Interview: Oberarzt Peter Navratil zur Rolle der Väter beim "Gesundwerden" der Kinder

Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen

Interview: Oberarzt Peter Navratil zur Rolle der Väter beim "Gesundwerden" der Kinder

Peter Navratil, Jahrgang 1964, verheiratet, 2 Kinder (12 u.16 Jahre), ist Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, Spezialist für Früh- und Neugeborenenmedizin (Neonatologie) sowie Kinderneurologie (Neuropädiatrie). Er arbeitet als Oberarzt an der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin des St.-Franziskus-Hospitals in Münster. Für das Väterportal fragten wir ihn, wie er Väter im Rahmen seiner Tätigkeit wahrnimmt, wie er sie für die Belange ihrer erkrankten Kinder erreicht und was es mit seinen eigenen Wünschen nach Vereinbarkeit von Beruf und Familie auf sich hat.

Herr Navratil, Sie haben beruflich mit kranken Kindern zu tun. Begegnen Ihnen auch besorgte Väter, oder haben Sie überwiegend mit Müttern zu tun?

In der Regel haben wir in der Kinderklinik mit beiden Eltern zu tun – nicht zuletzt deshalb, weil die bei uns behandelten Kinder z. B. mit einer Lungen- oder Hirnhautentzündung, oder weil sie viel zu früh geboren wurden, so krank sind, dass sie im Krankenhaus stationär behandelt werden müssen. Das besorgt Mütter und Väter gleichermaßen. Bei den näheren Angaben zu den Krankheitsverläufen führen meist die Mütter das Wort, aber es gibt immer öfter Väter, die ebenfalls über die Gesundheit ihrer Kinder gut Bescheid wissen.

"Immer öfter Väter…" - was beobachten Sie?

Mir ist in den Aufnahmesituationen früher häufig aufgefallen, dass ich stets beide Eltern angesprochen habe, aber fast immer nur die Mutter geantwortet hat. Wenn ich die Väter ganz gezielt ansprach, zum Beispiel nach den Impfungen des Kindes, suchten sie häufig etwas ratlos den Blick der Mutter. Das hat sich verändert. Väter sind zunehmend interessierter an der Gesundheit ihrer Kinder. Auch bei der Betreuung chronisch kranker Kinder beteiligen sich Väter mehr. Beispiel: Im Rahmen der Kinderneurologie habe ich viel mit Kindern und Jugendlichen zu tun, die chronisch an epileptischen Anfällen leiden. Bei solch schwierigen Krankheitsbildern, mit denen die gesamte Familie leben muss, sind bei Fragen von Schule, Ausbildung oder Führerschein mehr und mehr die väterlichen Seiten gefragt - und da kümmern sich die Väter auch.

Bitten Sie in solchen komplexen Fällen Mütter und Väter darum, gemeinsam zum Gespräch zu kommen?

Ja, meistens. Besonders wenn mir auffällt, dass bei einem Gespräch der zweite Elternteil fehlt - z.B. wenn die Mutter bei der Konfrontation mit einer ernsten Diagnose überfordert ist. Dann frage ich offen: "Wo ist denn der Vater?". Die Mütter berichten dann, dass die Väter ganztägig arbeiten, oder dass die Eltern getrennt leben. Je nach Konstellation empfehle ich, den Vater mitzubringen, oder wenn der zeitlich stark eingeschränkt ist, mich einfach anzurufen. Die Arbeit des Vaters ist zwar wichtig - aber für die Gesundheit des eigenen Kindes sollte der Vater es schaffen können, sich mal frei zu nehmen. Dafür hat auch der Arbeitgeber Verständnis. Der Vater kann nach § 45 SGB V eine Freistellung von seiner Arbeit beantragen, um einen Arztbesuch mit seinem Kind wahrnehmen zu können.

Wie berücksichtigen Sie die begrenzten zeitlichen Möglichkeiten von Vätern, sich vom Arzt über die Krankheit ihrer Kinder im Krankenhaus informieren zu lassen?

Eine Maßnahme unseres Hauses ist zum Beispiel, dass nach der morgendlichen Visite eines jeden Kindes noch einmal zwischen 15 und 17 Uhr ein betreuender Arzt durch die Zimmer geht, um mit den Eltern, die nur am Nachmittag kommen können, ihre Fragen zu besprechen. Die Kommunikation mit den Eltern spielt in der Kinderheilkunde eine sehr wichtige Rolle, da diese umso besser beim Gesundwerden ihres Kindes helfen können, je besser sie die Krankheit verstanden haben.

Es gibt auch die Möglichkeit, dass ein Elternteil im Krankenhaus bei seinem Kind übernachten kann. Dieses Angebot wird zunehmend gerade von Vätern angenommen, die tagsüber aufgrund ihrer beruflichen Verpflichtungen die Betreuung ihrer Kinder nicht leisten können. Die Kinder genießen es meist sehr, in dieser besonderen Situation ihren Papa mal ganz für sich alleine zu haben.

Väter von kranken Kindern: Mit welchen Sorgen oder Fragen kommen die Väter zu Ihnen?

