"Dabei zu sein, war die richtige Entscheidung", gaben 86 Väter, die kurz zuvor die Geburt ihres Kindes miterlebt hatten, in einer Umfrage an der Charité in Berlin an. Studienautor Dr. Kai Bühling wollte mit der Umfrage nähere Erkenntnisse darüber gewinnen, wie Väter die Geburt ihres Kindes erleben, da es dazu bisher wenige Forschungsergebnisse gibt. Aus den Resultaten der Befragung leitet er Hinweise für Väter ab.
"Als ich Ende der 60er Jahre geboren wurde, war mein Vater dabei", berichtet Frauenarzt Dr. Kai Bühling, Dozent an der Universitätsklinik Hamburg Eppendorf. "Das war damals noch sehr ungewöhnlich, und er wurde schief angesehen, als er diesen Wunsch äußerte." Heute hat sich das genau umgekehrt. "Wer sich als Vater dagegen entscheidet, die Geburt des eigenen Kindes mitzuerleben, muss sich rechtfertigen", sagt Kai Bühling. "Welche Auswirkungen das Geburtserlebnis jedoch auf die Väter hat, ist noch wenig erforscht." Um diese Wissenslücke zu verkleinern, führte Bühling 2004 während seiner Tätigkeit an der Charité in Berlin eine Fragebogen-Umfrage unter 86 Partnern von Frauen durch, die gerade entbunden hatten.
Die Geburt des Kindes miterleben: für die Mehrzahl eine gute Entscheidung
Alle befragten Väter gaben an, froh zu sein, dass sie sich dafür entschieden hatten, die Partnerin bei der Entbindung zu begleiten. Einer wäre jedoch bei der Geburt eines eventuellen weiteren Kindes lieber nicht anwesend. "Diese Freiheit, 'nein' zu sagen, müssen Väter unbedingt haben", findet Kai Bühling. Von den befragten Vätern hat sich die Mehrzahl (79 Prozent) bereits vor bzw. mit Bekanntwerden der Schwangerschaft dafür entschieden, an der Geburt teilzunehmen. 70 Prozent der Paare haben sich gemeinsam dafür entschieden, dass der Partner die Entbindung miterleben soll. Etwa ein Fünftel der werdenden Väter traf diese Entscheidung allein. Drei der 86 Männer begleiteten ihre Partnerin auf deren Wunsch hin.
Gute Gründe für "Väter im Kreißsaal"
Über zwei Drittel der Männer erhoffen sich, einen positiven Einfluss auf die Partnerin während der Geburt zu haben. Bei fast 40 Prozent ist auch das Interesse am Geburtsvorgang ausschlaggebend bei der Entscheidung, dabei zu sein. Rund ein Drittel gibt an, diese schwierige Situation gemeinsam mit der Partnerin bewältigen zu wollen. Jeweils zwischen rund 20 und 30 Prozent der Väter kreuzen zudem an, dass sie die Beziehung zum Kind festigen wollen, dass sie Angst haben, bei Komplikationen nicht dabei zu sein, dass sie mit der Anwesenheit bei der Geburt einem Wunsch der Partnerin entsprechen, dass sie der Meinung sind, eine Geburt sei nicht nur Frauensache, und sie damit die Beziehung zur Partnerin festigen wollen.
Unterschiedliche Befürchtungen vorab
Die meisten Väter beschäftigen vorab vielfältige Befürchtungen: Am verbreitetsten (bei 66 Prozent der Befragten) ist die Angst vor Komplikationen während der Geburt. Doch auch die eigene Rolle gibt Anlass zur Sorge: Ein Drittel der Männer befürchtet, sich hilflos zu fühlen. Zehn Prozent denken, sie könnten in Ohnmacht fallen. 15 Prozent meinen, dass sie eventuell stören. 16 Prozent stellen sich vor, dass sie den Raum werden verlassen müssen. Einer sagt, dass er befürchte, seine Frau nach der Entbindung nicht mehr begehrenswert zu finden.
Mehrheit der Väter kann sich nützlich machen
Die Befürchtungen bestätigten sich jedoch für die meisten nicht: Tatsächlich fühlen sich zwar 18 Prozent der Väter phasenweise hilflos. Insgesamt gibt die ganz große Mehrheit der Väter, nämlich 94 Prozent, aber an, bei der Geburt des Kindes hilfreich für die Partnerin gewesen zu sein. Lediglich einer der Väter ist in Ohnmacht gefallen, drei haben aus eigenem Antrieb den Raum verlassen. Schlimm ist für die meisten (30 Prozent), als die Partnerin zu schreien oder weinen beginnt. Als den schönsten Moment bei der Geburt geben zwei Drittel der Väter den Moment an, als das Kind geboren ist bzw. zu schreien anfängt.
Väter brauchen Informationen
"Eine Geburt ist für Väter, die sich entscheiden, dabei zu sein, ein massives Erlebnis und es ist hilfreich, das gut vorzubereiten", sagt Kai Bühling. Er rät Männern, die Väter werden, - sofern im Angebot - Geburtsvorbereitungskurse oder -abende für Väter zu besuchen, sich mit anderen Vätern auszutauschen oder sich durch Bücher oder im Internet "schlau zu machen". "Die Väter, die wir befragten, hatten sich großteils in Gesprächen mit der Partnerin oder durch die Medien informiert. Nur rund 24 Prozent der befragten Väter hatten an einem Geburtsvorbereitungskurs teilgenommen", berichtet Kai Bühling.
"Wer weiß, dass er Schwierigkeiten bekommt, wenn er viel Blut sieht oder sich vor Wunden ekelt, sollte am Kopfende stehen bleiben. Es besteht kein Grund, sich alles ganz genau anzusehen", meint der Fachmann. Hebammen sowie Ärztinnen und Ärzten rät Bühling, Väter während des Geburtsverlaufs gut einzubeziehen und ihnen zu erklären, was passiert. "Das ist durchaus machbar und wirkt sich sehr positiv auf das Geburtserlebnis des Vaters aus", sagt er. "Eine Umfrage unter 143 Vätern aus dem Jahr 2000 hat das nachgewiesen."
Gemeinsames positives Geburtserlebnis kann Paarbeziehung festigen
Dass die väterliche Teilnahme an der Geburt das spätere Sexualleben beeinträchtigt, wie Männer zuweilen vermuten, ließ sich bislang nicht nachweisen. Studien anderer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die Bühling zur Diskussion der eigenen Ergebnisse heranzieht, belegen vielmehr, dass ein positives Geburtserlebnis dazu beitragen kann, die Beziehung eines Paares zu festigen und längerfristig teilweise auch das Sexualleben zu verbessern.
(vaeter.nrw.de, 13.10.2011)
Foto: Thomas Blenkers / pixelio.de
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