Früher erkundigte sich man gern nach den "Kindern", wenn man etwas Neues über den Nachwuchs einer verwandten oder befreundeten Familie wissen wollte, sprach von "den Kindern", um sich selbst als (schon) Erwachsenen zu identifizieren oder meinte in Kita, Schule, Gemeinde und Sportverein schlicht die Gesamtheit aller unter 18-jährigen, die es im Blick zu behalten und zu erziehen galt. Ein Sohn oder eine Tochter spielten allenfalls eine Rolle, wenn es um konkrete Fragen zu einer individuellen Person ging, deren Schicksal oder Werdegang von Interesse war.
Auf den Sohn war man ansonsten stolz oder bitter von ihm enttäuscht, der Tochter wünschte man eine gute Partie oder wenigstens sonst etwas Glück im Leben. Später kamen "die Jugendlichen" als eigenbegriffliche Bevölkerungsgruppe hinzu, die zwar ebenfalls aus (den eigenen) Töchtern und Söhnen bestand, in der öffentlichen Meinung aber oft als schwieriges, aufmüpfiges oder undankbares Klientel auffiel. Nicht mehr Kind und noch nicht erwachsenen, waren alle froh, wenn die Zeit zwischen 13 und 18 möglichst schnell und unspektakulär vorbeiging - obwohl gerade hier noch wichtige Weichen für das zukünftige Leben gestellt werden.
Heute werden Kinder selbstbewusster schon mal "Kids" oder "Youngsters" genannt, aber noch immer verschleiern selbst die modernen Begriffe, dass dahinter Töchter und Söhne - Mädchen und Jungen - um die Entwicklung und Anerkennung ihrer geschlechtlichen und individuellen Identität ringen. Warum sind Kinder eben nicht "geschlechtslose Wesen", sondern Söhne und Töchter von Beginn an und sollten sie als solche auch behandelt werden?
Die Nivellierung beider Geschlechter auf "Kinder" und "Jugendliche" verdeckt, dass Mädchen und Jungen zwar viel gemeinsam haben, aber eben auch in unterschiedlichen - und oft unterschiedlich wahrgenommenen - Lebenswelten aufwachsen. Jungen sind stärker von Gewalt betroffen, aber Mädchen haben mehr Angst davor. Mädchen sind in der Schule besser, aber Jungen meinen, sie kriegen später den besseren Arbeitsplatz. In Söhne werden größere Erwartungen gesteckt, die sie häufiger verzweifeln oder überreagieren lassen. Um Töchter macht man sich mehr Sorgen, aber eben diese Vorsicht beeinträchtigt auch ihre Verselbständigung. Kleine Jungen spielen andere Spiele als Mädchen, und später bei der Berufswahl gibt es die immer gleichen Wünsche, obwohl sich die Arbeitswelt und ihre Anforderungen rapide verändern. Und das ist noch nicht alles: Mädchen sind nicht gleich Mädchen, Jungen sind nicht gleich Jungen - sie fordern verstärkt den Respekt vor der Unterschiedlichkeit in der eigenen Gruppe.
Nie zuvor war fragwürdiger, was "männlich" und was "weiblich" ist. Die meisten Antworten darauf werden - anders als noch in der letzten Generation - ein kläglicher Versuch bleiben. Stichworte wie "Mädchenarbeit", "Jungenarbeit", "reflektierte Koedukation" und "genderorientierte Pädagogik" - die seit Ende der 1970er Jahre Konjunktur haben, weil sich die Geschlechter- und Arbeitsverhältnisse grundlegend wandeln - verweisen darauf, dass Väter (und Mütter) ihre Kinder viel mehr als Söhne und Töchter wahr- und annehmen sollten. Dabei brauchen Mädchen und Jungen heute weniger traditionelle, oft lebensbeengende Leitbilder als vielmehr Orientierung in einem breiteren Spektrum an persönlichen Gestaltungs- und Verhaltensmöglichkeiten. Die Welt von morgen erfordert mehr Gleichheit (nicht Gleichmacherei!) der Geschlechter - verstanden als Wertschätzung der Unterschiedlichkeiten - um mit den vielfältigen Erwartungen an Partnerschaft, Familie und Arbeitswelt besser zu recht zu kommen.
Versuchen Sie als Vater, gesellschaftliche Vorurteile und Benachteiligungen ein wenig auszugleichen, indem Sie Ihren Sohn und Ihre Tochter zu eigenen Meinungen ermutigen, die auch mal quer zu denen ihrer Freunde und Freundinnen liegen. Bemühen Sie sich, sie im Verlauf ihres Lebens so viele Erfahrungen wie möglich machen zu lassen und begleiten Sie sie in ihren Entwicklungen, damit aus ihnen selbstbewusste Frauen und Männer werden.