Dirk Zangerl aus Düsseldorf berichtet im vaeter-nrw.de-Interview, wie er und seine Frau zunächst eine zweijährige Pflegetochter und dann einen neugeborenen Pflegesohn aufnahmen, die sie später adoptierten. In die neue Vaterrolle hineinzuwachsen, brauchte Zeit. Trotzdem möchte Dirk Zangerl anderen Mut machen, Kindern ein familiäres Zuhause zu geben.
vaeter-nrw.de: Sie haben zwei Adoptivkinder, die jetzt sechs und zwei Jahre alt sind. Können Sie den Weg beschreiben, den Sie gegangen sind, um Vater zu werden?
Dirk Zangerl: Wir haben keine eigenen Kindern bekommen und irgendwann stellten meine Frau und ich uns die Frage, ob Adoption eine Alternative für uns wäre. Um mehr zu erfahren, wandten wir uns an den Sozialdienst katholischer Frauen und Männer e.V. (SKFM) hier in Düsseldorf. Dort nahmen wir dann zusammen mit elf anderen Paaren ein halbes Jahr lang am sogenannten "Bewerberseminar" für potentielle Adoptiv- und Pflegeeltern teil. Das Seminar dient interessierten Paaren dazu, herauszufinden, ob sie sich dieser großen Verantwortung stellen wollen und können. Ich fand diese Zeit sehr bereichernd. Durch die intensive Beschäftigung mit diesem Thema haben wir viel über uns selbst gelernt und erfahren, mit welchen Fragen wir uns auseinandersetzen müssen, wenn wir Eltern werden wollen. Es ging um die Herausforderungen, die mit Pflege und Adoption verbunden sind, zum Beispiel auch bei der Aufnahme von Kindern aus dem Ausland oder von älteren Kindern. Das Seminar gab auch den Vermittlern die Möglichkeit, die Paare gründlich kennen zu lernen. Beim SKFM heißt es übrigens ganz klar: "Wir suchen Eltern für Kinder und nicht Kinder für Eltern."
vaeter-nrw.de: Konnten Sie danach direkt ein Kind adoptieren?
Dirk Zangerl: Nein, so einfach ist das nicht. Nur etwa ein Drittel der Paare, die ein solches Seminar absolviert haben, bekommt auch tatsächlich ein Kind vermittelt. Da das länger dauern kann, hatten wir uns überlegt, zwei Jahre lang für eine eventuelle Vermittlung zur Verfügung zu stehen. Danach wollten wir schauen, wie wir mit der Situation klarkommen und wie sich unsere Lebensumstände in diesem Zeitraum eventuell verändert haben, um dann neu zu entscheiden, ob wir auf der Warteliste bleiben wollen und können. Außerdem werden heute vermehrt Kinder erst einmal in Pflegefamilien vermittelt. Ob es später zu einer Adoption kommen kann, ist dann aber unsicher. So war es auch bei uns. Wir hatten Glück und bekamen schon bald die Möglichkeit, ein zweijähriges Mädchen in Pflege zu nehmen. Zunächst haben wir ihre Großeltern kennengelernt, mit denen bis heute ein enger Austausch besteht. Die leibliche Mutter, die bei der Entbindung noch sehr jung war, hatte keinen Kontakt mehr zu ihren Eltern und der Tochter, die mittlerweile in einem Kinderheim lebte. Dort durften wir sie über einen Monat hinweg intensiv besuchen. Dann kam sie zu uns.
vaeter-nrw.de: Wie sind Sie mit der plötzlichen Vaterrolle klar gekommen?
