Interview: „Geburten sind biologisch auf Erfolg angelegt“, sagt Dr. Sven Hildebrandt

Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen

Interview: „Geburten sind biologisch auf Erfolg angelegt“, sagt Dr. Sven Hildebrandt

Hildebrandt_mod_100Der Dresdner Frauenarzt und Paarberater Dr. Sven Hildebrandt macht sich für eine bessere Aufklärung werdender Väter über alle Themen rund um die Geburt stark. Ehrenamtlich bietet er dafür Vatergesprächsrunden an. Im Interview mit vaeter.nrw.de geht er auf zentrale Themen ein, die viele Männer umtreiben, wenn sich ein Kind ankündigt.

vaeter.nrw.de: Warum machen Sie spezielle Angebote für werdende Väter?

Sven Hildebrandt: Eigentlich sollte kompetente Väterarbeit ganz selbstverständlich zur Geburtsvorbereitung gehören, das ist in Deutschland aber nur in Ausnahmefällen so. Viele angehende Vater schlagen sich mit Befürchtungen und Unsicherheiten herum, finden aber keinen Rahmen, in dem sie sich darüber austauschen können. Da setzt mein Angebot an. Als Arzt und Vater, der die Geburten dreier eigener Kinder miterlebt hat, kann ich den Männern nicht nur sachliche Themen, sondern auch emotionale Aspekte glaubhaft vermitteln.

vaeter.nrw.de: Was sind die zentralen Themen, mit denen sich werdende Väter beschäftigen?

Sven Hildebrandt: Ich erlebe immer wieder, dass sich Männer sehr stark damit auseinandersetzen, was bei der Geburt alles schief laufen könnte. Sie streben daher größtmögliche Sicherheit an und drängen ihre Partnerinnen, die oft andere Pläne haben und gerne in einem Geburtshaus oder Zuhause entbinden wollen, zur Geburt in der Klinik. Ich überlege dann mit ihnen, welche Faktoren eigentlich Sicherheit und welche Unsicherheit bedeuten und dass auch vieles für eine Geburt außerhalb der Klink spricht. Außerdem ist es mir wichtig, klar zu machen, dass eine Geburt ein natürlicher Prozess ist, bei dem die Natur eigentlich vorgesehen hat, dass alles gut geht. Zu einem natürlichen Prozess gehört auch, dass man spürt, wenn etwas nicht stimmt. Während der Geburt können sich Mütter und Väter dann auf die professionelle Unterstützung der Hebamme verlassen.

vaeter.nrw.de: Welche Tipps und Hinweise geben sie den werdenden Vätern außerdem mit auf den Weg?

Sven Hildebrandt: „Befreien Sie sich von dem Begriff Geburtstermin, denn das engt ein und baut ganz unnötig Druck auf“, lautet mein erster Tipp. Eltern sollten sich auf einen Vier-Wochen-Zeitraum um den errechneten Termin einrichten. Jedes Kind hat schließlich sein eigenes Tempo. Es sind ja auch nicht alle Äpfel am Baum gleichzeitig reif.

Bei der Geburt selbst hilft es Vätern, wenn sie sich als Gäste verstehen und nicht als Macher. Sich nicht aufregen und den Platz akzeptieren, der einem von der Partnerin zugewiesen wird - auch wenn das heißt, auf Distanz gehen zu müssen, lautet mein Hinweis. Die Männer sollten auch Bescheid wissen, dass es typische Phasen im Geburtsverlauf gibt. Zum Beispiel kommt es oft vor, dass Frauen in ganz unerwarteter Weise auf die heftigen Schmerzen reagieren und drastische Wünsche äußern, wie „ich gehe jetzt nach Hause“ oder „ich will jetzt einen Kaiserschnitt“.

vaeter.nrw.de: Sollten Väter auf jeden Fall bei der Geburt dabei sein?

