und den neuen Herausforderungen und Aufgaben auch entsprechen. Das braucht Zeit, guten Willen, noch manches mehr und manchmal eben auch eine Beratung von außen.
Gelingt dieser Übergang nicht, kann die Situation eskalieren. Die Konflikte nehmen ständig zu. Die Sanktionen und Reaktionen werden heftiger. Worauf alles noch weiter eskaliert. Vielleicht zerbricht die Partnerschaft und damit die Familie - vielleicht wird eines der Kinder zum Symptomträger und schafft so einen neuen Fokus, der die Stieffamilie am Leben erhält.
Chronifizieren sich Konflikte, können anhaltende äußere und innere Konflikte zu Symptombildungen bei Kindern wie - etwas seltener - auch bei den Erwachsenen führen. Leistungsverweigerung, aggressives Verhalten, Sucht sind nur einige der dann möglichen sichtbaren Reaktionen.
Wie kann man bei wiederkehrenden Problemen zu guten Lösungen für alle Beteiligten kommen? Was ist dabei für die nicht-leiblichen Väter besonders zu beachten?
Das scheint mir nicht anders zu sein als in anderen Familienformen: Miteinander reden, sich in den anderen hinein versetzen können und es auch tun, Ambivalenzen aushalten können, sich und den anderen, allein und gemeinsam, gute Momente verschaffen und sich klar machen, was gut ist an dem, was man hat - und wie es vielleicht noch weiter zu verbessern ist, ohne dass dies auf Kosten einzelner geht. Zweckmäßige Regeln finden, das ist wichtig.
Stiefväter, die ja oft auch noch leibliche Väter eigener Kinder sind, sollten sich darüber klar werden, dass sie Stiefväter sind - und nicht Ersatzväter, Väter oder nur Partner der Mutter. Mit dieser Rolle sind bestimmte Aufgaben, Verantwortungen und auch Chancen verbunden. Sie haben Stiefkindern gegenüber andere Verantwortungen und Rechte, Bindungen und Vorgeschichten als den eigenen Kindern gegenüber. Männer in diesen komplexen Rollen sollten ihre Partnerin unterstützen und entlasten, ohne in Elternverantwortung den Stiefkindern gegenüber zu gehen. Die Verantwortung bleibt bei dem leiblichen Elternteil, auch wenn das anstrengend ist.
Die Kinder haben einen äußeren, leiblichen Vater und zusätzlich ein inneres Bild von ihm. Auch wenn er unbekannt, verstorben oder wirklich schon lang über alle Berge ist, gibt es einen inneren Vater, eine Phantasie von ihm in den Kindern. Dieser Vater ist möglichst auch im äußeren Leben zu respektieren, mindestens jedoch den Kindern gegenüber. Die Kinder dürfen positive Gefühle für ihren Papa haben und sich auch mehr oder weniger heimlich wünschen, dass er zurückkommt.
Hilft Ihnen in Ihrer Arbeit, dass Sie selbst - wie Sie im Vorgespräch sagten - eigene persönliche Erfahrungen mit einer Patchwork-Familie haben?
Oh, ich würde das eher umgekehrt sagen: Meine fachliche Auseinandersetzung hat mich manche Fehler nicht machen lassen - wie ich hoffe, zum Wohle aller. Allerdings weiß ich nun auch aus eigener Erfahrung, wie es sich anfühlt, von der 15jährigen Stieftochter wenig Beachtung zu erfahren. Oder mich mit der 18jährigen Tochter meiner Partnerin momentan besser zu verstehen als mit meiner gleichaltrigen eigenen Tochter. Die lebt schon lange in einer eigenen Stieffamilie mit einer weiteren Schwester. Also - neben der Schwester, die sie durch mich und eine andere Frau auch noch hat. Bleibt noch zu erwähnen, dass der geschiedene Mann meiner Partnerin ebenfalls in einer Stiefvaterfamilie lebt. Alles klar?
Vielen Dank für das Gespräch!