39,7 gegenüber 24,4 Wochenstunden: Die bezahlten durchschnittlichen Arbeitszeiten von abhängig beschäftigten Vätern und Müttern in Deutschland klaffen mit über 15 Stunden weit auseinander. Und das, obwohl viele von ihnen Erwerbs- und Familienarbeit gleichmäßiger untereinander aufteilen wollen. Eine Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) in der Hans-Böckler-Stiftung benennt als ein Kernproblem die traditionelle "Norm der lebenslang gleichen Vollzeitarbeit", welche unterschiedliche Lebensphasen der Beschäftigten - und damit Abweichungen von dieser Norm - noch immer nicht berücksichtige.
Bisher wurden die Arbeitszeiten von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern mit Kindern nicht systematisch erhoben und ausgewiesen. Forscherinnen vom WSI analysierten nun in ihrer Untersuchung Arbeitszeitrealitäten und -wünsche von Eltern und Personen, die Angehörige pflegen. Dabei kam unter anderem heraus:
- Geschätzt ein Drittel der Familien in Deutschland leidet unter Zeitnot. Hauptursache sind die nach wie vor langen Arbeitszeiten von Vätern - trotz zunehmender Erwerbstätigkeit der Mütter: 97 Prozent der Väter arbeiten Vollzeit, 57 Prozent sogar mehr als 40 Stunden pro Woche. Sowohl Eltern als auch Pflegende bewerten solche "überlangen" Arbeitszeiten von mehr als 40 Stunden als besonders problematisch für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Im Durchschnitt arbeiten Männer mit minderjährigen Kindern sogar 1,2 Stunden pro Woche länger als Männer ohne Nachwuchs.
- Eine klare Mehrheit der Deutschen befürwortet das Zweiverdienermodell. Es überwiegt mit 45 Prozent die Variante einer so genannten "modernisierten" Ernährerkonstellation, in der ein Partner Vollzeit, der zweite Teilzeit arbeitet. Nach wie vor müssen sich allerdings vor allem Frauen zwischen Vollzeit und Teilzeit entscheiden. Damit haben sie häufig nur die Wahl "zwischen Zeitnot einerseits und Karriereverzicht und wirtschaftlicher Benachteiligung andererseits", so die Forscherinnen. "Wenn Mütter Vollzeit arbeiten, steht dem meist keine Arbeitszeitreduktion der Väter gegenüber." Familienbedingte Teilzeit ist bei Vätern selten. Lange und überlange Arbeitszeiten belasten die Familienzeit und setzen dem häuslichen Engagement enge Grenzen. Die faktischen Arbeitszeitverlängerungen der letzten Jahre hätten zusätzlich dazu beigetragen, die Geschlechterungleichheit bei den Arbeitszeiten fortzuschreiben.
- Zu den Wünschen der Kinder an die Arbeitszeiten ihrer Eltern gibt es bislang keine repräsentativen Befragungen. Die Autorinnen der Studie greifen deshalb auf eigene qualitative Forschungen zurück. Danach begrüßen Kinder durchaus eine Erwerbstätigkeit beider Eltern. Sie wünschen sich verlässliche Arbeitszeiten, die wichtige Sozialzeiten wie Wochenenden oder Feiertage freihalten und Familienrituale zulassen.
Als Kernproblem für Hindernisse auf dem Weg zu praktikablen Vereinbarkeitsmodellen gilt die traditionelle Norm der lebenslang gleichen Vollzeitarbeit, welche unterschiedliche Lebensphasen nicht berücksichtige: gerechnet werde noch immer mit dem männlichen "sorgelosen Arbeitnehmer", der sich mit ganzer Kraft dem Job widmen kann, weil ihm seine Frau zu Hause den Rücken freihält. Doch das Ernährermodell mit nicht erwerbstätiger Mutter/"Hausfrau" ist längst in der Minderheit, wie die Daten zeigen: Nur ein knappes Viertel der Paare in Westdeutschland lebt noch in der so genannten Hausfrauenehe. In Ostdeutschland hat sie mit acht Prozent gar nur marginale Bedeutung.
Welche Auswege gibt es aus diesem Arbeitszeitdilemma? Die Autorinnen der WSI-Studie plädieren für ein erneuertes, familien- und gleichstellungsorientiertes Arbeitszeitkonzept:
- die männlich geprägte Normalarbeitszeit gehöre auf den Prüfstand und sei - wo möglich - durch "ein Menü unterschiedlich langer Vollzeitstandards" für bestimmte Lebensphasen zu ersetzen;
- Betriebe und Politik müssten Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen mit Fürsorgeverpflichtungen als neue Normalität anerkennen;
- die Anreize für eine partnerschaftlich egalitäre Arbeitszeitverteilung sollten verbessert werden, etwa nach schwedischem Vorbild: dort gibt es eine subventionierte Verkürzung der Arbeitszeit von Müttern und Vätern um fünf Stunden pro Woche, wobei ein voller steuerlicher Vorteil nur greife, wenn beide Eltern die Arbeitszeitabsenkung nutzen.
Die Hans-Böckler-Stiftung beschäftigt sich ausführlich mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf und hat dazu eigens eine Böckler-Box mit weiteren Informationen zu diesem Thema entwickelt.