Sie haben als Mann, vielleicht schon selbst leiblicher Vater, eine neue Partnerin kennen gelernt und Sie kommen gemeinsam zu der Entscheidung, das Leben als Paar weiter zu gehen. Auf einmal aber sind Sie mit der Situation konfrontiert, sich mit den leiblichen Kindern ihrer Partnerin beschäftigen und auseinandersetzen zu müssen - irgendwie. Denn die gehören nun auch zu Ihrem Leben. Was erwartet Sie dabei?
"Erstmal war ich ja einfach nur an dieser Frau interessiert... Mit Kindern hatte ich selbst bisher nie was im Sinn gehabt... Dann hab' ich halt versucht, ihre Kinder anzunehmen, die waren ja auch fast immer dabei... Hab' also da irgendwie den Vater gespielt und nie gedacht, was bald für Probleme losgehen... Also, manchmal können wir das kaum durchstehen."
So oder ähnlich beginnen häufig Gespräche mit Männern, die das Abenteuer der "sozialen Vaterschaft" eingegangen sind, die mit Frauen und deren Kindern zusammengezogen sind, und dann wegen entstandener Probleme Beratung und Hilfe suchen. Wie kann solch eine Partnerschaft funktionieren und welche Rollen, Gefühle, Verantwortung haben diese Männer dann gegenüber den Kindern? Kaum ein Mann kann da schon auf gut bekannte Erfahrungen, Modelle oder Leitbilder zurückgreifen, wie Markus Teubner vom Deutschen Jugendinstitut in einem Projekt "Stieffamilien in Deutschland" mit Fokus auf Stiefväter feststellt. Viele versuchen daher auf die eine oder andere Weise, einen praktikablen Weg in dieser Situation zu finden - etwa über die Bundesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen Stieffamilien - weil qualifizierte Beratungs- und Hilfeangebote noch immer selten sind.
Ein glücklicher Start - aber dann?
Meist berichten Männer/Väter von einer Anfangsphase der Beziehung, in der sie sehr früh mit den Kindern der neuen Partnerin in Kontakt gekommen sind. Oft wird damit - so erleben sie dies - von den neuen Freundinnen "getestet", ob sie sich als "Ersatzväter" eignen. Die Überraschung und Freude ist groß, wenn gerade kleinere Kinder sich offen und neugierig dem neuen Mann zuwenden und Wünsche äußern. So lässt sich eine neue Patchwork-Familie natürlich gut beginnen. Leider zeigt sich, dass in einem solchen stimmungsvollen Herangehen viele Selbstüberschätzungen stecken können, die sich mittelfristig dann als schwere Hypothek erweisen.
Jede Partnerschaft braucht für ihren Aufbau Zeiten ungestörter Zweisamkeit. Dabei wechseln sich Unsicherheiten und Zweifel mit Erfahrungen des Glücks und entstehenden Vertrauens ab. Liegt diese Zeit bereits in intensiver Beobachtung und Teilhabe von Kindern, steht das neue Paar unter einem enormen Erfolgsdruck - wer will schließlich die ohnehin schon von Trennungserfahrungen belasteten Kinder ein weiteres Mal enttäuschen? Viele Männer berichten hier über erlebten Druck, unausgesprochene Zweifel, Schuldgefühle und kinderbedingte Zwänge von den ersten Tagen der neuen Beziehung an - eine ungünstige Voraussetzung für den Aufbau einer stabilen Partnerschaft. Anders und vermutlich besser könnte die Entwicklung verlaufen, wenn Kinder erst so spät wie möglich direkt und kontinuierlich mit einbezogen würden.
Ambivalente Hypotheken
Die in Ihrer "Patchwork-Familie" lebenden Kinder haben auch noch einen woanders lebenden leiblichen Vater. In dieser Konstellation liegt dann viel Konfliktpotenzial, wenn die neue Partnerin den leiblichen Vater mit negativen Wertungen belegt: Einfach schrecklich sei der Ex-Partner, und mit den Kindern gehe er so unfähig um! Da sei es doch an der Zeit, zu beweisen, wer hier der bessere Vater sei und mit Kindern richtig und angemessen umgehen könne - eine Konkurrenzsituation per se.
