Kongress: Männer- und Vaterrolle neu definieren

Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen

Kongress: Männer- und Vaterrolle neu definieren

Matthias_Franz_mod_100Harte Fakten bewegten die Teilnehmer des Düsseldorfer Männerkongresses 2010, denn - wie Kongress-Initiator Professor Matthias Franz (Foto) referierte - haben viele Männer (und Jungen) in Deutschland massive Probleme in Bezug auf ihre Gesundheit, Bildung und Identitätsfindung. Fehlende bzw. entmutigende Vätervorbilder seien unter anderem ein Grund für ihre Misere. Damit heutige Männer und Väter Mut machende Rollenvorbilder für die nachwachsende Generation sein können, brauchen sie Unterstützungsangebote.

"Neue Männer - muss das sein?" überschrieb Matthias Franz, Professor für Psychosomatische Medizin an der Heinrich Heine Universität in Düsseldorf, seinen viel beachteten Männerkongress. Seine Antwort heißt "ja", denn er zeichnete ein dramatisches Bild von der Lage vieler Männer in Deutschland. "Sie sind inzwischen die Bildungsverlierer, ihre Gesundheit ist schlechter als die der Frauen, ihre Lebenserwartung im Schnitt fünf Jahre kürzer und die Selbstmordrate dreimal so hoch", fasst er die Fakten zusammen. Denn bei der Identitätsfindung habe der männliche Nachwuchs oft Probleme: "Die Entwicklung der psychosexuellen Identität ist - besonders ohne ein männliches Vorbild - beim Jungen komplizierter als beim Mädchen. Und die Bandbreite der Themen, in denen Männer heute gefordert sind, ist enorm: Idealerweise sind sie warmherzig, beziehungs- und konfliktfähig, emotional kompetent, beruflich erfolgreich, bieten eine 'starke Schulter' und sollen im Bedarfsfall deutsche Interessen nun auch noch militärisch im Ausland verteidigen." Das ist ein breites Anforderungs­spektrum, das Angst machen kann. Jungen, die ihre Identität suchten, brauchten daher Männer, die sich in ihrer Rolle glaubhaft wohl fühlten und ihnen dadurch vermittelten: "Das sind deine Entwicklungsperspektiven als Junge und die sind toll."

Selbstbewusste Männer wachsen in den ersten sechs Lebensjahren

Doch wo sind diese Männervorbilder? Väter sind aufgrund hochverdichteter Arbeitsabläufe und einer steigenden Zahl von Trennungen und Scheidungen oft "abwesende Väter". Auch in Kindertageseinrichtungen und Grundschulen sind Männer, als Erzieher und Lehrer, die eine Vorbildrolle übernehmen könnten, Mangelware. "Selbstbewusste Männer wachsen in den ersten sechs Lebensjahren und unsere Jungen haben zu wenig emotionalen Kontakt zu selbstbewussten, glaubhaft stabilen Männern", sagt Matthias Franz.

Geschichte belasteter Vaterschaft

Dass es vielen jungen Männern Probleme bereitet, die Vaterrolle zu übernehmen, und die Zahl derjenigen groß ist, die sich Vaterschaft erst gar nicht zutrauen, wundert den Facharzt für Psychosomatische Medizin nicht: "Schon seit etwa 100 Jahren schleppen wir 'unverdauliche' männliche Identitätskerne von einer Generation zur nächsten. Der wilhelminische Soldatenvater wurde vom faschistischen abgelöst, der den Opfertod des Sohnes forderte oder selbst im Krieg fiel und seine Kinder als Waisen zurückließ. Der tote Vater nach dem Zweiten Weltkrieg wurde dann vom heutigen abwesenden Vater abgelöst. Damit fehlen ganzen Generationen in Deutschland die Väter." Bewusst gelebte Vaterschaft ist ein Terrain, das sich Männer neu erobern mussten und müssen.

Väter können Kindern viel Selbstvertrauen geben

Vielen Vätern sei auch angesichts dieser Geschichte gar nicht bewusst, wie wichtig sie für ihre Kinder seien, sagt Matthias Franz. Und das gilt nicht nur für die Söhne, die ihre Rollenidentität suchen. Auch den Mädchen hilft die kindgerechte Anerkennung durch den Vater, ihre spätere Rolle als Frau zu finden. Präsente Väter tragen viel dazu bei, dass ihre Kinder ein gesundes Selbstvertrauen entwickeln, bis hinein in die spätere positive Annahme einer eigenen Elternschaft.

Unterstützung für Väter - Angebote fehlen

Folgt man der Diagnose von Matthias Franz zur Situation der Männer in Deutschland, so sind Männer für diese Vateraufgaben nicht besonders gut gerüstet. Sie müssten erst wieder lernen, zu ihren Schwächen und Unzulänglichkeiten zu stehen und ihre Bedürfnisse und Emotionen wahrzunehmen und auszudrücken. Viele Männer waren in ihrer Kindheit über Jahre hinweg mit einem vorwiegend weiblichen Erziehungsstil und -zielen konfrontiert und entwickelten latente Verunsicherungen hinsichtlich der Erwünschtheit ihrer jungenhaften Eigenarten und entsprechende "Verweiblichungsängste".  Es sei aber "überlebenswichtig" sich rechtzeitig - wie es den Frauen eher gelingt - Hilfe holen zu können, ohne das Gefühl haben zu müssen, dadurch "wieder" seine Männlichkeit zu verlieren. Entsprechende Unterstützungsangebote für Männer und Väter vermisst der Psychoanalytiker. "Die Fakten zur misslichen Situation der Männer liegen seit 30 Jahren auf dem Tisch. Aber entsprechende Maßnahmen lassen auf sich warten, obwohl die Nachfrage da ist", erklärt der Fachmann.

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