Schweizer Väter packen's selbst an. Auf staatliche Unterstützung bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie können sie nicht bauen – und wollen es vielfach auch gar nicht. Traditionelle Vorstellungen von der Rollenverteilung in der Familie, nur geringfügige Erwerbsbeteiligung der Partnerinnen und die immer noch vorhandene Lohnungleichheit zwischen Männern und Frauen stellen jedoch Hürden für ein verändertes Väterleben dar. Andreas Borter, Vorstandsmitglied der Organisation Männer.ch, dem Dachverband der Schweizer Männer- und Väterorganisationen, berichtet.
vaeter.nrw.de: Herr Borter, was bewegt Väter in der Schweiz?
Andreas Borter: Im Sinne einer Väterbewegung bewegt sich sicherlich nicht sehr viel. Öffentlich sichtbar sind vor allem Väter, die von Trennung und Scheidung betroffen sind und um Sorge- bzw. Umgangsrecht kämpfen. Dass sich andere Väter (noch) nicht in einer großen öffentlich wahrnehmbaren Bewegung zusammenschließen, heißt jedoch nicht, dass sich nicht trotzdem viel bewegt. Die Veränderung findet im Privaten statt. Väter setzen zunehmend neue Prioritäten. Die berufliche Laufbahn ist nicht mehr unangefochten die Nummer eins im Väterleben. Zeit mit der Familie und Engagement in der Erziehung der Kinder sind vielen Vätern heute sehr wichtig. Eine aktuelle Umfrage ergab, dass 90 Prozent der Männer gerne ihre Arbeitszeit reduzieren und dafür auch finanzielle Einbußen in Kauf nehmen würden. Junge Männer wählen ihren Arbeitsplatz inzwischen oft auch danach aus, wie gut sie dort Familie und Beruf vereinbaren können.
vaeter.nrw.de: Ist für schweizer Väter Elternzeit ein Thema?
Andreas Borter: Ja, der Wunsch, Elternzeit zu nehmen, ist da. Es gibt in der Schweiz aber keine Elternzeitregelungen wie in Deutschland. Auch Elterngeld gibt es nicht. Trotzdem gönnen sich viele Väter eine – zumindest kurze – Elternzeit, indem sie unbezahlten Urlaub nehmen. Das muss man sich aber leisten können. Wir von Männer.ch, dem Dachverband der Schweizer Männer- und Väterorganisationen, fordern einen Elternzeitanspruch auch für Väter und können uns auch ein Elterngeld gut vorstellen. Im Vergleich zum restlichen Europa fühlen wir uns in dieser Beziehung als Entwicklungsland.
Bei uns hat die Privatisierung der Familie jedoch eine lange Tradition. Elterngeld zu beziehen, bedeutet für viele eine Abhängigkeit vom Staat, die sie sich nicht vorstellen können. Hier gibt es daher andere Ideen, um jungen Familien das Leben zu erleichtern: zum Beispiel das sogenannte Elternsparen. Junge Menschen sollen dabei steuerfrei Geld für die Familienphase ansparen können. Außerdem engagieren sich Unternehmen und Kommunen als Arbeitgeber für Familienfreundlichkeit. Teilweise bieten sie ihren Mitarbeitern sogar zwei bis vier Wochen bezahlten Väterurlaub an. Das Thema „Zeit für die Familie“ steht sehr in der öffentlichen Debatte und wir können Menschen zunehmend dafür mobilisieren – zum Beispiel beim Schweizer Vätertag.
vaeter.nrw.de: Gibt es in der Schweiz Angebote für Väter? Und wer macht sie?