Mit diesen Informationen über einen Mann und Vater, den der neue Partner erst selten oder noch gar nicht gesehen hat, stellt die Partnerin eine entscheidende Weiche. Die ungefilterte Weitergabe einer Enttäuschung über einen einst geliebten Mann übernimmt der neue Partner aus Solidarität nicht selten in seine Sichtweise: Von einem derart ungeeigneten Vorgänger hebt er sich selbst natürlich umso positiver ab. Allerdings kann sich so ein Machtkampf entwickeln, der niemandem gut tut und gerecht wird - schon gar nicht den Kindern.
Eine solche psychische und emotionale Konstellation der Erwachsenen kann für Kinder eine Leidenszeit bedeuten. Bei Besuchswochenenden entsteht dann in den Übergabesituationen mitunter Hochspannung. Manche Kinder, die eine starke Bindung an den leiblichen Vater haben, wissen in diesem Dreieck Vater-Mutter-Ersatzvater nicht mehr, wem sie vertrauen können. Unvollständige Informationen führen überdies zu Missverständnissen und Halbwahrheiten. Die sich speziell an Kinder wendende Internetseite "Mellvil" - mit mehreren Aspekten zum Thema Scheidung, zum Beispiel "Wie geht's weiter nach der Scheidung?", "Mit Stiefgeschwistern klarkommen", "Wenn man einen Stiefvater oder eine Stiefmutter bekommt" oder "Streit mit der Stiefmutter, Zoff mit dem Stiefvater" - könnte von Vätern quasi vorbeugend zur Kenntnis genommen werden, da sie hier einiges über das Seelenleben von Kindern erfahren können.
Soziale Vaterschaft muss nach und nach gelernt werden
Liegt eine solche Dynamik vor, suchen und brauchen "soziale Väter" Gelassenheit und Souveränität, mit der sie es schaffen, sich aus den bisherigen Kämpfen, die nicht die ihren sind, heraus zu halten und der Gefahr einer Instrumentalisierung vorzubeugen.
Fragt man nach den Gefühlen von Rat suchenden Männer, stößt man bei ihnen oft auf eine erhebliche Unsicherheit in ihrer neuen Rolle: Unvorbereitet agieren sie mit mehreren ihnen wenig bekannten Menschen ganz verschiedenen Alters - rund um die Uhr und im privatesten Umfeld. Sie setzen sich mit Konflikten und Folgen einer Trennung auseinander, die nicht die ihren sind. Und sie fragen sich, wo Raum für ihre eigenen Sorgen und Wünsche ist, die es oft ja auch noch gibt. Im klassischen Rollenbild überwindet ein Mann eigene Unsicherheiten und Ängste, indem er sich als tatkräftiger Macher zeigt und auch die Probleme der Partnerin in die Hand nimmt. Gerade diese Verhaltensweisen werden ihn aber in einer solchen Konstellation eher scheitern lassen. Ein Mann - in der Rolle als neuer sozialer Vater - ist im eigenen Interesse gut beraten, sich zunächst etwas zurückzuhalten, neugierig zu beobachten, offen zu fragen, die Familie (einschließlich aller wichtigen nahen Verwandten) und ihre Alltagsregeln kennen zu lernen, bevor er aktiv mitgestaltend seine eigenen Akzente setzt; diese Empfehlung geben auch die "Eltern im Netz" - das Ratgeberportal des Bayerischen Landesjugendamtes - zur Situation von Stieffamilien und insbesondere zum Verhältnis von Stiefkindern und -vätern. Vor allem ist er auch gut beraten, mit den eigenen bisherigen Familienkonstellationen (insbesondere wenn es weitere Kinder aus einer früheren Partnerschaft gibt) "ins Reine" zu kommen, bevor er sich auf eine neue Familie einlässt.
