Interview mit Ministerin Ute Schäfer: „Aktive Vaterschaft – erforscht, erwünscht, erledigt?“

Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen

Interview mit Ministerin Ute Schäfer: „Aktive Vaterschaft – erforscht, erwünscht, erledigt?“

Ministerin_Ute_Schaefer_100Viele Väter suchen nach neuen Formen und Möglichkeiten, ihre Vaterschaft aktiv zu leben. Das Land Nordrhein-Westfalen unterstützt diesen positiven Trend. Die Väter-Fachtagung des Ministeriums für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport mit dem Titel „Aktive Vaterschaft – erforscht, erwünscht, erledigt?“ am 10. Februar 2012 in Essen soll den Austausch zwischen wissenschaftlicher Forschung und den Akteurinnen und Akteuren fördern, die sich für Väter und ihre Anliegen engagieren. Vaeter.nrw.de sprach mit Ministerin Ute Schäfer über die Fachtagung und die Bedeutung aktiver Vaterschaft.

vaeter.nrw.de: Frau Ministerin Schäfer, Ihr Ministerium veranstaltet am 10. Februar in Essen einen Fachkongress mit dem Titel „Aktive Vaterschaft – erforscht, erwünscht, erledigt?“. Welche Erkenntnisse hoffen Sie, dadurch zu gewinnen?

Ute Schäfer: Zunächst möchte ich einige Worte zum Hintergrund sagen, auf den die Tagung Bezug nimmt: Die Art und Weise, wie Männer ihre Vaterrolle leben, wandelt sich seit einigen Jahren spürbar. Das 2007 neu eingeführte Elterngeld mit seinen Partnermonaten ließ diesen Wandel besonders sichtbar werden. Der Anteil der Väter, die Elternzeit nehmen, hat sich seit Beginn der Einführung bis heute fast verfünffacht. Auch Rollenbilder haben sich verändert: Väter legen heute mehr Wert darauf, Zeit mit ihren Kindern zu verbringen. Sie wissen, wie wichtig sie für die Entwicklung ihrer Söhne und Töchter sind. Wissenschaftliche Erkenntnisse bestätigen das. Das Bild von Vaterschaft, dem sie nachstreben, unterscheidet sich oft deutlich von dem der vorangegangenen Vätergeneration. Vielfach sind Väter daher auf der Suche nach Modellen für eine gelungene Balance zwischen Beruf und Familie. Die nordrhein-westfälische Landesregierung begrüßt diesen Trend und fördert ihn durch vielfältige Angebote, wie zum Beispiel diese Internetseite.

Inzwischen bieten viele öffentliche Institutionen, gemeinnützige Träger und Initiativen Kurse, Seminare, Workshops, Mitmach-Aktionen und Treffen für Väter sowie für Väter und ihre Kinder an. Auch im Alltag der Unternehmen spielen Väter und ihr Selbstverständnis eine wichtige Rolle. An die Akteurinnen und Akteure, die in diesen Institutionen für Väter tätig sind, wendet sich die Fachtagung. Sie soll dieser Zielgruppe neue Forschungsergebnisse zum Thema "Väter" zugänglich machen und eine Plattform für den Dialog zwischen Fachleuten aus Wissenschaft und Praxis bieten. In der Diskussion wollen wir zum Beispiel herausfinden, wie sich der Wissenstransfer zwischen den beiden Bereichen fördern lässt und wo es weiteren oder vertiefenden Forschungsbedarf gibt. Die Tagung wird die Vielfalt des Themas zeigen. Ich hoffe, das es uns gelingen wird, in den Workshops Entwicklungslinien herauszuarbeiten, die sich zum Beispiel in Themenfeldern wie „Partnerschaft im Wandel“ oder „Trennung und Vaterschaft“ abzeichnen. Hieraus lassen sich sicher auch Ideen für die Zukunft abzuleiten.

vaeter.nrw.de: Der Veranstaltungstitel stellt drei Fragen zur aktiven Vaterschaft. Was meinen Sie mit der Frage, ob sich aktive Vaterschaft "erledigt" hat?

Ute Schäfer: Es stellt sich ja die Frage, ob es sich bei der stärkeren Familienorientierung, die wir  bei vielen Vätern beobachten können, tatsächlich um einen stabilen Trend handelt, dem sich immer mehr Väter anschließen und den „neue“ Väter fortführen. Es gibt auch Indikatoren, die darauf hindeuten könnten, dass die Bewegung bereits stagniert. So ergab beispielsweise die Vorwerk Familienstudie, dass sich die Zahl der Partnerschaften, in denen sich Väter und Mütter die Hausarbeit hälftig teilen, rückläufig ist. Laut Familienreport stiegen 2009 die Wunscharbeitszeiten von Vätern, die vorher sanken, wieder an. Da stellt sich die Frage, ob sich Paare aus freien Stücken anderen Lebensmodellen zuwenden oder ob es strukturelle bzw. materielle Rahmenbedingungen sind, die ihnen Arbeitsteilungen aufzwingen, die sie unter anderen Bedingungen nicht gewählt hätten. Vieles spricht zum Beispiel dafür, dass wirtschaftliche Motive maßgebend sind, wenn Paare, die Eltern werden, sich für traditionelle Rollenaufteilungen entscheiden und Väter, die oft deutlich besser verdienen, die Ernährerrolle übernehmen. Es ist wichtig für mich, mehr darüber zu erfahren, wie Familien heute leben wollen und welche Hürden es bei der Umsetzung ihrer Idealvorstellungen gibt. Das gibt uns die Chance, Rahmenbedingungen so zu verändern, dass möglichst viele Väter und Mütter in der Lage sind, die Lebensmodelle zu realisieren, die sie sich wünschen. Denn ich denke nicht, dass sich aktive Vaterschaft „erledigt“ hat. Es gilt vielmehr, Hindernisse abzubauen, die die Umsetzung im Alltag erschweren. Und dabei kann die Politik einen wichtigen Betrag leisten.

vaeter.nrw.de: Braucht der Trend zu aktiver Vaterschaft politische Unterstützung?

Ute Schäfer: Sicherlich sind es die Männer selbst, die gefragt sind, wenn es darum geht, die Vaterrolle vielfältiger zu definieren und anders zu leben. Es braucht vielfach Mut, vom Hergebrachten abzuweichen, zum Beispiel wenn Väter zu den ersten im Betrieb gehören, die Elternzeit nehmen. Häufig machen sie dabei die Erfahrung, dass es sich lohnt, Neues auszuprobieren und vielerorts noch eher ungewöhnliche Wege zu beschreiten. Auch wenn die Gruppe der stark in der Familie engagierten Väter deutlich größer geworden ist: In vielen Bereichen leisten Väter Pionierarbeit und werden damit zu Rollenvorbildern für andere Väter. Die Landesregierung möchte sie mit passenden Angeboten, wie zum Beispiel diesem Internetportal, auf diesem Weg unterstützen, denn aktive Väter zeigen die Richtung, in der sich unsere Gesellschaft bewegt und bewegen sollte. Sie schaffen neue Spielräume bei der Rollengestaltung - nicht nur für sich, sondern auch für ihre Partnerinnen und Kinder.

vaeter.nrw.de: Frau Ministerin Schäfer, herzlichen Dank für das interessante Gespräch.

(vaeter.nrw.de, 02.02.2012)

Foto: Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen

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