Verschiedene Länder haben unterschiedliche Kulturen rund um das Thema Geburt: Während es zur deutschen zeitgenössischen Geburtskultur gehört, dass werdende Väter ihre Partnerinnen im Kreißsaal unterstützen, kommt etwa in der Türkei diese Rolle einem weiblichen Familienmitglied zu. Was tun angehende Väter mit türkischen Wurzeln, deren Partnerinnen hier in Deutschland Kinder bekommen? Eine Studie an der Charité in Berlin zeigt, dass sich türkeistämmige Männer mehrheitlich hiesigen Gepflogenheiten anpassen.
Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen untersuchte Matthias David, Arzt an der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe der Charité in Berlin, über zehn Jahre hinweg Zahlen und Beweggründe türkeistämmiger Väter, die die Geburt ihrer Kinder im Kreißsaal begleiteten und verglich sie mit denen von Vätern deutscher Herkunft. Die Männer wurden u.a. dazu befragt, wann sie die Entscheidung für die Teilnahme an der Geburt trafen und wie sie sich darauf vorbereitet hatten. Die Ergebnisse ihrer Studie veröffentlichten die Autorinnen und Autoren im englischen "Journal of Psychosomatic Obstetrics & Gyneology" (Ausgabe Mai 2009).
Die Mehrheit türkeistämmiger Väter geht mit in den Kreißsaal
Die Studien-Ergebnisse zeigen: Die große Mehrheit der in Deutschland lebenden Väter mit türkischen Wurzeln ist bei der Geburt ihrer Kinder dabei. Zur Zeit der ersten Erhebung 1995/96 waren es 73 Prozent, 2003 bereits etwas über 82 Prozent. (Zum Vergleich: deutschstämmige Väter 1995/96 – 83 Prozent, 2003 – 98 Prozent.) Diese Zahlen sind besonders vor dem Hintergrund interessant, dass in der Türkei üblicherweise weibliche Angehörige den Geburtsprozess begleiten. In der Regel erleben weder im städtischen noch im ländlichen Raum Väter die Geburt im Kreißsaal mit. In Deutschland scheint sich bei Paaren mit türkischer Zuwanderungsgeschichte eine dritte Kultur herauszubilden: 1995/96 übernahmen rund zehn Prozent, 2003 schon mehr als 35 Prozent der Väter die anstehenden Aufgaben rund um die Geburt ihrer Kinder gemeinsam mit einem weiblichen Familienmitglied.
Werdende Väter wollen die Partnerin unterstützen
Väter aus beiden Ländern gaben 1995/96 mehrheitlich an, dass sie bei der Geburt dabei sein möchten, um zur Stabilität der Beziehung beizutragen. 2003 erhielt die Begründung "positiver Einfluss auf die Partnerin" mehr Zustimmung. Bei Vätern mit familiären Wurzeln in der Türkei kam in 23 Prozent (1995/96) bzw. 13 Prozent der Fälle (2003) die Rolle als Übersetzer während des Geburtsgeschehens als Begründung für die Teilnahme dazu.
Entscheidung zur Teilnahme an der Geburt fällt zunehmend früher
Der Zehn-Jahres-Vergleich offenbart auch, dass die Entscheidung, die Geburt mitzuverfolgen, bei den angehenden Vätern immer früher fällt. Bei über 50 Prozent der Väter stand das 2003 bereits vor Eintritt der Schwangerschaft fest (türkeistämmige Männer: 56,7 Prozent, Männer deutscher Herkunft: 54,4 Prozent). 1995/96 war das nur elf Prozent der werdenden Väter türkischer und 9,6 Prozent der angehenden Väter deutscher Herkunft so früh klar.
Vorbereitung auf die Geburt
Wie die Studienautorinnen und -autoren in ihrer Zusammenfassung schreiben, bereiten sich Väter zunehmend besser auf die Geburt vor. Die türkeistämmigen Väter gaben das allerdings deutlich seltener an als die mit deutschen Wurzeln. Das Interesse werdender Väter an Geburtsvorbereitungskursen teilzunehmen, sei gleichwohl noch recht gering. Dabei hätten Studien die positiven Effekte der Kurse auch für Väter klar belegt.
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Foto: Wilfred Bugmann / pixelio.de