Interview: Professor Gerald Hüther spricht über Lösungen für gewaltbelastete Vater-Sohn-Beziehungen

Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen

Interview: Professor Gerald Hüther spricht über Lösungen für gewaltbelastete Vater-Sohn-Beziehungen

huether_mod_100Was ist los, wenn Väter ihre Söhne schlagen? Das fragte vaeter.nrw.de den Göttinger Hirnforscher Professor Gerald Hüther, der sich mit der Frage beschäftigt, was Menschen brauchen, um ihre Potenziale entfalten und vorhandenes Wissen in die Praxis umsetzen zu können. Der Forscher unterscheidet aggressives und destruktives Verhalten und zeigt Möglichkeiten auf, wie Väter die Weitergabe dieser Verhaltensmuster an die Söhne durchbrechen können.

vaeter.nrw.de: Wenn wir von Gewalt zwischen Vater und Sohn sprechen, wie beschreiben Sie das Phänomen aus wissenschaftlicher Sicht?

Gerald Hüther: Aus meiner Sicht taugt der Begriff "Gewalt" hier überhaupt nichts. Er verschleiert die Zusammenhänge und bleibt unscharf, weil wir uns keine Mühe geben, zu differenzieren. Gewaltbereitschaft, heißt es dann pauschal, sei angeboren. Das stimmt so aber nicht. Hinter dem, was wir als Gewalt erleben verbergen sich zwei verschiedene Dinge: Zum einen Aggressivität als Notfallreaktion bei einem Angriff und zum anderen Destruktivität, als zerstörerische Kraft gegen sich selbst, gegen andere oder gegen von Menschen geschaffene Werte. Die Frage ist, woher dieser Impuls zur Zerstörung kommt? Und diese Frage ist ganz eindeutig zu beantworten: Wer zerstörerisch handelt, ist selbst verletzt worden und hatte keine hinreichende Möglichkeit, sich zu wehren. Aus der Aggression gegen den Täter wird eine Zerstörungswut, die sich gegen andere, gegen Tiere und Sachen richtet. Viele spätere Straftäter sind bereits mit etwa elf Jahren als Tierquäler aufgefallen.

vaeter.nrw.de: Nehmen wir mal ein praktisches Beispiel: Wenn ein Vater seinem Sohn eine Ohrfeige gibt, ist der dann aggressiv oder destruktiv?

Gerald Hüther: Wenn es einen Konflikt zwischen Vater und Sohn gibt, den der Vater mit einer Ohrfeige zu "lösen" versucht, dann ist er aggressiv. Er fühlte sich durch das Verhalten des Sohnes angegriffen und in seiner Position und seinem Selbstbild bedroht. Auf diese Situation reagiert er mit dem archaischen Verhaltensmuster "Aggression". Der Vater hat nicht ausreichend gelernt, seine Affekte zu kontrollieren. Das nennen wir ein Frontalhirndefizit. Er kann sich dann für diesen Übergriff entschuldigen und so die Situation wieder bereinigen. Wenn er sein Kind aber in diesem Affekt totgeschlagen hat, kann er sich nicht mehr ent-schuldigen. Dieser drastische Fall zeigt, wie wichtig es ist, dass Väter, die zu aggressivem Verhalten neigen, Hilfe in Anspruch nehmen. Denn es ist immer der Stärkere, der an der Eskalation des Konflikts die Schuld trägt und sich verändern muss.

vaeter.nrw.de: In welchem Fall würde der Vater denn destruktiv handeln?

Gerald Hüther: Wenn der Vater seinen Sohn schlüge, weil er selbst zum Beispiel mit seinem Chef einen Konflikt hat, den er mit diesem nicht austrägt, dann wäre das destruktiv. Dann agiert der Vater seine Verletztheit, die aus einem anderen Zusammenhang stammt, an seinem Sohn aus.

vaeter.nrw.de: Was bedeutet denn ein aggressiv oder destruktiv handelnder Vater für die Entwicklung des Sohnes?