In der Regel interessiert die Väter dasselbe wie die Mütter, nämlich die Fragen: Was hat mein Kind? Wie schlimm ist das? Was bedeutet das für mein Kind? Was kann man da therapeutisch machen? Wird mein Kind wieder ganz gesund? Väter kommen eher als Mütter schnell mit praktischen Details, zum Beispiel wie lange das Kind im Krankenhaus bleiben muss? Hintergrund der Frage ist oft, wie die Abläufe zu Hause sein werden und worauf sie sich einstellen müssen, wenn die Mutter häufig im Krankenhaus ist und zuhause bei der Betreuung der anderen Kinder fehlt. Viele wissen nicht, dass es rechtliche Grundlagen gibt, worin jedes Elternteil Anspruch auf 10 Tage pro Kind unter 12 Jahren für die Betreuung eines kranken Kindes oder der Geschwister hat. Die maximale Dauer beträgt pro Elternteil 25 Arbeitstage im Jahr, für Alleinerziehende 50 Arbeitstage (§ 45 SGB V).

Was sind körperliche Anzeichen, an denen man erkennen kann, dass ein Kind krank ist oder wird? Generell: Welches Wissen über Kinderkrankheiten oder Krankheitsverläufe sollte sich ein (werdender) Vater unbedingt aneignen?

Je mehr ein Vater weiß, umso besser für das Kind und - zur Entlastung - auch für die Mutter. Als Faustregel gilt: auf körperliche Anzeichen des Kindes achten und eigenen Impulsen nachgehen. Eltern haben, und das ist das Erfreuliche, fast immer eine intuitive Ahnung, ob mit ihrem Kind alles in Ordnung ist oder etwas nicht stimmt. Dazu gehören so basale Dinge wie "Wenn ein Säugling oder Kleinkind nicht mehr trinkt, dann stimmt etwas nicht, dann droht es auszutrocknen". Wenn noch ein zweites Symptom hinzukommt, etwa Fieber, Brechen, Durchfall oder Schmerzen, ist unbedingt der Gang zum Kinderarzt angezeigt.

Für ein besorgtes Gefühl der Eltern haben Kinderärzte größtes Verständnis und sie werden ihr Kind immer gründlich untersuchen. Mein Rat daher an die Väter ist: bei Anzeichen des Kindes, die ihnen Sorge bereiten, einen Kinderarzt aufzusuchen - auch mitten in der Nacht. Hinter jedem Fieber kann eine beginnende schwere Infektion wie eine Nierenbecken- oder Hirnhautentzündung stecken.

Welche Hinweise geben Sie Vätern hinsichtlich der (Vor)Sorge um die Gesundheit ihrer Kinder? Wo können sich Väter - auch vorab für einen evtl. Notfall - gut informieren?

Was die Vorsorge betrifft können sich Väter voll und ganz auf den betreuenden Kinderarzt verlassen. Der Kinderarzt hat ein gut geplantes Vorsorgeprogramm, was dem aktuellen Standard entspricht. Mit ihrem Auto fahren sie ja auch zum Kfz-Meister in die Werkstatt. Darüber hinaus gibt es sehr hilfreiche Ratgeberliteratur, die heutzutage gut gemacht und aufbereitet ist. Darin sind die wichtigsten Fragen zu Kinderkrankheiten und Gesundheit sehr verständlich und übersichtlich dargestellt. So können sich die Eltern schnell selbst orientieren und erhalten wichtige Hinweise wie z.B. "Kinder unter 3 Monate dürfen kein Fieber bekommen. Wenn dies doch der Fall ist, wenden Sie sich sofort an einen Kinderarzt." Die kommunalen oder konfessionellen Elternbriefe sind auch für medizinische Fragen oft sehr hilfreich.

Für besonders Interessierte gibt es Kurse zum Beispiel an Volkshochschulen, wo einem etwas gezeigt und besser erklärt werden kann, etwa zur Kinderpflege oder zu Kinderkrankheiten. Besonders gilt das für Notfallkurse: Wie leiste ich Erste Hilfe am Kind und vor allem am Säugling? Was tun bei Vergiftungen, Verbrennungen, Fieberkrampf, drohender Erstickung oder Ertrinken? Darüber sollten sich Väter informieren. Solche Fertigkeiten haben technische Komponenten, das spricht Väter an. Sie sind in Notfällen oftmals geistesgegenwärtiger als Mütter. Wenn sie gut geschult sind, sind sie auch handlungsfähig und können ihrem Kind praktisch helfen. Beispiel: Kürzlich hatten wir auf der Kinderintensivstation ein kleines Mädchen, das in einen ungesicherten Gartenteich gefallen und eigentlich schon ertrunken war. Als die Eltern das Kind leblos im Teich fanden, hat der Vater sofort mit Wiederbelebungsmaßnahmen wie Mund-zu-Mund-Beatmung und Herzdruckmassage angefangen, sodass beim Eintreffen des Notarztes das Herz des Kindes wieder begonnen hatte zu schlagen. Der Notarzt hat das Kind dann künstlich beatmet in unsere Klinik gebracht. Heute fährt die Kleine wieder Bobby-Car. Dem Vater kann man nur gratulieren. Wenn die Eltern tatenlos auf den Notarzt gewartet hätten, wäre dem Kind vermutlich nicht mehr zu helfen gewesen.

