Trotz steigender Inanspruchnahme der so genannten "Vätermonate" gilt die Vereinbarkeit von Familie und Beruf noch nicht als breiter akzeptiertes Männerthema. Angesichts fehlender attraktiver und vor allem auch lebbarer Rollenbilder für "aktive" Väter untersuchte deshalb die kürzlich veröffentlichte DJI-Studie "Wege in die Vaterschaft", welche Vorstellungen junge Männer vom Vatersein haben und warum sich viele gegen eine Vaterschaft entscheiden.
Für die Studie, die das DJI im Auftrag der Bertelsmann Stiftung erstellt hat, wurden 1.803 männliche Jugendliche und Erwachsene im Alter zwischen 15 und 42 Jahren befragt (Oktober 2007 bis Februar 2008, deutschlandweit) - eine Zielgruppe, mit der deutlich wird, dass die Studie über die derzeitige Väterforschung noch hinausgeht. Denn sie untersucht die Lebenskonstellationen junger Männer in verschiedenen Lebensphasen auf dem Weg des Erwachsenwerdens - und eben auch in den Phasen vor der Vaterschaft. Sehr früh, so die Forscher, werden die Weichen dafür gestellt, ob und warum Männer (keine) Väter werden und ob und wie sie eine realisierte Vaterschaft leben wollen.
Die Antworten in der Studie zeigen deutlich, dass Männer durchaus "Lust auf Familie" haben, dass aber häufig mentale und strukturelle Barrieren den Weg zur Vaterschaft verstellen oder erschweren. So sagen mehr als neun von zehn der befragten kinderlosen jungen Männer ja zu Kindern. Für 66 Prozent allerdings ist dazu auch eine "gefestigte Partnerschaft" die persönliche Voraussetzung - ebenso wie die finanzielle Sicherheit als Grundlage für eine Familiengründung. Gleichzeitig ist ein "modernes" Ernährermodell in den Köpfen verankert: Bevor sich die Väter von morgen nicht in der Lage sehen, für eine Familie zu sorgen, kommen Kinder für sie nicht in Frage. Denn 95,5 Prozent sehen es als ihre Aufgabe an, der Familie ein Heim zu bieten. Eine frühe Vaterschaft, noch in Ausbildung oder in der Phase des beruflichen Einstiegs, ist daher für 57,2 Prozent der Befragten aus finanziellen Gründen unvorstellbar. Im Westen der Republik ist das Modell - erst Ausbildung und Beruf, dann Familie - stärker vertreten als im Osten.
Ein weiteres Ergebnis ist, dass jungen Männer nicht nur die Absicherung der Familie wichtig ist, sondern 95 Prozent von ihnen auch mehr Zeit für die Kinderbetreuung haben möchten. Dem stehen jedoch in Deutschland noch allzu häufig unflexible Arbeitgeber und eine wenig familienfreundliche Unternehmenskultur entgegen: Während sich 90 Prozent der Befragten am Arbeitsplatz Maßnahmen wünschen, die ihnen mehr Zeit mit der Familie im Sinne einer "aktiven Vaterschaft" ermöglichen, geben nur drei Prozent der berufstätigen Väter geben an, dass sie am Arbeitsplatz auch ausreichend Unterstützungsangebote zur Kinderbetreuung vorfinden. Ähnliches gilt für die Zeit der Ausbildung oder des Studiums. Und: Je höher die Qualifikation und das berufliche Engagement, desto größer die Sorge um Karriereverlust und Nachteile im Beruf. Daher ist ein Fazit der Studie, dass Deutschland - gerade in den Unternehmenskulturen - einen "Mentalitätswandel" benötigt, der dazu führt, dass "aktive Väter" nicht belächelt werden und Vorgesetzte vorleben, dass Kind und Karriere auch für Männer vereinbar sind.
Veränderte Geschlechter- und Rollenverhältnisse sowie höhere Ansprüche an den Partner und die Kindererziehung rücken Männer und Väter zunehmend ins Rampenlicht. Zwar ist heute viel von den "neuen Vätern" die Rede, doch fehlt es nach wie vor an institutionellen Arrangements und an attraktiven, neuen, gesellschaftlich geteilten Väterbildern. 55,3 Prozent der Befragten geben an, dass sie durch die Vaterschaft sicherlich Lebensfreude gewinnen würden. 62,5 Prozent sind aber überzeugt, ihre finanzielle Situation werde sich deutlich verschlechtern.
Vor dem Hintergrund der Ergebnisse der Studie lassen sich Handlungsempfehlungen ableiten. "Damit Vaterschaft im frühen Erwachsenenalter strukturell wie ideell 'normal' werden kann, gilt es, schon Bildungs- und Ausbildungsphasen eltern- und damit auch väterfreundlicher zu gestalten. Ausbildung bzw. Studium und Vaterschaft sollten simultan z.B. durch eine größere zeitliche Flexibilität im Studienverlauf möglich gemacht werden", so Professor Dr. Thomas Rauschenbach, Vorstand und Direktor des Deutschen Jugendinstituts. Hilfreich wären z.B. die Weiterentwicklung der Teilzeitberufsausbildung und mehr Ansätze zu einer familienfreundlichen Hochschule mit Kinderbetreuungsmöglichkeiten.
Weitere Informationen sind zu finden auf den Homepages des DJI und der Bertelsmann-Stiftung, z.B. eine Kurzfassung der Studie, die methodische Anlage der Vaterschafts-Studie, ein Vortrag von Prof. Dr. Thomas Rauschenbach (DJI) sowie einen Kommentar von Prof. em. Dr. Heinz Walter, Biel (Universität Konstanz), der angesichts einer 30-jährigen DJI-Tradition der empirischen Väterforschung aufzeigt, wie wichtig es ist, den Themenkomplex Väter-Vaterschaft-Vatersein nicht isoliert zu betrachten, sondern ihn in einen größeren gesellschaftlichen und historischen Kontext zu stellen - denn die Rolle der Väter ist eng mit der der Mütter und dem Gesamtsystem Familie innerhalb der Gesellschaft verknüpft.
Alexander Bentheim - PM DJI und Bertelsmann-Stiftung, 14.11.08