Gerald Hüther: Reagiert ein Vater aggressiv auf das Verhalten des Kindes, sind beide an der Konfliktsituation beteiligt. Der Sohn merkt, dass sein Verhalten der Auslöser für die Reaktion des Vaters ist. Schwieriger ist es für den Sohn, wenn er ohne eigenes Zutun Opfer der Destruktivität seines Vaters wird und seine normalen Alltagshandlungen mit Schlägen beantwortet werden. In beiden Fällen jedoch lernt das Kind diese Verhaltensweisen vom Vater. Was der Vater erlebt hat, erlebt der Sohn nun genauso wieder. Wenn keiner versucht das Muster zu durchbrechen, setzt sich das aggressive bzw. destruktive Verhalten wie in einer Kette fort. Darunter leiden nicht nur die betroffenen Väter und Söhne, sondern das gesamte Umfeld.

vaeter.nrw.de: Wie kann die Gesellschaft darauf reagieren?

Gerald Hüther: Um die Kette zu durchbrechen, brauchen wir an anderes Bildungsverständnis. Es herrscht vielfach noch eine Pädagogik vor, die auf Strafe und Belohnung setzt und Kinder zu "Dressurobjekten" macht. Das heißt, dass Kinder, die in Familien mit aggressiven und destruktiven Verhaltensmustern aufwachsen, auch in der Schule nicht wesentlich andere Erfahrungen machen. Glücklicherweise gibt es aber auch Schulen, die nach anderen pädagogischen Konzepten arbeiten. Auch Jungen freuen sich, dort hingehen zu dürfen. Diese Schulen erfüllen nämlich zwei Grundbedürfnisse der Kinder: Das Bedürfnis nach Aufgaben, an denen sie wachsen, und nach einer Gemeinschaft, der sie sich zugehörig fühlen können.

vaeter.nrw.de: Gibt es für Väter eine Chance, die fatale Kette zu durchbrechen und die eigenen Defizite nicht an den Sohn weiterzugeben?

Gerald Hüther: Ja, die haben sie. Voraussetzung ist, dass sie etwas verändern, sich selbst weiter entwickeln wollen. Der Sohn bietet dem Vater ja eine einzigartige Gelegenheit dazu. Er spiegelt ihm seine eigenen Defizite und kann so quasi zum Coach des Vaters werden. Das setzt voraus, dass der Vater ihn als gleichwertigen Partner auf Augenhöhe anerkennt. Wenn einem Vater das bisher nicht gelungen ist so, hat das etwas mit seinem Selbstbild zu tun, das ihn nötigt, ein Machtgefälle aufrecht zu erhalten. Wenn der Vater anfängt diese Hierarchie in seinem Kopf aufzulösen, dann beginnt es spannend zu werden. Bei diesem Prozess brauchen Väter Unterstützung.

vaeter.nrw.de: Wie sieht eine solche Unterstützung aus Ihrer Sicht idealerweise aus?

Gerald Hüther: Ideal sind Angebote, die Väter und Söhne auf neue Art zusammenführen. Es geht darum, dass in der Zeit, die sie miteinander verbringen, ein Gefühl der Verbundenheit entsteht. Das kann zum Beispiel beim gemeinsamen Kanu-Fahren, beim Schwerter Schmieden oder Bogen Bauen geschehen. Fortbildungen, Coachings und Trainings sollen Väter darüber hinaus in diesem Prozess begleiten und Erspürtes bewusst machen, damit die Achtsamkeit entsteht, die für die Veränderung nötig ist. Viele unterschiedliche Träger machen bereits solche Angebote für Väter. Im Einzelfall tun sich Väter aber schwer, geeignete Unterstützung zu finden. Die Sinn-Stiftung, deren Präsident ich bin und die sich für Projekte zur "Potenzial-Entfaltung" einsetzt, hat daher die Initiative "Väter & Söhne" ins Leben gerufen. Sie soll eine gemeinsame Angebots-Plattform für Träger schaffen, die Vater-Sohn-Angebote machen, soll Anlaufstelle für Rat suchende Väter sein, wissenschaftliche Erkenntnisse aus diesem Feld bündeln und das Thema stärker ins öffentliche Bewusstsein rücken. Außerdem suchen wir Unterstützerinnen und Unterstützer aus Politik und Wirtschaft, die mehr Angebote für Väter möglich machen. Und natürlich Sponsoren, die diese Arbeit unterstützen.

vaeter.nrw.de: Herzlichen Dank, Herr Professor Hüther, für das spannende Gespräch und viel Erfolg mit Ihrer Initiative "Väter & Söhne".

 

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