Interview: "Wir bauen Brücken zwischen Kulturen - und zwischen Generationen"

Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen

Interview: "Wir bauen Brücken zwischen Kulturen - und zwischen Generationen"

Mustafa_Bayram_100Viele zugewanderte Menschen führen ein Leben zwischen den Kulturen. Bildung und Arbeit sind wichtige Faktoren die ihnen helfen, sich - bei aller Verbundenheit mit dem Herkunftsland - in Deutschland beheimatet zu fühlen. Der Kölner Verein Coach e.V. baut jungen Menschen eine solche Bildungsbrücke ins hiesige Leben - und nimmt die Eltern mit auf den Weg. Eine Vätergruppe unterstützt Männer dabei, die Herausforderung zu meistern. Coach e.V.-Vorstand Mustafa Bayram berichtet darüber  im vaeter-nrw.de-Interview.

vaeter-nrw.de: Sie leiten den Coach e.V. in Köln, eine Bildungseinrichtung für Jugendliche. Was ist das Ziel Ihrer Arbeit?

Mustafa Bayram: Rund 250 Mädchen und Jungen kommen regelmäßig zu uns. Wir unterstützen sie bei ihrer Bildung und persönlichen Entwicklung. Der Großteil der Jugendlichen, nämlich rund 200, kommt aus türkeistämmigen Elternhäusern. Meist sind es die Eltern, die ihre Kinder herschicken. Bildung ist ihnen nämlich in aller Regel sehr wichtig. Sie möchten, dass ihre Kinder einen guten Schulabschluss erreichen, um einen Beruf zu erlernen können, der ihnen ein sicheres Auskommen bietet. Das gelingt den Jugendlichen aber nur, wenn sie sich der deutschen Gesellschaft zugehörig fühlen und sich hier sicher bewegen. Ziel des Coach e.V. ist es, ihnen dafür die nötige Brücke zu bauen. Mit 16 Honorarkräften und Ehrenamtlichen erstellen wir mit den Jungen und Mädchen individuelle Ziel- und Lernpläne, unterstützen sie bei den Hausaufgaben, arbeiten in Gruppen, machen Sport und führen Projekte durch. Regelmäßige Wochenendseminare gehören auch dazu. Die Jugendlichen lernen hier auch, über ihre Einstellungen, Gefühle und Erfahrungen nachzudenken und zu reden.

vaeter-nrw.de: Warum arbeiten sie überwiegend mit Jungen und Mädchen, deren familiäre Wurzeln nicht in Deutschland liegen?

Mustafa Bayram: Wir sehen, dass diese Jugendlichen vor ganz besonderen Herausforderungen stehen. Sie fühlen sich häufig als zwischen zwei Kulturen stehend, beiden fühlen sie sich nicht zugehörig. Menschen, die aus ihrer ursprünglichen Heimat in ein anderes Land ziehen, halten oft an den Traditionen und Gewohnheiten fest, die sie "von zuhause" kennen. Denn vielfach planen sie nur einen zeitlich begrenzten Aufenthalt im Gastland - der sich dann aber oft über Generationen ausdehnt. Auch das Gastland nimmt die Zugewanderten zumeist nur als Gäste auf Zeit war. Das äußert sich zum Beispiel darin, dass die Mehrzahl der Schulen noch immer ohne interkulturelle Konzepte und Teams arbeitet. Dabei sind in einem vereinten Europa Brücken nach allen Seiten nötig. Coach e.V. baut solche Brücken.

vaeter-nrw.de: Ja, für die Jungen und Mädchen, aber was ist mit den Eltern?

Mustafa Bayram: Die beziehen wir von Anfang als Erziehungspartnerinnen und -partner mit ein. Wir machen immer ein Erstgespräch auch mit den Müttern und Vätern. Außerdem gibt es acht bis zehn Elternseminare pro Jahr. Dort geht es um Themen wie Erziehungsstile und -unterschiede, Schularten und Schulprobleme oder auch um Pubertät oder Gewalt in der Familie. Wir ziehen dazu immer entsprechende Experten heran. Außerdem haben wir eine Müttergruppe und inzwischen auch eine Vätergruppe mit  jetzt 26 Männern, für die sich meine Vorstandskollege Christian Gollmer sehr professionell engagiert. Die Väter forderten die Gruppe übrigens von sich aus. Sie sahen, was wir alles für ihre Kinder und auch für die Mütter anboten und fühlten sich zu Recht benachteiligt. Dass sie bald mal für ein Wochenendseminar nach Holland fahren wollen, haben sie auch schon entschieden.

vaeter-nrw.de: Worum geht es denn konkret in der Gruppe?

