Winfried Legner, 64jähriger Vater von drei längst erwachsenen Kindern, war vor dem Ausscheiden aus seinem Berufsleben im mittleren Management eines amerikanischen Unternehmens tätig. Er hat die Tradition des Geschichtenerzählens zu seiner Passion gemacht: In Kindergärten und Krankhäusern erzählt er Jungen und Mädchen von Drachen, Tigern, Kaninchen und davon, was sonst noch wichtig ist auf der Welt.
Erst mal muss die Welt geordnet werden: Gibt es hohe Berge in Italien? Warum ist das Rote Meer rot? Und welches Land kommt nach Indien? Denn bevor der Geschichtenerzähler Winfried Legner dem kranken Furkan ein Märchen aus Burma erzählt, müssen die beiden da ja gedanklich erstmal hinreisen, oder? Dem achtjährigen Furkan wurden Anfang der Woche die Mandeln herausgenommen. Zwei, drei Tage, dann kann er wieder nach Hause. Noch aber liegt er zur weiteren Beobachtung im Kinderkrankenhaus Hamburg-Altona auf Station.
Winfried Legner klopft jeden Donnerstagmittag im Kinderkrankenhaus an die Türen der Schwesternzimmer der verschiedenen Abteilungen. Hat hier ein Kind eine Geschichte bestellt? Und die Schwestern gehen mit ihm die Namen der Kinder durch, die sich dafür interessieren könnten oder die vielleicht schon auf ihn warten. Kinder, denen möglicherweise eine Operation bevorsteht und die ein wenig Ablenkung gut vertragen können. Oder eben Kinder, die auf dem Weg der Besserung sind, aber noch etwas bleiben müssen und die sich oft gerade um die Mittagszeit langweilen.
Als Winfried Legner an Furkans Zimmertür klopfte und sich vorstellte, war der anfangs ein wenig skeptisch: Eine Geschichte erzählt bekommen soll besser sein als weiter fernsehen? Doch dann reichte er Winfried Legner die Fernbedienung, sitzt nun aufrecht und halb zugedeckt in seinem Bett und diskutiert mit dem ehrenamtlichen Helfer, ob hinter Indien nicht doch die Philippinen kommen und stellt ihm seinerseits eine Frage: Warum ist das Schwarze Meer schwarz? Dann aber kann es endlich losgehen mit dem Märchen von der Königin, die statt eines Kindes ein Ei zur Welt bringt, das sich auch noch Menschen fressende Ungeheuer angeln. Menschen fressende Ungeheuer? Also Furkan glaubt eigentlich nicht, dass es die im wirklichen Leben gibt.
Auch der zwölfjährige Pascal, der sich neulich beim Spielen im Garten verletzt hat, ist sofort froh über die Abwechslung, er hat ebenso von einem Land namens Burma noch nie gehört und gesteht, dass er höchstens vor Kannibalen mit Nasenringen Angst hat. "Danke für die Geschichte", sagt er, als Winfried Legner das Happy End erzählt hat. Denn natürlich findet der einst in dem Ei verborgene Prinzensohn am Ende heim zu seiner Königsfamilie und alles wird gut.
"Zwei Jungs hintereinander, das ist recht ungewöhnlich", berichtet Winfried Legner. "Viele Jungen finden, Geschichten zuzuhören, das sei doch was für Mädchen; das sei weibisch."
Der 64jährige war lange im mittleren Management eines amerikanischen Unternehmens tätig, dort verantwortlich für dessen EDV-Abteilungen in verschiedenen Ländern Ost- und Südosteuropas. "Zwei Tage pro Woche saß ich allein nur im Flugzeug. Bis ich eines Tages auf der Nase lag." Eine 60-Stundenwoche fordert eben irgendwann ihren Tribut.
Noch vor dem Ausscheiden aus dem Berufsleben war dem Vater dreier längst erwachsener Kinder klar, dass die kommende freie Zeit genutzt werden will und dass es etwas Praktisches und etwas mit Menschen sein sollte: "Nun irgendwo Verbandsarbeit leisten, als Beisitzer oder Kassenwart, nee, das liegt mir wirklich nicht." Und er erinnerte sich, dass er schon immer selbst gerne Märchen und Geschichten las und für sich ausschmückte. Anfangs las er noch Wort für Wort vor, nun gestaltet er seine Geschichten frei, erzählt sie mit verstellter Stimme. Wichtig ist ihm auch, dass die Tradition des mündlichen Überlieferns von Generation zu Generation in unserer Mediengesellschaft nicht endgültig ausstirbt. Manchen Kindern muss er erstmal erklären, was das überhaupt ist: Ein Erwachsener erzählt einem Kind eine Geschichte.
Mittlerweile ist er über die Woche verteilt in vier Kindergärten und zwei Krankenhäusern unterwegs, belebt so Ungeheuer und Monster, schwärmt von gefährlichen, aber dummen Tigern und von schwachen, aber klugen Kaninchen. Gelegentlich auch zur Freude von Eltern, die bei ihren Kindern im Krankenhaus wohnen: Während er erzählt, haben sie eine halbe Stunde Zeit für einen Kaffee in der Kantine.
"Ich finde das, was ich mache, gar nicht so exotisch", sagt Winfried Legner. Er versteht auch nicht, warum ihn immer wieder Bekannte nach dem Grund seines Engagement fragen. Wo es doch kein Geld dafür gibt! "Es macht Spaß. Einfach Spaß", sagt er. "Das reicht doch völlig aus, oder?"
Und er eilt den nächsten Flur entlang, drückt den nächsten Türöffner und die Tür geht automatisch auf.