Nicht zuletzt kann ich die Homepage des Bundesverbandes der Kinder- und Jugendärzte empfehlen, weil Väter häufiger im Internet unterwegs sind und dann ja auch dort mal vorbeischauen können. Dort sind neben den Notrufnummern praktische Tipps für das Verhalten vor und in Notfällen hinterlegt oder man kann sich über entwicklungsbedingte Gesundheitsthemen informieren. Diese Seite würde ich mit einem Lesezeichen versehen, und schon gehört sie als Ratgeber zum Haushalt.

Beraten Sie Väter anders als Mütter? Und wie reagieren sie auf Ihre Hinweise?

Ich berate Väter ein bisschen anders als Mütter. Ich frage die Väter oft, was sie beruflich machen, um Anknüpfungspunkte für meine Erklärungen zu finden. Da ich selbst handwerklich interessiert bin (in meinem ersten Beruf war ich Elektriker), nehme ich gern Vergleiche aus dem technischen Bereich. Wenn ich Krankheitszusammenhänge auf diese Weise erklären kann, kommt es bei den Vätern relativ schnell zu einem Grundverständnis darüber, was mit ihrem Kind los ist. Mit diesem Grundverständnis erlebe ich sie dann auch viel interessierter und engagierter, die therapeutischen Empfehlungen auch umzusetzen.

Zum Beispiel wenn ein Kind an epileptischen Anfällen leidet, dann sage ich: "Ein Anfall ist eine vorübergehende Funktionsstörung des Gehirns wie bei einem 'Computer-Absturz'. Dann passiert eine Zeit lang nur Quatsch und wenn der Anfall vorbei ist und der Rechner wieder 'hochgefahren' wurde, ist alles wieder in Ordnung und keine Gehirnzellen abgestorben. Der Computer geht ja auch nicht von einem Softwarefehler kaputt." Das verstehen die meisten. Ich versuche dabei lateinische Fremdwörter zu vermeiden, weil das den Eltern oft nichts sagt und sie eher verunsichert.

Wo sehen Sie besondere Möglichkeiten der Väter, sich um die Gesundheit Ihrer Kinder zu kümmern?

Unfallverhütung und Gefahrenvermeidung ist oft eine "Papa"-Domäne. Da muss man hier und da im Haushalt etwas basteln, z.B. Schubladensicherungen montieren und Regale an der Wand verschrauben, damit sie nicht umfallen, wenn sich ein Kleinkind daran hochzieht. Gefahrenstoffe, Reinigungsmittel oder Medikamente müssen für Kinder unerreichbar sein. Wichtig sind auch das Sichern von Treppen, Fenstern, Herdplatten, Steckdosen und das Abdecken von Gartenteichen. Wenn ich Väter darauf hinweise, gibt es manchmal leuchtende Augen, weil sie hier aktiv werden und einen wichtigen Beitrag für die Sicherheit Ihrer Kinder leisten können.

Sie sind verheiratet und selbst Vater zweier Kinder. Wie gestalten Sie die Balance zwischen Ihren beruflichen Anforderungen und Ihrem Familienleben? Was möchten Sie daran noch verbessern?

Bei dieser Frage sehe ich mich nicht als Kinderarzt, sondern als berufstätiger Vater. Ich habe im Laufe meiner Karriere als Kinderarzt viel Zeit investiert, die ich nicht mit meiner Familie verbringen konnte. Als Oberarzt mit Wochenenddiensten und Rufbereitschaft sind 70 bis 80 Arbeitsstunden pro Woche keine Seltenheit. Meine Frau sagte immer sie sei zwar verheiratet, aber doch allein erziehend – womit sie leider oft recht hatte. Und mein pubertierender Sohn begegnete mir bei Versuchen, ihn zu erziehen, mit den Worten: "Papa, halt Du dich da raus, du bist doch sowieso nie zuhause." Das hat mich sehr getroffen und mir ist bewusst geworden, dass ich mein Privatleben oft meinen beruflichen Zwängen untergeordnet hatte. Ich habe dann die Notbremse gezogen und mir auf Kosten meiner Karriere eine neue Stelle gesucht, die es mir ermöglicht, Beruf und Familienleben besser zu verbinden. An meiner neuen Arbeitsstelle bin ich zufrieden, versuche aber nicht mehr als 60 Stunden in der Woche zu arbeiten – und siehe da, wenn man das will, dann klappt das auch. Ich genieße die neu gewonnene Zeit mit meinen Kindern und meiner Frau sehr und bin froh, dass ich diesen Schritt getan habe. Mein Sohn lässt sich übrigens wieder auch von mir etwas sagen.

In Zukunft würde ich gerne meine Arbeitszeit auf ein normales Maß von 40 Wochenstunden reduzieren und auf die Arbeit an Wochenenden und nachts im Bereitschaftsdienst verzichten - davon muss ich nur noch meinen Chef überzeugen.

Herr Navratil, vielen Dank für das Gespräch!

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