Dirk Zangerl: Ich fand es viel schwieriger als ich dachte. Plötzlich war unser ganzes Leben auf den Kopf gestellt. Meine Frau nahm Elternzeit - das ist seit 2004 auch bei Vollzeitpflegekindern möglich - und ist viel besser damit klar gekommen. Ich nahm zweieinhalb Wochen Urlaub, musste dann aber wieder arbeiten. Mich hat die Umstellung - ehrlich gesagt - etwas aus der Bahn geworfen. Ich war, wie viele andere Väter auch, der Feierabendpapa und mir fiel es schwer, eine engere Beziehung zu unserer Tochter aufzubauen. Ich fühlte mich sehr unsicher und fand zeitweilig meine Position in der Familie nicht. In den ersten zwei Jahren waren für mich neben vielen glücklichen Momenten oft auch negative Gefühle mit der neuen Situation verbunden. Was ich aber dann sehr genossen habe, war der gemeinsame Weg in den Kindergarten. Unsere Tochter ging bei mir in Arbeitsplatznähe in eine Einrichtung und wir saßen morgens immer eine halbe Stunde lang zusammen im Auto und hörten bzw. sangen Kinderlieder. Das war sozusagen "unsere Zeit".
vaeter-nrw.de: Was hat Ihnen geholfen, die Situation zu bewältigen?
Dirk Zangerl: Wir hatten das Glück, dass drei Paare aus der Gruppe beim SKFM, mit denen wir uns bereits angefreundet hatten, ebenfalls um etwa die gleiche Zeit Kinder bekommen haben. Wir trafen uns regelmäßig und der Austausch war sehr wertvoll. Außerdem bietet der SKFM einmal im Jahr ein Familienwochenende an und vierteljährliche Abende, zu denen jeweils ein Elternteil kommt. Meine Frau und ich wechseln uns beim Besuch dieser Abende ab. Da merkt man dann, dass andere ähnliche Themen und Probleme haben und dass es nicht eigenes Fehlverhalten ist, das sie verursacht. Das nimmt schon einmal Druck raus.
vaeter-nrw.de: Das hört sich nicht einfach an und trotzdem entschieden Sie sich dafür, ein weiteres Kind - auch zunächst als Pflegekind - aufzunehmen. Warum?
Dirk Zangerl: Ja, das stimmt. Ich war sogar zwischenzeitlich noch richtig krank. Das gab mir aber die Chance, viel zu lernen und zu reflektieren, was ich ändern muss. Einige Monate, nachdem ich wieder gesund war, erhielten wir einen Anruf, dass wir ein zweites Kind bekommen könnten. Innerlich haben wir beide sofort "ja" gesagt. Trotzdem haben wir uns noch externe Beratung geholt und mit Freunden gesprochen. Alle haben uns zugeraten. 14 Tage später hatten wir einen kleinen neugeborenen Jungen. Im Vergleich kann ich sagen, dass es noch einmal etwas anderes ist, wenn man ein Kind von Anfang an begleiten kann. Ich weiß noch, wie ich ihm nachts um drei, im Jogginganzug im kalten Wohnzimmer sitzend, die Flasche gab und plötzlich dachte: "Das ist das Sinnvollste, was du je in deinem Leben gemacht hast."
vaeter-nrw.de: Wie war es möglich, dass Sie beide Kinder dann doch adoptieren konnten?
Dirk Zangerl: Die leiblichen Eltern bzw. Mütter haben die Kinder jeweils durch notarielle Erklärung zur Adoption freigegeben. Wir konnten unsere Tochter dadurch adoptieren noch bevor sie in die Schule kam. So konnte sie gleich mit ihrem neuen Familiennamen dort starten. Unser Sohn war etwa eineinhalb Jahre alt, als wir ihn adoptierten. Dass das so geklappt hat, war wirklich Glück. Bei anderen Paaren aus unserer Gruppe haben die Kinder teilweise noch Pflegekindstatus.
vaeter-nrw.de: Was möchten Sie anderen Paaren mit auf den Weg geben, die überlegen, ein Pflege- oder Adoptivkind aufzunehmen?
Dirk Zangerl: Es ist auf jeden Fall ein Wagnis - aber das ist ein leibliches Kind ja auch. Ich möchte anderen Mut machen, sich auf das Wagnis einzulassen. Es kommt viel zurück und man gewinnt durch das Leben als Familie neue Erfahrungen, Emotionen und Lebensbereiche dazu. Wichtig ist, sich gut vorzubereiten, viel Geduld mitzubringen, manchmal Unsicherheiten auszuhalten und sich bei Schwierigkeiten nicht zu schnell vom Weg abbringen zu lassen.
vaeter-nrw.de: Herzlichen Dank für das interessante und sehr persönliche Gespräch!
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