Expertenrat: Leben in Balance

Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen

Expertenrat: Leben in Balance

Mann_auf_Wiese_Laurent_Renault_-_Fotolia_com_mod_100Ständig genervt und gereizt? Viele Väter merken, dass ihr Leben aus dem Gleichgewicht geraten ist. Ein Lebensbereich - bei vielen ist es die Arbeit - dominiert alle anderen Felder. "Väter sollten sich klar machen, was ihnen noch wichtig ist - und dann entsprechend umsteuern", sagt Berater Walter Lochmann.

Jeder Mensch hat unterschiedliche Rollen im Leben: Ein Mann ist zum Beispiel Sohn, Ehepartner, Vater, Mitarbeiter, Hobby-Saxophonist und ehrenamtlicher Fußballtrainer. Die Rollen markieren Lebensbereiche, in die er sich einbringen möchte und in denen andere Menschen Erwartungen an ihn haben. Diese Felder, die sich unter den Überschriften "Familie", "Arbeit", "Freizeit" zusammenfassen ließen, so auszubalancieren, dass ein individuell stimmiges "Gesamtbild" entsteht, ist eine immer wieder neu zu lösende Aufgabe. "Väter sollten das nicht allein mit sich selbst ausmachen. Wie viel Gewicht sie einzelnen Bereichen, zum Beispiel der Arbeit zumessen, hat nämlich Auswirkungen auf die anderen Familienmitglieder", meint Walter Lochmann, der als ehemaliger Geschäftsführer des inzwischen in ver.di BW umfirmierten DAG-Bildungswerks die erste virtuelle Väter-Beratungsstelle www.sozialnetz.de/vater-und-beruf initiierte und sich heute über die vielfältigen Homepages im Väterbereich freut. Seit 2007 ist er als Organisationsberater mit der Kairosagentur in Bad Vilbel bei Frankfurt/Main selbstständig. Er sagt: "Wenn ein Paar Kinder bekommt, ist das sehr schön, aber es wirft die Lebensführung auch gehörig durcheinander. Am besten die Eltern besprechen bereits im Vorfeld, wie sie Aufgaben verteilen wollen und wer wann in welchen Lebensfeldern Engagement verstärkt bzw. zurücknimmt. Vater zu werden heißt auch, in Abstimmung mit der Partnerin seine Lebensgestaltung neu zu justieren." Der Prozess ist nicht einfach. "Am Anfang sollten die Fragen stehen, was einem im Leben wichtig ist und was man mit seinem Leben anfangen möchte", erläutert Walter Lochmann.

Belastung steigt

"Umfragen zufolge steht bei immer mehr Vätern die Kinder und deren Erziehung weit oben auf dieser Liste der wichtige Dinge im Leben," erklärt der Berater. Doch im Leben vieler Männer "überwuchert" die Arbeit fast alle anderen Bereiche. "Wir stellen fest, dass die Arbeitsbelastung in den meisten Branchen steigt. Die tarifliche Wochenarbeitszeit ist heute höher als 1988 und sich häufende Burn-out-Fälle werden in vielen Unternehmen zum ernst zu nehmenden Problem", meint Walter Lochmann. "Erstaunlicherweise fehlt eine lautstarke Gegenbewegung, die mehr Lebensqualität, mehr Zeitsouveränität und Raum für die vielen anderen schönen Dinge im Leben - abseits der Arbeit - thematisiert und fordert." Dabei merkten viele, dass etwas nicht stimmt, dass sie ständig gereizt sind und genervt reagieren, wenn die Kinder etwas von ihnen wollen, sagt der Berater, der auch im Väter-Experten-Netz Deutschland, VEND e.V., aktiv ist.

Arbeit entfaltet Sogwirkung

Dass die Mehrzahl trotzdem einfach weitermacht, kann auch daran liegen, dass es für immer mehr Menschen bei der Arbeit um mehr geht, als ums Geldverdienen. Ihre Arbeit bringt ihnen Spannung, Spaß, Herausforderungen und Selbstbestätigung und entfaltet so förmlich Sogwirkung. Buchautor Ralph Goldschmidt beschreibt das folgendermaßen: "Ich geb’s zu, das eigentliche Ding war: Der Job war einfach spannender. Hier Verhandlungen um Millionen-Deals. Da vollgeschissene Windeln. Hier Big Business. Da musikalische Früherziehung. Hier Adrenalin. Da Geschichten aus dem Kindergarten."

Einseitigkeit hat Nebenwirkungen

Wer sich jedoch einem Lebensbereich fast ganz verschreibt, muss auch mit den "Nebenwirkungen" - zum Beispiel damit, den Forderungen von Kindern und Partnerin nicht gerecht werden zu können - leben. Und er verpasst viel: "Wer immer nur Bananenkuchen isst, wird nie erfahren, wie gut auch mal ein Apfelkuchen schmeckt", kommentiert Walter Lochmann und ermuntert Menschen, sich auf unterschiedliche Lebensbereiche einzulassen. Auch Ralph Goldschmidt schreibt: "Aus meiner Sicht sieht das so aus: Ohne glückliche Beziehungen kein Erfolg im Business. Nicht auf Dauer. Und ohne Erfolg im Business keine glücklichen Beziehungen. Nicht auf Dauer. Beides entspringt nämlich derselben Quelle: Selbstverantwortung."

Es gibt immer Alternativen

"Leben in Balance" ist, so scheint es vielen, gleichzusetzen mit "Work-Life-Balance". Eine ausgewogene, nachhaltige und damit gesunde Lebensführung auf die scheinbaren "Kontrahenten" Arbeit und Leben zu reduzieren, zeigt, wie sehr die Arbeit viele Menschen dominiert. Dabei gibt es Möglichkeiten, dass zu ändern: "Viele Männer kennen die Optionen aber nicht. Zum Beispiel gibt es das Teilzeit- und Befristungsgesetz. Außerdem enthalten zahlreiche Tarifverträge und Betriebsvereinbarungen ebenfalls Regelungen zur Arbeitszeitverkürzung," erklärt Walter Lochmann, der den Männern "mehr Mut" wünscht, diese Optionen auch zu nutzen. Walter Lochmann selbst machte positive Erfahrungen damit. Der Vater eines heute 16jährigen Sohnes arbeitete in mehreren Phasen seines Lebens in Teilzeit. "Das hat in allen Positionen - sogar als Geschäftsführer - gut geklappt," berichtet er. Gerade Menschen mit Führungsaufgaben seien gefordert, ausufernden Arbeitszeiten eine Absage zu erteilen und mit gutem Beispiel für eine neue Arbeitskultur voranzugehen.

Neue Wege erproben

Denn die Arbeitswelt ist im Umbruch: "Wir brauchen neue Konzepte für biografieorientierte Arbeitszeiten", sagt Walter Lochmann auch mit Blick auf die demografischen Veränderungen in der Gesellschaft. Menschen werden diese neuen Arbeitskonzepte dann entwickeln können, wenn sie die Herausforderung annehmen im eigenen Leben immer wieder eine Balance zwischen den unterschiedlichen Lebensbereichen herzustellen und dabei offen sind, auch neue Wege auszuprobieren. Dabei merken sie zum Beispiel: Die abendliche Gute-Nacht-Geschichte entspannt nicht nur das Kind, sondern auch den Vater.

Foto: Laurent Renault / Fotolia.com

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