Wie wirkt sich die Elternzeit von Vätern auf Karriere und Partnerschaft aus? Fragen dazu stellte vaeter-nrw im Mai, Juni und Juli seinen Leser unter "Ihre Meinung" zur Abstimmung. Die Ergebnisse liegen nun vor. Um sie einzuordnen und zu interpretieren sprach vaeter-nrw mit dem Experten Stefan Reuyß aus Berlin, der aktuell eine Studie zur neuen Elternzeit fertig stellt.
Warum Väter sich für die Elternzeit entscheiden, ermittelte Stefan Reuyß mit seinen Kolleginnen vom Berliner Institut für sozialwissenschaftlichen Transfer SowiTra für die Studie "Die neue Elternzeit" im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung. "Für alle Väter mit denen wir sprachen, gab es mehr als einen Grund, in Elternzeit zu gehen", erklärt Reuyß. "Besonders fiel uns eine zunehmende Familienorientierung auf: Die Männer wollten in der Neugründungs- oder Erweiterungsphase ihrer Familie dabei sein." An zweiter Stelle wurden Gründe genannt, die mit der Partnerschaft zu tun hatten. Es ging vielen Vätern darum, die Partnerin besonders in der allerersten Zeit mit dem Kind zu unterstützen. Männer, die ihre Elternzeit gegen Ende der Elterngeldfrist ansiedelten, wollten der Partnerin oftmals den Wiedereinstieg in den Beruf erleichtern, fand Reuyß heraus. Die Elternzeitler sagten auch, dass dies für sie die Möglichkeit sei, eine neue Welt kennen zu lernen und mal etwas ganz anderes zu machen. Auffällig ist dabei, dass die Väter bei der Entscheidung für Elternzeit neben den Belangen ihrer Familie auch immer die Anforderungen am Arbeitsplatz im Blick behielten und versuchten, beides gut zu koordinieren. "Das ist für Arbeitgeber ein sehr erfreuliches Ergebnis", sagt der Soziologe.
Beeinträchtigt Elternzeit den geplanten Karriereweg von Vätern?
"Glauben Sie, dass Elternzeit Ihren geplanten Karriereweg beeinträchtigen würde?", fragte vaeter-nrw seine Leser. Das Ergebnis der Befragung: Etwas mehr als 47 Prozent der Umfrageteilnehmer befürchten das und antworteten mit "ja" (24 Prozent) und "eher ja" (23 Prozent). Fast 53 Prozent dagegen meinten mit "eher nein" (15 Prozent) und "nein" (38 Prozent), dass eine Beeinträchtigung der Karriere nicht zu befürchten sei. "Unsere Befragungen zeigen ein ähnliches Ergebnis", sagt Reuyß. "Interessant dabei ist, dass die Männer, die ihre Elternzeit bereits hinter sich haben, keine Karrierenachteile sehen. Die Ängste der Väter durch Elternzeit eventuell ins berufliche Abseits zu geraten, bewahrheiteten sich in der Realität deutlich seltener als von den Männern vorher befürchtet. Es findet derzeit ein kultureller Wandel in den Unternehmen statt, von dem die Väter positiv überrascht sind." Je länger eine Elternzeit jedoch dauere, desto schwieriger werde es, an die berufliche Laufbahn anzuknüpfen, gibt der Experte zu bedenken. Komplizierter werde es für Väter genauso wie für Mütter, wenn die Elternzeit ein halbes bis ein Jahr überschreite. Ebenso führt Teilzeitarbeit häufig zu einem Karriereknick, denn auch heute noch schlössen sich Teilzeit und Führungsverantwortung in den meisten Betrieben in Deutschland aus.
Sind Elternzeit-Erfahrungen beruflich nutzbar?
Vaeter-nrw fragte seine Leser, ob sie meinen, dass Erfahrungen aus der Elternzeit sich auch beruflich positiv auswirken. 48 Prozent der Umfrageteilnehmer waren der Auffassung, dass sich die Erfahrungen mit Kind(ern) und Haushalt auch im Beruf verwerten ließen und antworteten mit "ja" (38 Prozent) und "eher ja" (10 Prozent). Insgesamt 52 Prozent äußerten sich skeptisch und klickten "nein" (28 Prozent) oder "eher nein" (24 Prozent) an. Der Experte Stefan Reuyß berichtet dazu: "Väter erzählten uns, dass sie durch die Elternzeit und die Erfahrungen mit teilweise stressigen Kleinkindern einen neuen Blick auf ihr Berufsleben bekommen hätten." Sie sähen danach bei der Arbeit vieles gelassener, arbeiteten zielgerichteter und hielten sich nicht mehr so viel auf 'Nebenkriegsschauplätzen' auf. "Für alle die viel selbst organisieren müssen, kann man die Frage, ob sie aus der Elternzeiterfahrung beruflichen Nutzen ziehen, also auf jeden Fall bejahen", sagt Reuyß. Auf der anderen Seite gäbe es aber auch sehr viele Berufe, in den Organisationsfähigkeit keine so große Rolle spielte. Dann müsse man die Frage wohl eher mit "nein" beantworten.
Neue partnerschaftliche Arbeitsteilung durch geteilte Elternzeiten?
Wie wirkt es sich langfristig auf die Partnerschaft aus, wenn beide Elternteile Elternzeit in Anspruch nehmen? Verändert sich dadurch die Aufgabenverteilung in der Familie? Zu dieser Frage äußern sich vaeter-nrw-Leser eindeutig. Drei Viertel von ihnen, sagen "ja" (44 Prozent) oder "eher ja" (31 Prozent). Ein Viertel der Teilnehmer ist jedoch der Meinung, dass sich nichts ("nein", sechs Prozent) oder wenig ("eher nein", 19 Prozent) verändert. "Wir stellen auf jeden Fall fest, dass Elternzeit einen Bewusstseinswandel bei den Vätern einleitet. Familie und Haushalt gewinnen an Bedeutung", sagt Stefan Reuyß. "Männer möchten heute ihre Partnerinnen stärker unterstützen. In Partnerschaften, in denen die Aufgaben egalitär verteilt sind, war das aber zumeist auch schon so, als es noch keine Kinder gab. In eher traditionellen Partnerschaften scheinen Männer, die Elternzeit in Anspruch nahmen, zumindest mehr Anerkennung für die Haus- und Sorgeleistungen der Partnerinnen zu haben und so besteht zumindest die Hoffnung, dass diese Männer im Nachgang häuslich engagierter sind."
Hintergrund:
Seit Januar 2007 gibt es die neue Elterngeldregelung, eine Entgeltersatzleistung, die dem jeweils betreuenden Elternteil in den ersten 14 Lebensmonaten des Kindes 67 Prozent seines letzten Nettogehaltes zuerkennt. Ein Elternteil kann jedoch - es sei denn er ist alleinerziehend - die Leistung nur für maximal zwölf Monate beziehen. Sollen alle 14 Bezugsmonate ausgeschöpft werden, muss der andere Elternteil mindestens zwei Monate übernehmen. Diese Neuregelung führt dazu, dass vermehrt Väter in Elternzeit gehen. Das frühere Erziehungsgeld bezogen Männer zu gut drei Prozent. Im ersten Quartal nach Einführung des neuen Elterngelds steigerte sich die Prozentzahl der männlichen Bezieher auf knapp sieben. Inzwischen stieg sie auf über 18 Prozent. Das zeigt eine Statistik über die zwischen Januar und März 2009 abgeschlossenen Elternzeiten.
Links:
Statistisches Bundesamt: "Statistik zum Elterngeld - Gemeldete beendete Leistungsbezüge im Jahr 2009"