Andreas Borter: Es gibt etliche private Vereine und Initiativen, die Angebote machen. Eine Vernetzung dieser Initiativen untereinander steht aber erst in den Anfängen. Bislang gibt es auch noch keine staatliche Förderung für Projekte. Ein Bundesministerium für Familienfragen existiert gar nicht. Die Kirchen sind in der Schweiz in Bezug auf Angebote für Väter weniger aktiv als in Deutschland. Das liegt auch an aktuellen Sparzwängen. Trotzdem sind Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs) wie Männer.ch in der politischen Diskussion sehr präsent. Wir werden für Stellungsnahmen zu Gesetzesvorhaben angefragt. Die Drähte sind kurz: Zum Beispiel war die zuständige Ministerin nach zehn Minuten zur Stelle, als wir für das gemeinsame Sorgerecht der Eltern eine Mahnwache abhielten.
vaeter.nrw.de: Wie sieht denn die Rollenverteilung in den Partnerschaften in der Regel aus?
Andreas Borter: Viele leben eine sehr traditionelle Rollenverteilung. Mütter sind vielfach nur geringfügig erwerbstätig. Wir meinen, das muss sich ändern: Frauen müssen mehr zum Familienbudget beitragen, wenn Männer beruflich kürzer treten wollen. Wir haben hier in der Schweiz eine vergleichsweise hohe Müttererwerbstätigkeitsquote, wenn die Kinder im Schulalter sind. Die Frauen arbeiten aber oft geringfügig und haben kaum berufliche Perspektiven. Daran und an den großen Gehaltsunterschieden zwischen Männern und Frauen muss sich etwas ändern.
vaeter.nrw.de: Welche Themen sind Ihnen für Väter persönlich wichtig? An welchen Veränderungen arbeiten Sie?
Andreas Borter: Ich setze mich dafür ein, Männerbiografien insgesamt in den Blick zu nehmen und das Vater-sein nicht losgelöst zu betrachten. Das Leben ist ja im Fluss und die Bedürfnisse ganz unterschiedlich, je nachdem ob ich ohne Familie lebe, Kleinkinder habe oder zum Beispiel Kinder, die in der Pubertät sind. Sein Leben familienkompatibel zu gestalten, geht nicht mit festgefahrenen Modellen. Wir brauchen Flexibilität und Familienphasen auch im Männerleben, die nicht gegen eine Karriere ausgespielt werden dürfen. Ich sehe auch den Zusammenhang mit der Gesundheit. Unsere These lautet: Traditionelle Männlichkeit macht krank. Wir brauchen neue Entwürfe, um als Männer gesund zu leben. Aktive Vaterschaft trägt dazu bei.
vaeter.nrw.de: Wie finden Männer denn ihre neue Rolle in der Familie?
Andreas Borter: In meiner Väterarbeit gehe ich von den Ressourcen der Männer als Berufsmenschen aus. Was sie im Beruf gelernt haben, können sie in der Familien vielfach anwenden: zum Beispiel das Projektmanagement-Tool für die Planung des Familienurlaubs. Auch die Networking-Aktivitäten, die Vätern aus dem Beruf bekannt sind, lassen sich auf die Situation im Familien- und Freundeskreis übertragen. Indem Väter ihr Berufs-Know-how in der Familie einbringen, verändern sich dort Sprache und Kultur. Und das ist auch gut so.
vaeter.nrw.de: Was können die Deutschen von den Schweizern lernen?
Andreas Borter: Vielleicht können sich die Deutschen die Eigeninitiative und Spontanität in der Schweiz abschauen. Hier erwartet keiner viel „von oben“, die Menschen setzen selbst etwas in Gang, wenn es einen Bedarf gibt. Im beruflichen Umfeld haben in der Schweiz Kompetenz-Portfolios Tradition. In der Familie erworbene Kompetenzen sind zunehmend auch lohnrelevant. Das könnten deutsche Unternehmen sicherlich übernehmen. Wo wir gemeinsam etwas von den französischsprachigen Schweizern lernen können, ist, etwas gelassener mit den Dingen umzugehen. Brauche ich wirklich diese hohen Standards bei Pflege des Hauses und „Brutaufzucht“? Könnten wir es nicht gelassener angehen, nicht so oft putzen, beim Aufräumen mal fünf gerade sein lassen und uns das Familienleben damit leichter machen?
vaeter.nrw.de: Das hört sich sehr überzeugend an, Herr Borter. Herzlichen Dank für das Gespräch.
(vaeter.nrw.de, 04.08.2011)
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