Vaterrolle: Kinderhausvater zwischen Papa- und Betreueraufgaben

Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen

Vaterrolle: Kinderhausvater zwischen Papa- und Betreueraufgaben

Kinderhaus_100Mit acht Kindern zwischen drei und zehn Jahren zu leben, ist Alltag für Ralf Coenen aus Hückelhoven. Er ist Kinderhausvater für sechs "Heimkinder" sowie Vater zweier Pflegekinder, die er und seine Frau bald adoptieren. Die Rolle zwischen privatem Vater und professionellem Betreuer birgt besondere Herausforderungen.

Ralf Coenen ist Theologe und als Diakon tätig, gleichzeitig ist er sozialer Vater von acht Kindern. Zuhause, das ist für ihn das Coenen24-Kinderhaus in Hückelhoven, ein Kinderheim im Klein-Format, in dem er und seine pädagogisch ausgebildete Frau, die die Einrichtung leitet, Kinder im Alter zwischen drei und zehn Jahren professionell betreuen und begleiten. 34 Kinderhäuser dieser Art gibt es in Nordrhein-Westfalen. "Kinderhäuser geben Kindern, die nicht bei ihren leiblichen Eltern bleiben können, langfristig ein familienähnliches Zuhause. Die Kinderhäuser, die je nach Größe unterschiedlich viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigen, arbeiten eigenständig, sind aber dem Jugendamt verpflichtet", erklärt Dirk Rademaker, Diplom Sozialpädagoge und pädagogischer stellvertretender Leiter des P.E.B. e.V. in Bornheim, Träger sozialpädagogischer Lebensgemeinschaften und Berater für Kinderhäuser. "Kinderhäuser oder -heime nehmen Kinder auf, die so viele Vorbelastungen mitbringen, dass eine Pflegefamilie damit nicht klarkäme, oder die ein Handycap haben, das fachliche Qualifikation nötig macht", berichtet der Kinderhausvater."Unsere Kinder haben alle ihr Päckchen zu tragen, kämpfen vielfach mit Ängsten, die sie teilweise auch in fortgestrittenem Alter noch zu Bettnässern machen oder verletzen sich selbst." Daher werden die Kinder von ausgebildeten Pädagoginnen und Pädagogen betreut.

Zwischen "Papa" und "Kinderhausvater"

Zwei seiner acht Kinderhausschützlinge sind jedoch Pflegekinder der Coenens und werden bald adoptiert. "Das sind unsere eigenen Kinder", sagt Ralf Coenen. "Da bin ich der Papa. Meine Töchter dürfen auch ab und zu in unseren privaten Bereich schlafen und mal alleine mit uns wegfahren." Das ist bei den anderen Kindern anders, denn die haben auch ihre Herkunftsfamilien, zu denen sie gehören. "Die Paparolle ist durch die leiblichen Väter besetzt", erklärt der Heimvater. "Das heißt aber nicht, dass ich im Alltag nicht die Aufgaben eines Vaters übernehme, mit den Kindern raufe und tobe, sie bei den Hausaufgaben unterstütze, Ansprechpartner für Probleme bin und ihnen insgesamt als männliches Rollenvorbild diene." Besonders wichtig ist dem Theologen eine klare Linie und große Ehrlichkeit. "Ich sage die Wahrheit, auch wenn die schmerzhaft ist. Das gibt den Kindern die Sicherheit, dass sie sich auf meine Aussagen verlassen können. In einem von besonders vielen Unsicherheiten geprägten Leben, ist das überaus wichtig", sagt er.

Wertschätzung behalten, auch wenn es richtig "Zoff" gibt

Dirk Rademaker betont die zentrale Rolle, die Männer in diesen pädagogischen Zusammenhängen spielen: "Die Männer bieten den Jungen wichtige Rollenvorbilder, die ihnen helfen, ihre Identität zu finden." Die männlichen Bezugspersonen in den Kinderhäusern stelle das aber auch vor erhebliche Herausforderungen, sagt Dirk Rademaker: "Einerseits habe sie eine nahe Beziehung zu den Kindern, andererseits brauchen sie die professionelle Distanz. Zwischen Beziehungsebene und Fallsicht unterscheiden zu können, setzt eine hohe Reflektionskraft voraus. Praktisch heißt das zum Beispiel, dass sie die Auseinandersetzung nicht scheuen dürfen, denn die Kinder fordern sie zum Teil extrem heraus. Gleichzeitig gilt es, die Beziehung aufrecht zu erhalten. Das ist eine große Kunst." Ralf Coenen weiß, warum es ihm gelingt, auch in sehr schwierigen Situationen seine Wertschätzung für die Kinder deutlich werden zu lassen: "Ich liebe Menschen. Wenn ich diese Grundlage nicht hätte, bekäme ich das nicht hin."

Das Kinderhaus-Team

Hinter den Kinderhauseltern, die auch untereinander die fachliche von der privaten Ebene genau trennen können müssen, steht ein Team. Das Coenen24-Kinderhaus beschäftigt drei pädagogische Fachkräfte. Dazu kommen zwei hauswirtschaftliche Beschäftigte, eine Bürokraft, eine Kinderpflegerin und ein Jugendlicher, der ein freiwilliges soziales Jahr (FSJ) absolviert und vorwiegend die Streichelzoo-Tiere - das Pony sowie Ziegen, Hühner, Enten, Katzen und Hunde - versorgt, die auf dem riesigen Grundstück um das 450-Quadratmeter-Haus untergebracht sind. "Diese Unterstützung durch ein professionelles Team erlaubt es uns auch, uns zurückzuziehen und Kraft zu tanken", sagt Ralf Coenen, der jedoch vor allem ein geselliger Mensch ist. "Wir haben ein sehr offenes Haus, in dem Schulkameradinnen und -kameraden der Kinder und Menschen aus unserem Freundeskreis ein und aus gehen." Begeistert berichtet er über große Gartenfeste und Urlaube mit allen acht Kindern.

Unterstützung durch Supervision

Begleitet wird das Kinderhausteam durch eine monatlich stattfindende Supervision. "Das gibt uns Gelegenheit, eigenes Verhalten zu reflektieren, den Umgang mit den Herkunftsfamilien zu besprechen und uns über die Entwicklung der Kinder sowie konkrete Erlebnisse mit ihnen auszutauschen", sagt Ralf Coenen. Bei akuten Problemen können sich die Kinderhauseltern auch jederzeit Beratung beim P.E.B. oder beim Jugendamt holen, das den Weg der Kinder auch durch regelmäßige, gesetzlich vorgeschriebene Entwicklungs­gespräche, sogenannte Hilfeplangespräche, begleitet.

Ein "Nest" für die Kinder bauen

Trotz aller Probleme, die es auch mit den Herkunftsfamilien der Kinder immer wieder gibt, behält Ralf Coenen sein positives Lebensgefühl und genießt die Tatsache, Kindern ein "Nest" bauen zu können, in dem sie sich geschützt und geborgen fühlen.

 

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