Sven Hildebrandt: Ich mache Vätern Mut, sich dafür zu entscheiden, denn es hat noch kaum einer bereut. Die Geburt des eigenen Kindes mitzuerleben, ist ein unglaubliches, sehr emotionales Erlebnis. Die Väter müssen aber unbedingt Entscheidungsfreiheit haben. Ich kritisiere den Druck, der auf Männer heute oft ausgeübt wird. Es sollte niemand ein schiefes Gesicht ziehen, wenn sich ein Vater dagegen entscheidet, die Geburt des Kindes mitzuerleben. Bei einigen der Väter, die sich dagegen entscheiden, sind es Erfahrungen bei der eigenen Geburt, die hinter den Ängsten stehen. Wer betroffen ist, könnte das mit psychologischer Unterstützung aufarbeiten, um dann die Geburt des Kindes befreit miterleben zu können.

vaeter.nrw.de: Was ist denn für den Zeitraum nach der Geburt wichtig?

Sven Hildebrandt: Einfach da sein, ist mein Rat. Eine Woche oder mehr Urlaub zu haben, wäre gut. Die Partnerin kann Unterstützung gebrauchen. Es ist zudem eine herrliche Zeit, in der Väter und Mütter staunend das Wunder des neuen Lebens genießen. Für Väter besteht die Herausforderung vielfach darin, nicht in neue Ängste um das Wohlergehen des Kindes zu verfallen. Meine Erfahrung zeigt: Vätern können sich entspannen. Gerade in der ersten Zeit kommt die Hebamme täglich, beobachtete die Entwicklung des Babys und unterstützt das Paar. Außerdem ist es in dieser Phase wichtig, ein weites Herz und viel Geduld zu haben.

Vielfach wird geraten, in der ersten Zeit allen Besuch „abzuwehren“. Auch das sollten Väter aus meiner Sicht nicht verbissen betreiben. Gerade die Schwiegermütter haben oft das starke Bedürfnis, nach der Entbindung bei ihren Töchtern zu sein. Dann gilt es, eine geschickte Kompromiss-Lösung zu finden.

vaeter.nrw.de: Worauf sollten Väter nach der Geburt eines Kindes vorbereitet sein?

Sven Hildebrandt: Die Männer stehen im Ranking der Partnerin plötzlich auf einem nachgeordneten Platz. Das ist etwas, dem sie schon im Vorfeld mit Sorge entgegen sehen. Doch ich kann sie beruhigen. Sie gewinnen auch: Sie sind Vater und machen in dieser Rolle unglaubliche neue Erfahrungen. Das wiegt aus meiner Sicht den Verlust mehr als auf, den es bedeutet, bei der Partnerin vorübergehend nicht mehr die Nummer eins zu sein. Ein anderer Aspekt, der viele Väter bereits im Vorfeld beunruhigt, ist die Frage, wie sich die Sexualität in der Beziehung entwickeln wird. Dazu sind ein paar biologische Grundkenntnisse hilfreich. Menschen sind eigentlich nur deshalb monogam, weil Väter, die sich um den Nachwuchs kümmern, einen Überlebensvorteil für die sehr hilflos geborenen Kinder darstellen. Die biologische Ausstattung des Menschen passt aber gar nicht zu dieser Lebensform. Nach der Geburt eines Kindes haben Mütter und Väter nämlich ganz unterschiedliche sexuelle Bedürfnisse. Während sich der männliche Sexualtrieb von kurzen hormonellen Turbulenzen einmal abgesehen, ganz normal verhält, schüttet der weibliche Körper in der Stillzeit ein Hormon aus, das sexuelles Verlangen senkt. Es ist also ganz normal, wenn stillende Mütter keine Lust auf Sex haben, die dazu gehörigen Väter aber schon. Viele Männer fühlen sich dann grundsätzlich zurückgewiesen und abgelehnt. Das Wissen um die zu Grunde liegenden Zusammenhänge kann Paaren helfen, mit dieser herausfordernden Situation umzugehen.

vaeter.nrw.de: Herzlichen Dank für das Gespräch, Herr Dr. Hildebrandt.

(vaeter.nrw.de, 06.10.2011)

 

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