Veranstaltungsbericht: "Experiment Familie" 2007

Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen

Veranstaltungsbericht: "Experiment Familie" 2007

Ein gemeinsames Forum von Frauenreferat und Männerarbeit der Ev. Kirche von Westfalen - das Gender-Forum - diskutierte am 23. April 2007 im Dortmunder Haus Landeskirchlicher Dienste unter dem Titel "Experiment Familie" die Perspektiven von Familie.

Zu Beginn erläuterte die Philosophin und Theologin Dr. Andrea Günter, warum das Christentum als die Religion verstanden werden kann, die die Erneuerung von Beziehungen ins Zentrum rückt. So heiße es in Markus 10,29-30: "Es ist niemand, der Haus oder Brüder oder Schwestern oder Mutter oder Vater oder Kinder oder Äcker um meinetwillen und um des Evangeliums willen verlassen hat, ohne hundertfach zu empfangen jetzt in dieser Zeit Häuser und Brüder und Schwestern und Mütter und Kinder und Äcker - unter Verfolgungen - und in der zukünftigen Welt das ewige Leben."

Die Gemeinschaft der Heiligen bilde neue Familien, wie zum Beispiel die Klöster zeigten. Bis ins 19. Jahrhundert hinein habe das Christentum daher keine Idealvorstellung von Familie propagiert. Im Gegenteil: es sei klar gewesen, dass Familien nicht alles leisten könnten und darum Unterstützung brauchten. Erst die Polemik gegen Aufklärung und Moderne hätten eine Idealisierung der Familie mit sich gebracht.

Demgegenüber verbergen sich hinter der aktuellen Familiedebatte viele Hoffnungen auf eine neuerliche Bedeutung ethischer Werte wie Solidarität und Würde, die von den Konventionen, z.B. der Ehe, jedoch nicht eingelöst würden. Es gehe daher heute darum, in erneuerten Beziehungen diese Qualitäten und Werte umzusetzen.

Der Politikwissenschaftler und Buchautor Dr. Thomas Gesterkamp, der zweite Referent des Nachmittages, ordnete die aktuelle Diskussion über Elterngeld und Familienförderung in einen größeren gesellschaftspolitischen Rahmen ein. Eine Familienpolitik, die konsequent die Verantwortung der Väter mitdenke und -gestalte, wirke polarisierend: "Männer im besten Alter und mit größtem Erfolg, die in einem modernen Ambiente leben und arbeiten, mehr der Welt als der Kirchenfrömmigkeit huldigen, regelmäßig Leitartikel schreiben, dabei zu vielen Dingen ganz aufgeklärte Ansichten vertreten, bei einem Thema freilich zuverlässig ausrasten auf eine Weise, die man bei klugen Köpfen nicht für möglich gehalten hätte", zitierte er Warnfried Dettling, Publizist und Mitglied in der Impulsgruppe "Allianz für die Familie".

Es ist schwer zu sagen, was diesen Zündstoff ausmacht. Es hängt wohl auch damit zusammen, dass für diese Männer ihr Beruf und die darin geltenden wirtschaftlichen Notwendigkeiten die erste Priorität haben und sie sich, was die Wahrung der sozialen Kontinuität in ihren Familien betrifft, auf ihre Frauen verlassen. Die aktuelle Familienpolitik setzt auf die Tagesordnung, dieses Arrangement neu zu verhandeln. Es geht nicht mehr nur darum, dass Frauen mit ihrer Qualifizierung und ihrem Engagement in der Wirtschaft gebraucht werden - und sie in der Berufstätigkeit ebenso Erfüllung finden wollen wie die Männer. Das "Vereinbarkeitsthema" ist nicht mehr allein Sache der Frauen. Inzwischen ist es auch Sache der Männer - und wurde (erst!) auf diesem Wege zu einem gesellschaftspolitischen Thema, das über die Frage der Gestaltung von Sozialleistungen hinausgeht.

IS065-020Gibt es Chancen, dass Männer oder Frauen, die gegenüber dem Beruf Kind, Liebe und Beziehung für ein Jahr die erste Priorität geben, nicht lebenslang disqualifiziert werden? Haben wir auch für kleine Kinder mehr als "Betreuung" zu bieten, und schaffen wir es, Kindertageseinrichtungen vom christlichen Geist der Erneuerung und Bereicherung von Beziehungen her zu gestalten? Einen Ausgleich zu finden zwischen Liebe und Ökonomie kann jedenfalls nicht allein Sache einzelner Paare oder Familien sein.

Im Gender-Forum vertreten sind unter anderem Dr. Britta Jüngst (Frauenreferat der Ev. Kirche von Westfalen, britta.juengst@frauenreferatekvw.de), Pfarrer Dieter Rothardt (d.rothardt@kircheundgesellschaft.de) und Jürgen Haas (Männerarbeit der Ev. Kirche von Westfalen, j.haas@kircheundgesellschaft.de).

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