Das Zusammenwachsen von trennungserfahrenen Partnern und Kindern zu einer Patchwork-Familie erfordert viel Zeit und Vertrauen, wie auch Martin R. Textor in seinem Beitrag "Stieffamilie leben" zu bedenken gibt, wenn er dazu rät, Abschied von der Vorstellung zu nehmen, eine "Normalfamilie" zu sein. Das Konfliktpotenzial solcher Beziehungen kann mitunter größer sein als das in herkömmlichen Familien ("Kernfamilie"), weil die gegenseitigen Erwartungen an das Gelingen der neuen Partnerschaft und Familie einem höheren Zeitdruck unterliegen. Bereits einmal getrennte Partner können aber andererseits gelassener und konstruktiver an neue Herausforderungen herangehen, da sie viele Konflikte bereits schon einmal erlebt haben - und davon können auch Kinder profitieren.
Der "Ersatz"-Vaterrolle wird der neue Partner einer Frau mit Kindern kaum entgehen können - wie lang- oder kurzfristig dies sein wird, muss sich jeweils erweisen. "Ersatz" zu sein ist kein schönes Gefühl, eine Lücke aber gut zu füllen, kann viel Kreativität freisetzen und Erfüllung mit sich bringen. Um eben solche Erfahrungen hat sich das am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Wien angesiedelte (2004 abgeschlossene) Forschungsprojekt "Beziehungskulturen abseits der Norm" unter Leitung von Prof. Dr. Reinhard Sieder gekümmert. Sieder, der auch von "Fortsetzungsfamilien" spricht, rät Männern für das neue Zusammenleben mit Kindern in einem Interview: "Die Rollen, die in der Erstfamilie gelernt und gelebt wurden, können in der Fortsetzungsfamilie nicht unverändert fortgeführt werden, ohne Konflikte zu erzeugen. Wenn beispielsweise ein Stiefvater versucht, ein Stiefkind auf dieselbe Weise zu kontrollieren oder zu bestrafen, wie er es in einer vorherigen Familie gelernt und eingeübt hat, wird er in beträchtliche Schwierigkeiten geraten. Er sollte nicht versuchen, dem nicht-leiblichen Kind den Vater zu ersetzen oder gar ein 'besserer' Vater zu sein. Das Kind hat bereits einen Vater und der sollte nicht aus dem Leben des Kindes verdrängt werden."
Ratsam ist also, nicht überaktiv und euphorisch, verbissen oder zu angestrengt an die neuen Familienaufgaben heranzugehen - das notwendige Balancieren zwischen der Erfüllung eigener und fremder Wünsche und Erwartungen sollte ein Mann im Blick behalten.
Ausblick
Das Zusammenwachsen als Stieffamilie erfordert Zeit. Die größte Herausforderung besteht für die Paare darin, die unterschiedlichen Familienkulturen und Erziehungsstile "auf die Reihe" zu bekommen. Deshalb kommt es im Alltag darauf an, gut als Paar im Kontakt zu sein und viel miteinander zu kommunizieren. Wie aber kann diese Beziehung gut gepflegt werden, wenn das neue Paar ständig in unterschiedlichen Elternrollen gefordert wird?
Gute Voraussetzungen für eine Patchwork-Familie sind sicher gegeben, wenn die Beziehung zur neuen Partnerin und ihren Kindern nicht umkämpft ist und der neue Mann es schafft, zum Frieden zwischen den Expartnern beizutragen. Dadurch werden die Kinder von Loyalitätskonflikten freigehalten. Wenn solch gute Voraussetzungen nicht gegeben sind (und weil es zunehmend Patchwork-Familien gibt), eröffnen sich hier für die qualifizierte (Erziehungs-)Beratung und unterstützende Begleitung von Männern als soziale Väter auch mehr, teils neue Handlungsfelder. Leitgedanke sollte für alle erwachsenen Beteiligten und insbesondere für Männer in ihren neuen Vaterrollen sein, aus früheren positiven wie negativen Erfahrungen zu lernen und offen für neue Optionen und Chancen zu sein. Nicht zuletzt die Kinder brauchen ein möglichst sicheres, sorgendes und anregungsreiches Lebensumfeld, um sich gut entwickeln zu können.