Mustafa Bayram: Wir bieten zunächst einmal einen Ort, an dem sich die Väter in Ruhe austauschen und ihre Wünsche und Ängste formulieren können. Das ist Voraussetzung für unsere gemeinsame Arbeit. Wir wollen Probleme und Fragestellungen nicht nur benennen, wir wollen sie lösen. Dazu legen alle eine eigene Ich-Mappe an. Zunächst sollen da Fotos rein, die die Männer als Kinder, Jugendliche und Erwachsene zeigen. Auch ein Bild vom eigenen Vater sollte nicht fehlen. Anhand dieser Dokumente wollen wir mit den Vätern die jeweils eigene Biografie beleuchten, speziell natürlich die Erfahrungen, die sie selber mit der Erziehung durch die eigenen Eltern gemacht haben. Diese Standortbestimmung hilft ihnen,  Selbstsicherheit zu gewinnen und ihr heutiges eigenes Erziehungsverhalten zu reflektieren.

vaeter-nrw.de: Gibt es denn spezifische Erziehungsherausforderungen für die Väter mit ausländischen Wurzeln?

Mustafa Bayram: Die gibt es in der Tat. Auf der einen Seite kämpfen Väter mit ausländischen Wurzeln mit den gleichen Verunsicherungen, wie deutschstämmige Männer. Unsere Gesellschaft verändert sich sehr schnell, das irritiert viele Menschen. Wenn dann noch zum Beispiel der Verlust der Arbeitsstelle, über die man sich definiert hat, dazukommt, haben viele das Gefühl, Frau und Kindern nicht mehr in die Augen schauen zu können. Sie erleben das als großen Autoritätsverlust in der Familie. Gleichzeitig wachsen ihre Kinder in die deutsche Gesellschaft hinein und entfernen sich damit naturgemäß auch von spezifischen Einstellungen und Werten des Herkunftslandes der Familie. Die Eltern haben die große und verständliche Angst ihre Kinder "zu verlieren". Väter stehen dann vor der Herausforderung, den Weg, den ihre Söhne und Töchter einschlagen, zu verstehen und ihnen die nötige Freiheit zu gewähren, damit sie hier heimisch werden können. Es ist eindrucksvoll zu sehen, welche großen Kräfte Väter mobilisieren, um diese Herausforderung zu meistern. Wir unterstützen sie dabei auch indem wir Brücken zwischen den Generation bauen und ihnen die Wünsche und Erwartungen ihrer Kinder näher bringen. Ein Vater fasste betroffen zusammen: "Wir wissen gar nicht, welchen Spagat unsere Kinder zwischen zwei Kulturen machen!"

vaeter-nrw.de: Was wünschen sich die Jugendlichen denn von den Vätern?

Mustafa Bayram: Ganz oben auf der Erwartungsliste steht "Vertrauen". Die Jungen und Mädchen wünschen sich, dass der Vater ihnen dann auf einer solchen Vertrauensbasis auch mehr Freiheit lässt. Und es sollte weniger Druck geben, sagen die Kinder. Außerdem möchten sie über Tabu-Themen mit ihren Vätern sprechen können. Sie möchten über Beziehungen und Partnerschaft, über Religion, Demokratie und Freiheit reden. Wir machen auch im Bildungsbereich die Erfahrung, dass die Kinder ihre Überlegungen und Entscheidungen zum Beispiel, wenn es um die Berufswahl geht, mit ihren Vätern besprechen wollen. Väter sind gerade für die Jungen ein wichtiges Rollenvorbild. Um Männer werden zu können, brauchen sie ihre Väter, starke Väter, die sich ihrer selbst gewiss sind.

vaeter-nrw.de: Herr Bayram, herzlichen Dank für das ausführliche und spannende Gespräch.

 

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Texte zum Themenbereich "Väter mit Zuwanderungsgeschichte" auf vaeter-nrw.de:

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