Wenn das Unvorstellbare geschieht und das eigene Kind stirbt, ist auf einmal alles anders. Was diese Situation für Väter bedeutet und was ihnen helfen kann, mit dem Schmerz weiter zu leben, beschreibt der Kölner Theologe Franz Jürgens.
Wer es nicht erlebt hat, kann nicht ermessen, was das bedeutet: der Tod des eigenen Kindes. „Väter machen in dieser Situation die Erfahrung, im wahrsten Sinne des Wortes untröstlich zu sein“, sagt der Theologe, Sozialpädagoge und Heilpraktiker für Psychotherapie Franz Jürgens aus Köln, der Treffen für Väter anbietet, die ein Kind verloren haben. „Das macht sie sehr einsam.“ Zunächst zeige das Umfeld noch Verständnis für die Ausnahmesituation und nehme Anteil. Doch schon sehr bald werde erwartet, dass der Vater wieder „funktioniert“ und in Beruf und Familie einsatzfähig ist. „Das empfinden die Betroffenen als schmerzhaft. Es bedeutet eine große Anstrengung für sie, den Anforderungen gerecht zu werden“, berichtet der Psychologe. „Es kann aber auch eine Hilfe sein, wenn sie von außen gefordert werden. Die Welt bleibt ja, wie sie ist und es ist unrealistisch zu erwarten, dass sich das ändert“, sagt er.
Auf die Idee reine Väter-Treffen zum Beispiel bei der Männerseelsorge der katholischen Kirche in Köln oder beim Verband verwaister Eltern anzubieten, kam der Fachmann, als er merkte, dass fast nur Frauen seine Gruppen-Angebote nutzten. „Das kam mir komisch vor. Väter trauern ja genauso“, sagt er. Klischees von Männern als gefühllose Klötze oder die Aussage, Männer trauerten „nach innen“ während sich Frauen mitteilten, seien „ganz großer Quatsch“. Er vermutet, dass die Väter befürchten in den Gruppen „allein unter Frauen“ zu sein und daher den Treffen fern blieben. Reine Männergruppen finden nämlich Zulauf.
„Die Väter äußern sich in diesem Kreis sehr offen“, sagt der Seelsorger. Jeder bringt ein Foto des Kindes und ein Andenken mit. Diese Dinge liegen dann in der Mitte des Väter-Kreises. Jeder der maximal fünf oder sechs Teilnehmer berichtet, wie es ihm geht. „Ich stelle dann oft die Frage, was sich im letzten Jahr getan hat“, berichtet Franz Jürgens. „Das öffnet den Blick für Veränderungen und Entwicklungen und hilft den Vätern, sich nicht allein auf Trauer und Schmerz zu fixieren.“ Diese zumeist sehr emotionalen Berichte dauern häufig sehr lange. „Anschließend lasse ich mir noch etwas einfallen, was der emotionalen Situation entspricht, die ich gerade wahrgenommen habe. Zum Beispiel haben die Väter Briefe an ihre verstorbenen Kinder geschrieben, in denen sie beschreiben, was sie ihnen verdanken“, erläutert Franz Jürgens. Zum Abschluss gibt es ein Ritual, bei dem zum Beispiel jeder einem anderen einen Wunsch mit auf den Weg geben kann oder jeder einen spirituellen Spruch mitnimmt.
Wichtig: sich wahrgenommen fühlen
Für die Väter sei bei diesen Treffen die Zeugenschaft der anderen wichtig, erklärt der Theologe, denn sonst passiere nicht viel. Es werde nicht „rumgetröstet“. „Die Väter fühlen sich mit ihren Schmerzen, in ihrem Leid gesehen und wahrgenommen. Das hilft ihnen“, sagt Franz Jürgens. „Neulich war ein Vater dabei, dessen Kind vor 21 Jahren gestorben war. Das findet in der Gruppe keiner blöd oder komisch. Außenstehende können das nicht begreifen.“
Doch nicht alle betroffenen Männer finden Zugang zu Gruppen, die ihnen den Austausch ermöglichen. Franz Jürgens vermutet, dass viele befürchten, dann als „weich“ und „unmännlich“ zu gelten. „Sich seinen Gefühlen zu stellen ist ein tapferer und mutiger Akt“, sagt er. „Und es ist durchaus männlich, den Kontakt zu anderen Männern zu suchen und Wichtiges mit ihnen zu teilen.“ Dass die Trauerarbeit im „stillen Kämmerlein“ ebenso leistbar ist, kann er sich kaum vorstellen. Sicher könne es aber helfen, Bücher zu lesen. Auch Schreiben, Malen oder Bildhauern könne zum Beispiel dazu beitragen, den Schmerz zu verarbeiten.
Sein Appell an Betroffene lautet zu schauen, wann was dran ist. Es gäbe Phasen des Verdrängens aber es gäbe auch Phasen, in denen Dinge bearbeitet werden wollten. „Ich finde es wichtig, das auch zu tun. Ob sich dann jemand für eine Gruppe entscheidet oder nicht: Ein leichter Weg existiert nicht, denn es ist hart, dem Schmerz zu begegnen“, sagt er. „Sich stattdessen zu betäuben oder abzulenken, halte ich nicht für sinnvoll.“ Neben einem solchen permanenten Verdrängen sei es jedoch auch „ungesund“, sich eine zweite dauerhafte Identität als „Schmerzensmann“ zuzulegen. Der Psychologe rät daher Männern, die aus seiner Sicht die Gruppentreffen nicht mehr bräuchten, aber trotzdem daran festhalten, mal eine Pause einzulegen.
Für viele Väter kommen zur Trauer noch Herausforderungen in der Partnerschaft und auch im Freundeskreis hinzu. „Der Verlust eines Kindes offenbart die grundsätzliche Fremdheit zwischen Menschen,“ sagt Franz Jürgens. „Jetzt wird klar, wie anders der andere ist. Das stürzt in eine Wahrheit, die sehr erschreckend sein kann.“ In dieser Situation Brücken zu bauen, sei nicht leicht. „Wem es gelingt, eine neue Verbindung aufzubauen, kann seinen Beziehungen aber eine neue Qualität verleihen.“
Foto: Domino / pixelio.de
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